Eine schwere Entscheidung am Flughafen von Köln

Von Daniel von der Ruhr

Es ist nicht so, dass mir der Gedanke des Auswanderns nicht schon früher gekommen ist. Aber in den letzten drei Monaten ging alles so schnell, dass ich selbst mitunter kaum glauben könnte, was gerade geschah. Einige Tage vor meiner Abreise hatte ich noch ein langes Gespräch mit dem Chef des Blogs, Younggerman, der sich nicht die Mühe machte mir ins Gewissen zu reden, sondern nur Verständnis äußerte. Das war gut, denn meine Entscheidung stand fest, obwohl mir nie eine Entscheidung in meinem Leben so schwer gefallen war wie diese hier.

Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich bereits dabei mich in meiner neuen Heimat einzuleben. Vielmehr sind “wir” dabei uns einzuleben. Denn die Geburt meines Kindes hat meine Perspektive auf die Dinge in Deutschland nochmals gründlich geändert. Obwohl ich erst vor etwa einem Jahr damit angefangen habe hier zu schreiben und meine Gedanken über den Zustand unseres Landes über den Bekanntenkreis hinaus zu publizieren, kommt mir die Zeit wie eine Ewigkeit vor. Ich gehöre zu dem Personenkreis, der erst vor wenigen Jahren, eigentlich erst 2016 und fortführend in seinen Glaubensgrundfesten erschüttert wurde. Hätte man mir 2012 gesagt, dass ich eines Tages der BRD den Rücken kehren würde, um auszuwandern, während die von mir gewählte Partei, die SPD, ins Bodenlose stürzen würde, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Erst 2015 habe ich angefangen darüber nachzudenken mein Kreuz vielleicht doch an anderer Stelle zu machen. 2017 reichte es für die Zweitstimme AfD. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es gar keine andere Partei mehr gibt, die es wert wäre gewählt zu werden. Die AfD ist, bedauerlicherweise, die einzige Oppositionspartei in unserem Land und wird es auch auf lange Sicht bleiben, wenn sie nicht durch eigene Fehler oder die immer autoritärere Hand in diesem Staate verschwindet.

Resümieren wir



Im letzten Jahr kam mein Arbeitgeber ins Straucheln. Die kleine IT-Firma, ein mittelständisches Unternehmen mit einigen Hundert Mitarbeitern, war international nicht mehr konkurrenzfähig. Ich habe viel und oft über diese Problematik hier geschrieben. Deutschland verliert international den Anschluss, hinkt teilweise im Bereich IT, Industrie 4.0 und Künstliche Intelligenz um viele Jahre zurück. Der Ausbau der digitalen Infrastruktur ist langsam, stellenweise herrschen mittelalterliche Zustände. Dann, vor einem halben Jahr, wurde massiv gekündigt. Ich als ausgebildeter IT-Informatiker war arbeitslos geworden. Schon vorher war das Gehalt weit unterhalb des internationalen Durchschnitts. Von anderen Kollegen wusste ich, dass man im Ausland mit meiner Ausbildung und Berufserfahrung weit mehr verdienen könnte. Aber der Idealismus und die Freunde hier hielten mich. Ich war bis vor einigen Jahren noch der Meinung gewesen, dass ich gerne Steuern zahle, weil ich weiß, dass sie sinnvoll eingesetzt werden – nämlich zur Besserung unseres Landes und der Menschen hier. Es ist wohl selbsterklärend, dass ich diesen Glauben verloren habe. Mir scheint, dass er unwiederbringlich fort ist.

Es ist nicht nur, dass die Wirtschaftskrise begonnen hat und die Euro-Politik unter LaGarde mit der EZB fortgeführt wird. Es sind die vielen kleinen Dinge, die sich summieren und ein großes Gesamtbild abgeben. Ungezügelte Masseneinwanderung, Baustelle Sozialsystem, löchrige Rentenkasse, immer höhere Steuersätze und eine seltsame Lethargie in Kombination mit Massenhysterie halten dieses Land im Würgegriff. Wahrscheinlich ist müssig zu erwähnen, dass ich nicht das Verlangen verspüren immer mehr von meinem Geld abgezwackt zu sehen, das in dem Sumpf verschwindet, den man heute in Deutschland als Asylpolitik bezeichnet. Die Deutschen haben darüber jedes Maß verloren und werden einen hohen Preis für ihren Sonderweg zahlen.

Als ich vor etwa einem halben Jahr eine Initiativbewerbung bei einer australischen IT-Firma einreichte, ging alles sehr schnell. Ich nahm an einem Online-Auswahlverfahren teil, bestand und kam in der Auswahlhierarchie weiter. Nach nur zwei Wochen lud man mich nach “Down Under” ein, nachdem man schon ein Skype-Interview mit mir geführt hatte. Ich war im engeren Kreis der Bewerber gelandet. Als ich unten ankam, holte man mich mit einem Taxi am Flughafen ab, ging mit mir Essen und der Chef, ein Ex-Militär, fand sofort Gefallen an mir. Ich hingegen war schwer beeindruckt von der Firma und der Effizienz, mit der dort gearbeitet wurde. Man machte mir klar, dass man ihrerseits keine Mühen scheuen würde, um mich zu gewinnen. Mein Gehalt: das Fünffache von dem, was ich in Deutschland vorher verdient hab – inklusive niedrigerem Steuersatz.

Zwei Tage später stand ich wieder Daheim in Bottrop. Ich sollte anrufen, direkt beim Chef, wenn ich mich entschieden hätte. Als ich meiner Lebenspartnerin erzählte, wie mein Eindruck war, stand unsere Entscheidung fest. Vielleicht lag es daran, dass wir beide berufstechnisch in einer Sackgasse standen und merkten ,dass wir unseren Lebensstandard so auf Dauer kaum verbessern oder halten könnten. Ich rief an und nur eine Woche später war fast alles geklärt – die Firma half bei der Vermittlung gegenüber der Botschaft, besorgte Papiere, half mir permanent und fast rund um die Uhr bei Fragen. Sogar bei der Wohnungssuche war man mir behilflich und organisierte sogar ein Vorstellungsgespräch für meine Lebenspartnerin bei einer befreundeten Firma in der Gegend. Ich dachte mir: So gewinnt man Fachkräfte. So und nicht anders.

Buntland ist abgebrannt

Nun mag es für viele Bürger hier im Land noch relativ gut auszuhalten sein. Ein Teil des mittleren Bürgertums wird seinen Wohlstand halten können, der Rest wird jedoch absteigen. Die soziale Durchlässigkeit nach Oben hat aber insgesamt abgenommen. Wer bleibt, kann bei seiner finanziellen und moralischen Ausbeutung, betrieben durch die Regierung und die Parteien, nicht widersprechen und sich nicht wehren.

Ich verbrachte einige melancholische Stunden in der Gegend meiner Jugend und Kindheit in Bottrop. Dort wo ich aufgewachsen war und noch nostalgische Erinnerungen an meine Eltern und Freunde hatte. Leider ist Bottrop keine zukunftsfähige Stadt in NRW mehr, sondern steigt ab. Es ist nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das soziale Niveau. Meine Nachbarschaft aus Kinderzeiten erinnert mich heute mehr an ein albanisches Dorf – Menschen und Infrastruktur inklusive. Überall wird man angebettelt, er stromern seltsame Gestalten durch die Gegend und die Fassaden sehen aus wie die der DDR direkt nach 1989. Wer Deutschland als Technologienation versteht, kann nur schockiert sein. Hier wurde nach den 70er Jahren der Pausenknopf gedrückt und die Menschenmühle angeworfen. Zunehmend fällt es mir schwer mich mit meinen Mitmenschen zu identifizieren und mich hier heimisch zu fühlen. Egal ob ich Köln, Dortmund oder Düsseldorf bin. Die deutsche Gesellschaft hat sich verändert, auseinander dividiert und wird zudem demographisch und ethnisch aufgewühlt. Die Implikationen für die Zukunft sind dramatisch, werden aber nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung wahrgenommen. Ich hingegen habe keine Lust mein Kind auf eine Grundschule zu schicken, in der Gewalt und Ausgrenzung durch Neubürger zum Alltag gehören. Wer meint, das nicht wahrnehmen zu können, lügt oder ist blind. In jeder Schule, fast ausnahmslos jeder, gehören Zustände wie an der Berliner Rütli-Schule fast zum normalen Alltag.

Ja, die Geburt meines Kindes hat viel verändert. Mich hält nichts mehr hier. Ich kann nichts mit diesen Deutschen anfangen. Auch im Kreise meiner Familie ist nur mein Vater noch halbwegs in der Lage die Dinge klar zu sehen. Nur der Mut fehlt ihm, es auch nach außen darzustellen. Deutschland zu verlassen ist schwer, denn ich habe mich immer, auch wenn das viele Leser hier vielleicht nicht gerne lesen wollen, als Patriot und Sozialdemokrat verstanden. Wer heute soziale Politik für das eigene Volk will, kann aber nur noch AfD wählen und hoffen, dass diese Partei vielleicht den Sturm aufhalten kann.

Die Bundesrepublik Deutschland war mal ein wunderbares Land, voller Chancen und großer Hoffnungen für die Zukunft. Vor zwanzig Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich einmal diesem Land den Rücken kehren würde. Ich wünsche allen anderen, die hier im Land verbleiben und für es (politisch) kämpfen wollen, viel Glück und Erfolg. Aber ich für meinen Teil will nicht das Wohl meines Kindes und meiner kleinen Familie riskieren, nur weil Idealismus und alte Vaterlandsliebe mich hier halten.

Jeder muss für sich selbst entscheiden ,was das beste für ihn und seine Liebsten ist. Ich habe noch am Flughafen von Köln kurz mit mir gerungen. Aber jetzt bin ich froh darüber, dass wir den Flieger bestiegen haben.

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