Berlin beim Sambesi

Großstadtluft macht krank. Otto Dix malte einst das Bild «Großstadt», wo er kontrastreich abbildete, was auch knapp 100 Jahre später gültig ist. Vergnügungssüchtige Menschen dort, der Bodensatz der Gesellschaft hier. Berlin ist interessant, gibt es hier doch immer etwas zu tun und zu erleben, wenn man nicht das Pech hat Abends an der Warschauer abgestochen zu werden. Kürzlich flatterte bei mir Post vom Polizeipräsidenten in Berlin ein. Ich wusste zuerst nicht um was es geht und war dementsprechend irritiert. Was hatte ich verbrochen? Wie sich herausstellte, war ich unschuldig und man wollte lediglich meine Aussage zu einem [Afrikanischer Name; nennen wir ihn mal Mumbele B.]. Sollte ich mich weigern und den Termin nicht wahrhaben können, würde man mich schon zwingen und nötigen, machte das Schreiben in Beamtendeutsch unmissverständlich klar. Dies war keine Bitte, sondern eine Aufforderung. Weder stand drin um was es ging, noch wer die genannte Person mit dem afrikanischen Namen war. Aber ich erinnerte mich dunkel, dass ich vor etwa fünf oder sechs Monaten die Polizei an der Warschauer Straße kontaktiert hatte, weil ich dort am helllichten Tag von drei afrikanischen Drogendealern, die teils mit einem Messer bewaffnet waren, belästigt wurde. Nun sollte ich den Verdächtigen Mumbele B. identifizieren.

Der Fall lag schon so lange zurück, dass kaum noch Erinnerungen an ihn hatte. Nach einem halben Jahr muss ich ehrlicherweise zugeben, dass mein Zorn über den Vorfall verraucht war. Aber als gesetzestreuer Bürger, der keine Lust hat vom beleidigten Vater Staat gegängelt zu werden, machte ich mich auf den Weg in Richtung Südstern, wo nicht unweit eine Polizeistation steht. Eine nette Polizistin mit türkischen oder orientalischen Namen empfing mich und brachte mich nach oben in ihr Büro, wo sie mir eine Stunde lang Fotos von Verdächtigen zeigte, die scheinbar etwas mit Drogenkriminalität und Messern in Berlin zu tun hatten. Nachdem ich gefühlt drei Dutzend afrikanische Gesichter gesehen hatte, musste ich ihr ehrlich sagen, dass ich mir zwar sicher war, dass es keine Somalier oder sonst irgendwie arabisch-afrikanische Kerle gewesen waren, aber ich ansonsten den Messermann nach einem halben Jahr nicht mehr identifizieren kann.



Ursprünglich, als ich die Drogendealer oder vermeintlichen Drogendealer meldete, schien der Polizist am Telefon kein Interesse zu haben den Fall zu verfolgen. Am betreffenden Tag erhielt ich dann aber, als ich schon längst weitergereist war, einen Anruf von einem Streifenpolizisten, der wohl den Verdächtigen tatsächlich festgenommen hatte. Er bat mich um eine Gegenüberstellung und versprach mir, sich schnellstmöglich wieder bei mir zu melden. Das war so im Mai. Da kam leider nie wieder etwas zurück und so hatte ich den Fall zu den Akten gelegt und vergessen.

Dass ich jetzt unter 30 bis 40 Afrikanern den Täter identifizieren sollte (sechs Monate später), gestaltete sich als äußert schwierig. Ich muss leider sagen, dass sich die Personen alle sehr ähnelten. Kalte, emotionslose Züge, markantes Kinn, dunkle bis schwarze Haut und harte Augen. Ich erwarte nicht, dass sich die nette Polizistin nochmal bei mir meldet.

Beim Verlassen der Wache ging ich die Gneisenaustraße entlang, wo sich ein netter Austausch vor einem Second-Hand Kleiderladen abspielte. Der blonde, große Mann, vermutlich ein Deutscher, trug sehr lockere Hosen wie Aladin aus Disneys Verfilmung. Im Mund klemmte der Filter einer werdenden Zigarette, während er ein paar Scheine an den Stammeskrieger vom Sambesi gab, der dort in seiner Bomberjacke stand und die Straße links wie rechts beobachtete, ehe er das weißes Tütchen rüber wachsen ließ. Der Waschmittelhändler schielte noch kurz zu mir, da ich vermutlich zu gut für die Gegend gekleidet war, bevor ich vorbeizog und in Richtung U-Bahn ging. Noch beim Betreten der Unterführung wich ich gekonnt der frischen Kotzpfütze aus und ließ mich später beim Aussteigen an meinem Zielort nicht von den Roma & Sinti Frauen anbetteln, die mir eine neue Geschichte von ihren zwölf blinden Kindern auftischen wollten. Noch auf dem Weg nach Hause rieb sich ein Mann mit einer alten Klobürste mitten im Zug immer wieder die Stirn und das Gesicht, bis es rot und aufgekratzt war. Dann zog er immer wieder die Nase hoch und gurgelte mit der Körperflüssigkeit. Gegenüber am Ostbahnhof, nahe dem Ufer, sind derweil Eigentumswohnungen entstanden, die für eine oder zwei Millionen Euro verkauft werden.

Dit is Berlin.

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