Abschied auf Chinesisch

Das Jahr 2019 wird als das Jahr eingehen, indem der westliche Unterhaltungssektor seine Seele an China verkaufte. Die Skandale der letzten Monate sind Beweis genug dafür, dass die kommenden Jahre für den Gamer, Cineasten oder auch Sport-Fan zur Glaubensfrage werden. Dabei geht es vor allem auch um eine systemische Frage.

Es fing an, dass der renommierte Entwickler aus Kalifornien Blizzard auf seiner eigenen Messe 2018 ein großes Spiel ankündigte. Die Fans waren voller Neugierde und blickten gespannt auf die Ankündigung, die sich aber als Mobile-Ableger von Diablo entpuppte. Nicht nur, dass die Diablo-Fans eher am Computer als am Handy sitzen, die ursprüngliche Intention Blizzards war jedem klar – man will mit dem Mobile-Game auf den chinesischen Markt vorstoßen und ordentlich Kohle scheffeln, da Spiele für das Smartphone in China eine Goldgrube darstellen. Deshalb ging Blizzard auch eine “strategische Allianz” mit dem Digital-Konzern Tencent aus China ein. Das erste Mal in der Geschichte konzipierte ein wichtiger und großer Entwickler aus dem Westen eigens ein Spiel für den chinesischen Markt. Auch andere große Entwickler gehen momentan diesen Weg. So veröffentlichten die Total-War-Macher dieses Jahr ein Spiel, welches von der in China sehr beliebten “Zeit der Drei Reiche” handelt – auch hier ging man mit Tencent eine “strategische Allianz” während der Entwicklung ein, um das neue Spiel direkt in China vertreiben zu können. Diese Beispiele zeigen einen Trend: die Games-Branche fokussiert sich momentan auf den stark wachsenden chinesischen Markt. Dazu kaufen sich chinesische Konzerne vermehrt in westliche Spielestudios ein.



Hollywood bekommt durch die chinesische Konkurrenz immer mehr finanziellen Druck ab. Die Produktionen werden immer größer und teurer und somit schwieriger zu finanzieren. Die Lösung stellt chinesischen Geld dar. Mittlerweile bezahlen Chinesen die Hollywood-Studios, um einige Szenen in China zu drehen oder bekannte chinesische Schauspieler zu engagieren. Im Sport gibt es immer mehr chinesische Aktivitäten. Bekannte Fußballer werden mit Millionenbeiträgen in die chinesische Liga gelockt, während Milliardäre aus China insolvente Fußballvereine aus Europa aufkaufen. Geld war auch der Grund, wieso die chinesische U20 in der deutschen Regionalliga Südwest spielen durfte.

Nun ist all das kein Problem, wenn sich westliche Unternehmen auch an China orientieren. Aber was ist die Kehrseite von dieser Entwicklung? Der autoritäre Staat in Asien kommt nicht nur in guten Absichten.

Gamer merken das an der Zensur. Aktuell leiden nur chinesische Spieler darunter, aber Peking bekommt immer einen größeren Arm. Die schwedischen Entwickler Paradox mussten den Vertrieb ihres Spieles Hearts of Iron 4 in China einstellen, weil Tibet als eigenständiger Staat deklariert wurde. Pikant an der Sache ist, dass sich Tencent in die schwedische Firma eingekauft hat – was wird wohl passieren, wenn der chin. Einfluss weiter steigen wird? Durchaus möglich, dass dann die chinesischen Shareholder durchsetzen werden, dass auch in westlichen Versionen des Spiels Tibet als Teil Chinas bezeichnet wird. Auch Blizzard bekam in den letzten Wochen heftig Kritik ab, da sie einen Gewinner eines Turniers ausschlossen, da er sich pro-Hongkong äußerte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Blizzard das aufgrund ihrer geschäftlichen Beziehungen nach China tat, um ebenjene nicht zu riskieren. Apple löschte Apps, welche von Demonstranten in Hongkong zur Vernetzung genutzt wurden. Die NBA entschuldigte offiziell und förmlich bei China, nachdem ein Manager der Basketball-Liga Unterstützung für Hongkong aussprach. Die Serie South Park wurde in China verboten, nachdem in der neusten Folge ein Charakter der Serie beim Urlaub in China ins Gefängnis kommt und dort auf Winnie Pooh trifft. Dieser wird von Regimekritikern in China gerne benutzt, um dem Präsidenten Xi Jinping subtil zu kritisieren. Hollywood-Filme wurden extra umgeschrieben bzw. editiert, damit sie in China gezeigt werden dürfen. In einem Film wurden chinesische Soldaten extra nachträglich in nordkoreanische umgewandelt.

Dieses Beispiel zeigt die Gefahr des direkten Einflusses Pekings auf westliche Firmen durch Kapitalanlagen im Kulturbereich, aber auch durch wirtschaftliche Macht. Es folgt darauf vor allem Zensur – direkt und indirekt. Einerseits, weil durch chinesische Shareholder auf Unternehmen direkt Einfluss genommen wird, andererseits durch chinesischen Boykott, falls sich vermeintliche Spielverderber nicht an Vorgaben aus Peking halten – und welche Firma will schon auf den potenten Markt China verzichten? Auch außerhalb der Kultur und des Sports gibt es diese Entwicklungen. Daimler musste sich entschuldigen, weil sie in einem Werbespot den Dalai Lama zeigten, ansonsten drohte ein chinesisches Embargo. Wissenschaftler zogen ihre Studien zurück, die kritische Ergebnisse der chinesischen Politik zeigten – sie hatten Angst, keinen Job mehr in der Wissenschaft zu bekommen oder nicht mehr nach China reisen zu können. Auch durch die Orientierung an die chinesischen Gamer werden westliche Zocker Nachteile haben. Chinesen spielen wie gesagt am Handy. Die großen Entwickler werden sich also auf diesen Markt konzentrieren und sich vom Geschmack des chinesischen Spielers anleiten lassen. Die mögliche Zukunft: wir kriegen von den großen Entwicklern nur noch für den chinesischen Markt konzipierte Spiele, im schlimmsten Fall für das Handy.

Es zeigt sich hier das grundlegende Problem der liberal-kapitalistischen Gesellschaften des Westens. Kapital und Profit kennen keine Moral und letztendlich im globalisierten Kapitalismus keine Nation. Was wir hier beobachten können, ist die Entwicklung des absoluten Ausverkaufs für Profitmaximierung. Dabei ist eben jenes nicht das Problem – niemand kann einem Unternehmer vorwerfen, dass er in attraktive Märkte vorstoßen möchte. Aber das “Wie” sollte jedem zu denken geben. Westliche Werte, Traditionen und Kultur sind dann letztendlich nichts wert, wenn es darum geht, ein Auto mehr oder paar Milliarden zusätzliche Dividenden ausschütten zu können. Auch wenn man im und am Westen vieles kritisieren kann – hier konnte sich so etwas wie eine Filmkultur oder eine Gaming-Szene erst entwickeln. Das kann sich nun ändern. Eine patriotische Gegenkultur hätte in einer chinesisch dominierten Welt erst recht keine Überlebenschance.

 

Hat dir der Beitrag gefallen?

Spendier uns eine Kleinigkeit, um den Blog zu unterstützen:

5,00
Zahlungsmethode auswählen
Persönliche Informationen

Spendensumme: €5,00

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.