Realer Klimawandel: Wie gesellschaftlicher Zusammenhang schmilzt

Während sich Freundeskreise über eine 16-Jährige zerstreiten und hunderttausende Kinder und Jugendliche seit Monaten an den Freitagen zur Rettung von »Mutter Erde« aufmarschieren, hat sich für mich eine Frage herauskristallisiert, die das übliche »Rechts vs. Links« teilweise übersteigt: Was wächst da eigentlich heran? Wie wird diese Polarisierung die Gesellschaft, die Gemeinschaft, unser Volk und unseren Staat in Europa prägen?

Verallgemeinerungen und irgendwelche Memos über »Generationen X, Y oder Z« halte ich für schwierig. Daher gleich ein Hinweis: Das hier ist auch nur ein Gedankengang, kein Manifest. Auch wenn es Überschneidungen gibt: hier geht es auch nicht um den identitätspolitischen Streit über Religion, Rasse oder ähnliches der seit Jahren vorherrscht, sondern wirklich um die Popkultur. Wobei es die Popkultur nicht gibt, sondern diese eher in viele »Kulturen« ausfranst.



Zeit für einen Zeitsprung: Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, war es extrem wichtig, dem Nachwuchs »Funktionsweisen« beizubringen, da wir als Menschen kaum Instinkte vererben. Als Sammler, Jäger und auch später als Bauern oder Industriearbeiter war das »Funktionieren« am Wichtigsten. Es blieb wenig Zeit und noch weniger Raum für »persönliche Verwirklichung«, der Pflege von Talenten und Veranlagungen. Kinder gingen schon als Kleinkinder auf’s Feld um die Tiere zu hüten. Für Frauen sah der Lebenslauf oft so aus: Haushaltshilfe bis ins heiratsfähige Alter, dann Heirat, Geschäftspartnerin des Mannes in allen Lebenslagen und final oft der Tod im Kindsbett, mit 20 Lebensjahren. Daneben überlebten sie ihre Männer aber auch, da Arbeit oder Krieg sein Tribut forderte. Kinder waren Altersvorsorge und billige Arbeitskräfte. Je nach wirtschaftlicher Gesamtlage, wurden die jungen Menschen einer mehr oder weniger sinnvollen Tätigkeit zugeteilt. Die anderen verlorenen Gestalten mussten um‘s Überleben kämpfen. Es zieht sich durch die Geschichte, dass dann Heerscharen von verwahrlosten Kindern dem Missbrauch von Mächtigeren oder der Verwahrlosung schutzlos ausgeliefert waren. Erst als man im 18. Jahrhundert langsam an so etwas wie eine »Kindheit« glaubte, entwickelten Menschen und Staaten ein besonderes Augenmerk für die Erziehung der Heranwachsenden. Gleichzeitig wurde das Armen- und Waisenwesen z.B. von kirchlichen oder staatlichen Institutionen speziell auf Kinder und Jugendliche ausgeweitet. Auch hier stand im Vordergrund, aus diesen jungen Menschen »funktionierende Geschöpfe« zu machen: Sie sollten die hergebrachten Sitten und Gebräuche sowie Produktionstechniken kennen, um in den oft starren und klar gegliederten Gesellschaftsstrukturen leben zu können.

Zurück in’s Jahr 2019: Wir leben in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, der in den letzten 30 Jahren als Staatsziel verfolgt, eine »pluralistische, liberale Gesellschaftsform« endgültig zu etablieren. Dies ging – mit starken, totalitären Störgeräuschen aus zwei Diktaturen – ein jahrzehntelanger Veränderungsprozess voran, der den Menschen aus dem puren »Funktionieren« herauslöste und Dinge wie »persönliche Entfaltung«, »Selbstverwirklichung«, usw. miteinbrachte. Dies war zunächst gut, wird mit der persönlichen Entfaltung auch die Kreativität und Lebenskraft freigesetzt, die ansonsten vom etablierten gesellschaftlichen Konformismus unterdrückt wird. Gleichzeitig zog damit allerdings auch etwas ein, was wir heutzutage vielleicht als Popkultur bezeichnen. Die Hochkultur, die sich aus Sitten, der Religion und Traditionen mit ihren regionalen Ausprägungen entwickelt hatte, bekam diesen mächtigen Gefährten, der bald zum Usurpator werden sollte. Die »Popkultur« war ein Geschöpf des Individuums und sehr schnell auch der Unternehmen und damit mit wirtschaftlichen Interessen verbunden. Wie in jedem Geschäft splitterten die Zielgruppen schnell auseinander. Ein Mensch kann heutzutage in einer Welt voller Mythen und quasi-religiöser Bezüge leben, die alle aus der Popkultur stammen. Jedes dieser Milieus bietet wiederum eigene Identifikationspunkte.  Sprich Sitten, Kleidungs- und Sprachstile an. Selbst wenn dann diverse Popkulturen immer noch einen Bezug in die wirkliche Welt haben, nehmen wir den Gangster-Rap als Anknüpfungspunkt, so sind sie oft stark geschlossen und auf sich selbst bezogen. Wirklichkeit und das, was irgendein Manager daraus macht, verschwimmen. Wer kennt auch nicht die jungen Mädels in T-Shirts mit Band-Logos, die zwar irgendwie als cool gelten aber ansonsten der T-Shirt-Trägerin fremd sind.

Verschiedene politische Ideologien haben sich in die Popkulturen eingebracht. Wir haben z.B. die eher linksradikalen Skinheads und ihre rechtsextremen Gegenstücke. Rock&Roll machte mehrere Stadien der Transformation durch: von aufbrechender Lebensfreude, über hysterische Extase der späten Aufbaugenerationen, bis hin zum Drogen- und Alkoholsumpf der späten 80er Jahre. Rap wuchs in den schwarzen Elendsvierteln der USA heran und bedient jetzt die Massen aller »Rassen«. Der Schlager und die sogenannte »volkstümliche« Musik findet in seiner englischen Variante als Pop- und Country-Musik auch in Deutschland Verbreitung, während ihre deutschen Ableger zwar noch viele Menschen zum Kauf der »Schallplatte« verleitet aber ansonsten als anrüchig gilt (Was ich sehr gut verstehen kann). Pornographie wird zwar immer noch offiziell geächtet, spiegelt sich allerdings in der Popkultur und umgekehrt. Dazu kam dann noch der moderne Fußball, der in seiner jetzigen Form weniger mit wirklicher »Anhängerschaft« zu tun hat, als der Bespielung von Konsumenten. All diese Angebote sind beliebig, meist austauschbar. Mit kleinen Einschränkungen:

Auch wenn man sich mit dem Kauf eines T-Shirts zu einem anderen Klub bekennen kann, gibt es natürlich einige Trägermilieus, die die Authentizität der jeweiligen Popkultur für sich beanspruchen dürfen: Das sind die Anhänger des Clubs, dich auch in dem Ort leben, aus dem Verein stammt oder das ist der libanesische Clanangehörige der tatsächlich sein Geld mit Verbrechen verdient (hat) und darüber singt. Ein deutscher »Alman« würde damit keinen Blumentopf gewinnen, kann aber mit der Anpassung seines Äußeren und einem Konzertbesuch sein Ansehen erhöhen.

Ich könnte diese Beobachtung noch weiter ausführen, kürze hier aber ab: Durch die Zersplitterung in diese unterschiedlichen Popkulturen, wird der Bodensatz einer Gesellschaft aus Tradition, Geschichte, gemeinsame Bezugspunkte und Identitätsmerkmale – sprich die Regional- und / oder Nationalkultur – ins unkenntliche zerlegt oder überformt. Wenn sie nicht durch die Popkultur komplett ersetzt werden, dann kommt vielleicht noch die Kultur in Frage, aus der die Person eingewandert ist. Das Gefühl für ein gemeinsames Land, eine gemeinsame Stadt oder gar Volk usw. ist immer schwieriger zu erzielen, geschweige denn vorhanden. Im Fokus stehen die Identitätskriterien der eigenen, persönlichen »Kultur«. Diese »Kultur« kann sich dann nur abheben, in dem mit Enthemmung oder Perfektionierung »Grenzen« verschoben werden.

Während dann die meist aus bürgerlichem Umfeld stammenden jungen Leute, gleich die ganze Menschheit retten wollen (Was äußerst funktional ist!), besäuft sich der andere Teil weiter vorm Lidl mit Wodka und randaliert in den S-Bahnen; Angehörige von Clans werden Stadtgesprächsthema wie einst Adlige; Graffities und Beschädigung öffentlichen Eigentums wird zum Ausdruck der »Selbstentfaltung«, den die Gesellschaft ja tolerieren müsse. Steuern möchte dann auch niemand mehr bezahlen. Kinder müssen nicht mehr geboren werden, da es ja Hunde als emotionalen Ersatz gibt. Politische Entscheidungen sind eh sinnlos, weil es ja keine Bindungsstrukturen gibt, die durch verbindliche Mehrheitsbeschlüsse bespielt werden könnten. Eine repräsentative Demokratie macht damit keinen Sinn mehr und die liberale-pluralistische Demokratie zerlegt sich in automatisierte Kleingruppen selbst.

Findige Liberale haben daher die Parole ausgegeben, dass dann eben der »Scherbenhaufen« permanent Aushandeln, Verhandeln und Regeln muss, damit die verlorenen Bindungskräfte dadurch ersetzt werden. Es werden sogenannte »Werte« postuliert. Das ist nicht ganz falsch, wollen wir keinen totalitären Ameisen-Staat schaffen, gibt es tatsächlich einen permanenten Aushandlungsprozess zwischen den Teilinteressen einer Gemeinschaft – das war sogar im »Alten Reich« (Heiliges Römisches Reich) schon so. Das Problem ist nur: Mit welcher Grundlage werden diese Werte geschaffen? Aus welchem Material geformt? Viele der »populären Kulturen« sind zwar auf eine Trägerkultur angewiesen, inszenieren sich allerdings gerne als Gegenentwurf zu dieser oder reflektieren / verarbeiten nur einen negativen Teil der Gesamtkultur. Es geht aber um Anstand und Benehmen – noch bevor eine politische Position bezogen wurde. Wenn wir weiter die Gemeinschaft so geringachten und den »Aufstand«, die »Rebellion« dafür als Selbstzweck feiern, dann sind diese »Werte« eben immer nur so viel wert, wie die eigene Gruppe das für richtig erachtet. »Soziale Netzwerke« mit ihren Filterblase funktionieren dann wie Brandbeschleuniger für die Erhitzung des gesellschaftlichen Klimas. Hier passiert seitens der Bürgerschaft oder des Staates jedoch wenig. Zwar gibt es viele Programme für Schüler und Studenten, die sich mit dem Thema Vielfalt und Toleranz beschäftigen, dies aber eben meist aus einem politischen (linken) Gesichtspunkt. Auf familiärer Ebene wird dafür eigentlich der Grundstein gelegt, doch wird das mittlerweile an den Staat abgegeben – der dem nicht nachkommt. Ein Teufelskreis.

In Zukunft geht es dann vielleicht darum, dass jemand nicht Migrant oder Einheimischer, arm oder reich, links oder rechts, sondern überhaupt noch in der Lage ist, über seine Gruppe hinaus kommunizieren, verstehen und verbindliche Zusagen treffen zu können – die dann auch durchgesetzt werden. Bei aller Rettung der Umwelt – in Form der Natur – sollte die soziokulturelle Umwelt als Vorbedingung des menschlichen Zusammenlebens nicht vergessen werden.

 

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