Deutschland – das Land der Technikfeinde?

Der Firnis der Zivilisation ist gerissen, das Kind in den Brunnen gefallen und das Tabu gebrochen – der chinesische Forscher He Jiankui soll mittels Gentechnik das Erbgut von Zwillingen verändert haben.Das behauptete Ergebnis: eine HIV-Immunität.

Der Aufschrei in den Medien war groß. “He Jiankui macht den Zeus” titelt der Freitag. “Der Erschaffer der genveränderten Babys hat sein eigenes Wertesystem” schrieb die NZZ. Der Tenor der deutschen Medien ist klar: dieser Schritt des chinesischen Physikers ging zu weit. Aber wieso eigentlich? Die Genforschung sowie Gentechnik hat in Deutschland einen schweren Stand. Die hiesigen Gesetze regulieren die beiden Bereiche stark. In Österreich gab es sogar ein erfolgreiches Volksbegehren. Die Österreicher sprachen sich 1997 gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel und allgemein Gentechnik aus. NGOs wie Greenpeace machen schon seit Jahren mit Demonstrationen und Kampagnen gegen Gentechnik eine Front auf, meistens erinnerte der Informationskampf an Propaganda. Aber auch auf der politischen Ebene ist Technik meistens ein Fremdwort. Man erinnere sich nur an Merkels Aussage, das Internet sie Neuland Und die Wirtschaft hält sich auch noch im Hintergrund. Zu den neuen großen Konzernen des 21. Jahrhundert gehört keiner aus Deutschland. Nur SAP hält die Fahne hoch, ist aber im Vergleich zu Google oder Intel ein Zwerg. Fazit: technologischer Fortschritt ist aktuell nicht im Fokus der Deutschen. Die Berliner organisierten eine Kampagne gegen einen Google-Standort in Berlin. Letztendlich verscheuchte der Senat den Internet-Riesen und lässt nach aktueller Planung ein “soziales Projekt” in die leere Halle einziehen. In Niedersachsen werden technische Lehrstühle abgebaut, während man neue Lehrstühle stiftet – aber für Genderwissenschaften. Nicht zu vergessen sind die Sirenengesänge über die Digitalisierung, die Millionen an Arbeitsplätze vernichten wird. Und natürlich kann man auch an Karl Marx erinnern. Ein Deutscher schrieb letztendlich über die Entfremdung der Arbeit.



Bei dieser Aufzählung schleicht sich ein Gedanke in den Kopf: Die Deutschen sind technikfeindlich. Technik ist gefährlich, Technik entmenschlicht, Technik stiehlt den Deutschen die Arbeit. Technik muss man stoppen. Ein Blick in die Geschichte des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts – durchweg eine Umbruchzeit in Deutschland, parallel zu heute – zeigt etwas verblüffendes: auch damals waren Deutsche skeptisch gegenüber den technologischen Neuerungen. Selbst ein schnödes Fahrrad war für die Technikfeinde ein Bote der Apokalypse. Ärzte warnten ihre weiblichen Patienten davor, dass der Sitz ihres Fahrrads aufgrund der Form und der Sitzposition “unnatürliche” Reize und Reibungen verursachen könnte. Frauen würden somit ihre Fruchtbarkeit gefährden. Nervenschwäche und Hysterie, ein völlig neues Phänomen, war die neue Krankheit anfangs des 20. Jahrhunderts. Die Zahl der Patienten in Nervenheilanstalten stieg von 40375 im Jahre 1871 auf 220881 circa 40 Jahre später. Auffallend war dabei, dass darunter nur normale Stadtbewohner waren, aber kaum Landbewohner. Machte also damals die Technik und das Leben in der Großstadt krank? Eine Frage, auf die man nur schwer eine Antwort geben kann. Denn andererseits war es damals auch eine Zeit, in der Deutschland einen großen Sprung nach vorne machte. Auf sämtlichen Ebenen waren Deutsche federführend. Unternehmen wie AEG oder Daimler waren innovativ wie keine anderen Firmen, deutsche Forscher nahmen regelmäßig einen Nobelpreis entgegen, wirtschaftlich wurde Deutschland zu einer stärksten Nationen in Europa, selbst literarisch war Deutschland auf einen Höhenflug. Kaiser Wilhelm, auch “Wilhelm der Plötzliche” genannt, da er nie ruhen wollte und Geschwindigkeit – eine neue Errungenschaft des 20. Jahrhunderts – mochte, war ein großer Freund des technischen Fortschrittes. Europa war neidisch auf dieses prächtige Land in der Mitte des Kontinents – und der technologische Fortschritt hatte einen großen Anteil daran, auch wenn die Masse der Technik eher skeptisch gegenüberstand.Und heute? Google und Monsanto sind die Feinde Gesellschaft. Man könnte meinen, hier zeigt sich eine Eigenart der deutschen Seele.

Jedoch ist diese Thema mit einen Verweis auf den deutschen Volksgeist nicht einfach zu beiseite zu wischen. Denn eins hat sich geändert. Wie anfangs schon angeschnitten, ist Deutschland in vielen Bereichen nicht mehr führend. Die KI-Technologie, von vielen Experten als die Technologie der Zukunft gepriesen, konnte bisher nicht in Deutschland Fuß fassen. Genforschung sowie Gentechnik ist förmlich verboten. Deutsche Forscher spielen nicht mehr oben mit, ganz anders als vor 100 Jahren. Zwar meldet Deutschland viele Patente an, aber meistens sind es Nischenprodukte, die deutsche Mittelstandsfirmen bedienen. Grundlagenforschung und technische Durchbrüche wird man wohl in nächster Zeit eher aus China und den USA erwarten können. Da stellt sich abschließend die Frage: Kann sich Deutschland, ein notorisch ressourcenschwaches Land, diese Technikfeindlichkeit innerhalb der Masse erlauben? Wie will Deutschland im 21. Jahrhundert seinen Wohlstand sichern, wenn nicht durch Wissen und Forschung? Sind die Ergebnisse des deutschen Genius nicht die Lebensversicherung für die deutsche Gesellschaft?

Folgt Widergänger auf Twitter, Facebook und Instagram

Hat dir der Beitrag gefallen?

Spendier uns eine Kleinigkeit, um den Blog zu unterstützen:

5,00
Zahlungsmethode auswählen
Persönliche Informationen

Spendensumme: €5,00

Bild: Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.