Der Discounter-Katalog als Bibel des Deutschen

Mit ihrem Blick auf das Große geht den Deutschen gerade die Sicht auf die kleinen Dinge verloren, die sie so tagtäglich unhinterfragt tun. Zumindest kommt es mir häufig so vor. Gerade mit Blick auf die Transformation und den Strukturwandel, der die deutschen Industrien betrifft, bei gleicher »Erhebung« der Jugend gegen den Klimawandel, der eigentlich auf eine totale Umwälzung des eigenen Konsumverständnisses ausgerichtet ist.

Daher nun eine oberflächliche Betrachtung einiger Punkte. Ich bitte den Text nicht als einfache Verachtungserklärung gegen ein funktionierendes Steuersystem zu verstehen, auch wenn ich Dinge natürlich zuspitzen werde. Ich bin kein Finanz- oder Steuerprofi, möchte aber die gesellschaftlich-kulturellen Auswirkungen beschreiben, die ich meine beobachten und auf das Steuersystem zurückführen zu können.

Ein Steuersystem wie ein Lidelkatalog



Wichtigstes Instrument der deutschen Politik scheinen Steuererleichterungen zu sein. Das führt dazu, dass Deutschland das scheinbar komplizierteste Steuerrecht der Welt hat und es eine extra Berufsgruppe gibt, auf die der Deutsche zwangsläufig angewiesen ist, will er seine Steuererklärung »richtig« machen: Die Steuerberater.

Hierfür muss der Bürger allerdings selber aufkommen. Das Ergebnis können zwar einige tausend Euro Steuerrückzahlungen sein, bis dahin sackt der Staat aber fleißig Geld ein, was wiederum dazu führt, dass die Steuerlast in Deutschland ebenfalls mit eine der höchsten ist. Zwar ist es ein Mythos, dass das deutsche Steuerrecht überzogen komplex ist, allerdings ist die Ausrede »bei anderen ist es ja noch schlimmer« nicht unbedingt die beste Verteidigung. Denn es gibt auch Länder, die machen es besser bzw. anders. Schweden z.B.

Ob die staatliche Gegenleistung dem gezahlten Betrag auch noch entspricht, steht auf einem ganz anderen Papier.

Will der Staat bzw. die Regierung also etwas im Gesellschaftsleben regeln, tut sie das über Steuersätze. Hier wird es dann brutal: Da wird dann um Prozentstellen hinter dem Komma gestritten. Bei manchen Deutschen führt das dazu, dass sie einen Großteil ihres Denkens damit belegen, ob dieses oder jenes von der Steuer abgesetzt werden kann. Diese Maßnahme kann als indirekter Steuerungsmechanismus angesehen werden, die eigenen Bürger zu Finanzprofis zu erziehen und sie für die eigene Haushaltsführung zu sensibilisieren. Das Ergebnis halte ich allerdings für fraglich, denn was es eher erzeugt ist eine Rabattmentalität, die mir in anderem Kontext oft in voller Blüte begegnet: Dem Katalog des nächsten Discounters, der als Wurfsendung an die Haushalte geliefert wird. Das ist milieu- und schichtübergreifend wirksam. Die Versprechungen der Politik wie auch der Unternehmen: Wir sind billiger!

Das Ergebnis dieser Rabattmentalität ist eine Jagd auf die Prozente und kleinsten Zahlen: Heiraten wir, weil dies und das billiger wird! Reisen wir dorthin; das ist gerade billig! Kaufen wir das Fleisch hier, das ist gerade reduziert! Lass uns jetzt dieses Auto kaufen, das kostet weniger!

Qualität, Sinn und Weitblick geht in der Wahrnehmung verloren. Gerne wird dann entgegenbracht: Durch diese Rabattpolitik könne man ja wenigstens den Armen die Möglichkeit geben, auch an der Konsumwelt teilzunehmen. Doch genau da geht es schon los: Die geringeren Prozente werden ja irgendwo eingespart, also meist auch bei einer Person. Ergo werden die Prozente nur weitergegeben. Irgendjemand braucht dann also noch billigere Güter.

Was entstanden ist, ist eine Scheinwelt, in der die sprichwörtliche »Berechenbarkeit« und Wertigkeit von Dingen übersichtlich daherkommt, den Blick aber oft auf die tatsächlichen Entwicklungen verstellt.

Wir haben Kinderarmut? Erhöhen wir das Kindergeld um Null-Komma-sonstwas Prozentpunkte! Machen wir, dass das Schulmaterial von der Steuer absetzbar ist!

Was nützt das einer alleinerziehenden Mutter, die neben der Arbeit – vielleicht bei mehreren Stellen, um überhaupt über die Runden zu kommen – auch noch die Familie schmeißen muss? Sie muss dann warten, bis die Steuerrückzahlung kommt. Im unmittelbaren Moment der Anschaffung, der Zahlung etc. ist allerdings alles eben nur teuer und nicht erschwinglich. Entsprechendes Erziehungs- und Bildungssystem? Konkrete Empfehlungen bzw. Hilfen an die Eltern? Undenkbar! Die Zahl steht ja für Objektivität und Berechenbarkeit – die Tat ist oft sehr persönlich und konkret.

Wir sollten uns also nicht über unsere lebensweltfremden Politiker, gescheiterten Großprojekte und weltklima-panische Jugend wundern, wenn die deutsche Weltanschauung des einzelnen Bürgers im Kern doch über die Zahlen im Discounterkatalog in der Küche geprägt wird.

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Bild: pixabay

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