Verkehrte Welt

Die aktuelle Debatte um die Bezeichnung “bürgerliche Koalition” entlarvt eine grundlegende Prämisse unseres Systems. Im Mainstream ist aktuell von einem Rechtsruck die Rede, dabei kann man genau das Gegenteil erkennen. Was ist geschehen?

Die MDR-Journalistin Wiebke Binder fragte einen sächsischen CDU-Politiker, ob nicht „eine stabile Zweierkoalition“ zwischen CDU und AfD möglich sei. Dabei beschrieb sie diese potentielle Koalition als bürgerlich – mit weitreichenden Folgen. Nachdem der Satz fiel, fing es in den Filterblasen der Empörten an zu brodeln. Wie könne Binder es denn bloß wagen, eine CDU-AfD-Koalition als bürgerlich zu bezeichnen? Man hatte beim Lesen der Reaktionen das Gefühl, als hätte Frau Binder regelrechte Blasphemie begangen. Eigentlich beschrieb sie nichts weiter als die Wirklichkeit, denn kein Mensch mit Vernunft und Verstand würde eine schwarz-blaue Koalition als nicht-bürgerlich bezeichnen. Nicht so im bunten Mainstream. Ihre Kollegen vom NDR forderten “weitreichende Konsequenzen”, Experten mühten sich im ÖR ab, Gründe für den rechtsextremen Charakter der AfD aufzuzählen, der grüne Habeck beschrieb sich und seine Partei stolz als bürgerlich.



Was kann man in diesem Spektakel erkennen? Zuallererst sei hier auf das Framing hingewiesen. Im politischen Meinungskampf ist man sich bewusst, wie stark Sprache unser kognitives Denken beeinflusst und miteinander verknüpft. Was tut man also als mit Mensch mit Haltung? Man achtet darauf, dass gewisse Sachen einfach nicht ausgesprochen oder genannt werden. Denn so kann man am einfachsten verhindern, dass Menschen sich über ebenjene Gedanken machen. Wo kämen wir denn hin, wenn man eine schwarz-blaue Regierung als bürgerlich bezeichnen würden? Das Konstrukt “schwarz-blaue Koalition” greift explizit linke Mehrheiten an, also stellt man es in den Giftschrank und tabuisiert es. Was man nicht aussprechen kann, kann man nur schwer denken.

Zweitens: Früher galt es als chic, nicht bürgerlich zu sein. Heute kann man sich im Bezug zur AfD gar nicht mehr oft genug als bürgerlich bezeichnen. Warum? Der linke Mainstream hat diese Bezeichnung gekapert. Ihnen war die Bedeutung des Wortes bewusst, galt doch der bürgerliche Lebensstil schon immer als etwas, das man erreichen wollte. “Bürgerlich” – das war ein Feindbild vieler Linker. Damals bekämpfte man mit seinen radikalen Ideen noch das “bürgerlich-kapitalistische System”, heute ist man ein Teil davon. Man will es nicht mehr in einer Revolution umstürzen, sondern von innen heraus reformieren. Daher also die Umetikettierung vieler Linker zu Bürgerlichen. Die linken und teilweise linksradikalen Grünen haben dieses Prinzip grandios gemeistert. Sie haben sich den Mantel des Bürgerlichen umgeworfen und laufen seit Jahren in diesem Kostüm herum, um Wähler zu gewinnen. Wenn also Linke bürgerlich sein wollen, was bedeutet das? Ganz simpel: ein Linksruck.

Seit Jahren wird ein Rechtsruck herbei fantasiert, dabei passiert aktuell das Gegenteil. Der linke Mainstream schlüpft in die Maske des Bürgerlichen, um an die Futtertröge und Machtpositionen zu kommen. Man nutzt seine Macht, um die Wirklichkeit nicht aussprechen zu müssen und falsche Fährten zu legen. Auch deshalb können ehemalige Maoisten wie Kretschmann oder Ex-Straßenkämpfer wie Fischer in Regierungsämter kommen, während man eine rechtsextreme Vergangenheit als ein Brandmal für die Ewigkeit ansieht. Die Gesellschaft rückt seit Jahrzehnten immer weiter nach Links. Und es ist noch kein Ende in Sicht.

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