Fünf Anmerkungen zum heutigen Denken über Wirtschaft

Das Ende des Kalten Krieges hat den Sieger im Blockkonflikt laut den Meinungen Vieler eindeutig gekürt – nämlich den Westen und seinen Kapitalismus. Der Neoliberalismus ist seitdem auf einem Siegeszug durch die Gesellschaft, Wirtschaftsweise predigen täglich die Vorzüge eines freien Marktes oder einer bestimmten Politik. Gerne werden dabei Ziele und Ideen als alternativlos dargestellt, so seien etwa Inflation und Staatsschulden zu vermeiden. Dabei muss man diese Punkte gar nicht so engstirnig sehen.

Inflation muss nicht um jeden Preis vermieden werden

Blickt man in die Geschichte, scheint alles klar zu sein: (Hyper)inflation ist ein Phänomen, das jede Politik und Gesellschaft vermeiden sollte. Allein die deutsche Geschichte mag da ein gutes Beispiel sein – die Inflation am Ende der 20er Jahre trug einen nicht unerheblichen Teil zur Destabilisierung der Weimarer Republik bei. Es sei also im Interesse jeder Regierung, mittels Instrumenten wie Zentralbanken oder strengerer Haushaltsführung eine gewisse Geldwertstabilität zu bieten, damit Investitionen und Wachstum nicht gehindert werden. Die EZB verfolgt zum Beispiel eine Politik der Inflationskontrolle, so soll die Teuerung sich um die 2% einpendeln. So weit, so simpel.



Aber ist eine aktive Kontrolle wirklich sinnvoll? Gerne spricht man von der Bestie “Inflation”, deutsche Medien pflegen allzu gern die Angst vor neuen Teuerungen zu schüren und diskutieren neue Prozentwerte, um Warnungen vor einer Rezession auszusprechen. Seit den 70ern ist eine Inflationskontrolle mehr in den Fokus westlicher Politik geraten, in den 90ern war eine geringe Inflation eine der grundlegenden Ziele der Wirtschaftspolitik, einer der führenden IWF-Ökonomen schlug sogar eine Nullinflation vor – was aber hat es gebracht? Die Wirtschaftsexperten vergessen beim Sinnieren gerne, dass die Weltwirtschaft trotz geringer Inflation nicht stabiler geworden ist. Die Krise im Jahre 2008 ist hier nur der offensichtlichste Hinweis. Auch ist das Wachstum vieler Staaten, die aktive Inflationskontrolle in den letzten Jahrzehnten betrieben haben, eher schwach geblieben – obwohl man ja die Inflation “besiegt” hatte. Der Beweis, dass eine stabile Inflation wichtig sei, fehlt also. Es gibt sogar auch Staaten, welche mit hoher Inflation Wachstumsraten erreichten, von denen westliche Regierungen nur träumen, zum Beispiel Südkorea. Trotz einer Inflation von teilweise 20% konnten Steigerungen des Pro-Kopf-Einkommens bis zu 10% jährlich vermeldet werden. Ironischerweise haben sogar Studien marktliberaler Thinktanks ermitteln, dass eine jährliche Teuerung um bis 40% kein Problem sein müsste.
Man kann sogar das Gegenteil behaupten – eine Antiinflationspolitik kann hinderlich sein. Beispiel Brasilien: In den 90ern kam eine strikte Inflationskontrolle in den Fokus. Die Regierung griff über eine Regulierung der Zinssätze aktiv in die Wirtschaft ein. Das Ergebnis: Die Inflation wurde auf 7% eingegrenzt, jedoch stieg die Arbeitslosigkeit um 5%, während das Bruttoinlandsprodukt ein paar Jahre lang stagnierte – ganz im Gegensatz zu den Phasen hoher Inflation in den Jahren davor. Ein anderes Problem: Eine Kontrolle der Inflation kommt in der Regel im Schlepptau einer Politik der Liberalisierung der Arbeitsmärkte – was zu einer extremen Prekarisierung führen kann. Zeitverträge und Leiharbeit mögen der Wirtschaft gute Zahlen bereiten – aber nicht unbedingt dem Angestellten eine Freude sein.
Fest steht: Eine Antiinflationspolitik und deren Methoden muss nicht hilfreich oder wichtig sein. Die Weltwirtschaft ist in Zeiten der hohen Inflation insgesamt stärker gewachsen als in den letzten Jahrzehnten, in denen Inflationshüter das Zepter in der Hand hielten.

Der freie Markt ist eine Illusion

Marktliberale sehen sich gerne im Abwehrkampf gegen den Staat, der ohne sie zu sehr in die Wirtschaft eingreifen würde. Dabei gibt es jedoch gar keinen keinen freien Markt, und es kann ihn auch nicht geben, außer man würde eine Gesellschaft komplett entflechten und atomisieren – eine sehr unrealistische Maßnahme. Es wird immer Regeln und Richtlinien in Gesellschaften geben, die Vertragspartnern und Individuen die Möglichkeit nehmen, völlig frei zu entscheiden. Milton Friedmans “free to choose” ist eine leere Hülle, genauso die Ideen von libertären Denkern wie Hans-Herman Hoppe. Der Ruf nach einer freien Marktwirtschaft, zumindest im neoliberalen Sinne, ist immer eine politische Forderung, denn diese Vertreter rufen auf der einen Seite nach absoluten Freiheiten für ihr Geschäft, aber fordern dann die rettenden Arme des Staates, wenn es schief läuft. Marktliberale wollen nicht aus edlen Motiven einen freien Markt und konstruieren aus geschäftlichen Interessen das Feindbild “Staat”, wenn es in ihrem Sinne ist. Ihre Forderungen sind meistens nicht wissenschaftlicher, objektiver Natur – auch wenn sie es immer so ausgeben –  sondern rein politisch.

Kapital hat trotz Globalisierung eine Nationalität

Multinationale Konzerne sind die Schönlinge der heutigen Wirtschaft. Von der grenzenlosen Politik und dem freien Kapitalverkehr profitieren sie laut vielen Ökonomen allesamt – egal wo. Das Herkunftsland kann man dabei ignorieren, denn Kapital kennt keine Nationalität. Das klingt einleuchtend, ist aber falsch. Denn Beispiele zeigen, dass es sogar eher hinderlich sein kann, die eigene Wirtschaft in der Heimat aufzugeben oder sich zu sehr auf transnationale Unternehmen zu konzentrieren.
Dabei ist erstens die Tatsache zu nennen, dass wichtige Unternehmenseinheiten wie Forschung und Leitung trotz all der Globalisierung im Herkunftsland bleiben. Das größte Glied der Wertschöpfung bleibt also in der Heimat. In der Regel knipsen Unternehmen zudem in Krisenzeiten auch als erstes ihre ausländischen Einheiten aus – Beispiel Opel. Multinationale Unternehmen sind letztendlich weiterhin national, wie man auch bei der Chrysler-Daimler-Fiat-Geschichte erkennen konnte. Je nachdem, welches Unternehmen gerade die meisten Anteile an Chrysler hielt, änderte sich die Zusammensetzung des Vorstandes und der Spitzenkräfte. Da Fiat aktuell 100% der Chrysler-Aktien hält, haben überdurchschnittlich viele Italiener Führungspositionen inne – die Amerikaner gehen dabei leer aus. Der nationale Hintergrund hat trotz des multinationalen Charakters eines Unternehmens dann meistens immer noch einen Einfluss auf die Entscheidungen der Unternehmen. Sei es jetzt durch eine historische Verwurzelung (Beispiel VW) mit dem Heimatland oder der vermutlich wichtigste Grund: Die Kernqualifikationen lassen sich nur schwer über die Grenzen schieben. Wie soll ein großer Weltkonzern immaterielle Kompetenzen und Vorteile wie Erfahrungen oder das institutionelle Umfeld mitnehmen? Einen Maschinenpark kann man leicht verschieben, aber nicht die ganze technische Leitung und Verwaltung. Aus diesem Grund werden ja auch höchstens Produktionsanlagen, aber kaum KnowHow ans Ausland abgegeben. Für das Gastland muss es nicht unbedingt hilfreich sein, nur die Arbeitskräfte bieten zu können und abhängig vom fremden Unternehmen zu sein. Aus diesem Grund zwingen etwa die Chinesen  fremde Firmen dazu, Joint Ventures oder Technologietransfer abzugeben, wenn sie sich in China ansiedeln möchten.
Daher: Man sollte trotz des Freihandels und der offenen Grenzen beachten, woher das Kapital kommt. Ja, man kann davon profitieren, man sollte aber nicht aus ideologischen Gründen fremdes Kapital als unantastbar behandeln.

Reiche Leute noch reicher zu machen, ist keine gute Idee

Dieser Punkt ist wohl eher eine Glaubensfrage. Die Idee ist sehr simpel: Die Kuchenstücke für Ärmere werden größer, wenn man den Reichen größere und mehr Stücke gäbe. Gerne argumentiert man so, um reichenfreundliche Politik machen zu können. Schaut man aber auf die Daten, ergibt sich ein anderes Bild. Die neoliberale Politik der letzten dreißig Jahre, die durchaus Reiche entlastete und für größere Kuchenstücke sorgte, hat nicht dafür gesorgt, dass arme Menschen mehr bekamen. Im Gegenteil: Sie bekamen relativ gesehen immer weniger, während die Reichen den Kuchen immer stärker unter sich aufteilten. Der Trickle-Down-Effekt existiert vor allem in der Theorie, für sich alleine in der Praxis aber nicht – außer man hat einen stärkeren Wohlfahrtsstaat etabliert, der für eine Umverteilung sorgen kann. Daten zeigen, dass der Staat eher dafür sorgen kann, das Geld umzuleiten, als Reiche selbst. In den Niederlanden ist nach Steuern die Ungleichheit geringer als in anderen westlichen Nationen. Seitdem die Regierungen immer mehr deregulieren und Reiche einen immer größeren Anteil am Volkseinkommen besitzen, sinkt die Investitionsbereitschaft der Reichen. Sie behalten also lieber das Mehr an Einkommen, anstatt es nach unten sickern zu lassen.

Bildung ist zwar wichtig, aber nicht alles

Wissenschaftsökonomie ist vor allem in Deutschland der Hit. Bildung ist für uns Deutsche alles, denn ohne würden wir laut vielen Experten untergehen. Natürlich ist Bildung und Wissen für Wohlstand wichtig, jedoch gibt es keine bisher nachgewiesene Verbindung zwischen Bildung und Wachstum. Ein Extrembeispiel zu Veranschaulichung: In vielen afrikanischen Staaten ist seit der Dekolonisierung die Bildung besser geworden, während die wirtschaftliche Lage relativ schlechter wurde. Der Harvard-Wissenschaftler Land Pritchett hat in einer Studie “Wo ist die ganze Bildung hin?” das Fazit gezogen, dass es kaum Belege für einen positiven Einfluss der Bildung auf das Wachstum gibt. Was ist dann aber der Vorteil westlicher Nationen gegenüber armen Nationen, wenn es nicht die Bildung ist? Ganz simpel: Es ist die Fähigkeit, Wissen und Bildung effizient zu nutzen und die Produktivität sinnvoll zu organisieren. Institutionen, Kultur, die Gesellschaft, gegenseitiges Vertrauen – all diese Faktoren sorgen dafür, dass Menschen ihre Produktivkraft effizient organisieren können. Die Bildung sorgt letztendlich nur dafür, dass wir Menschen dieses Potential auch wirklich nutzen.

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