Germanische Kriegsgötter: Ein Philosoph und ein Vergessener

Gastbeitrag:

Der Begriff Germanentum erweckt landläufig als eine der ersten Assoziationen das Bild einer Kriegerkultur, in der Stolz, Ehre, Mut und Härte die herausragenden gesellschaftlichen Werte darstellen. Im Grunde das Gegenteil unserer gegenwärtigen Kultur, in der es zum guten Ton gehört, alle mit diesen Werten verbundenen Aufgabenfelder aus dem persönlichen Verantwortungsbereich zu verbannen, an die staatliche Exekutive oder an private Sicherheitsunternehmen zu übertragen und, im Falle von Bundeswehr und Polizei, bloß keine zu große Ehrfurcht vor deren Bereitschaft zu zeigen, sich dieser Aufgaben anzunehmen. Bezüglich der Feuerwehr scheint offenherzige Anerkennung immerhin noch salonfähig zu sein, aber all das sei nur am Rande erwähnt. Das martialische Bild, welches die germanische Kultur in unseren Köpfen hervorruft, ist nicht nur durch zeitgenössische Quellen wie die Germania des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus oder militärhistorische Ereignisse wie die Varusschlacht geprägt, sondern auch durch die Helden- und Göttersagen der germanischen Mythologie. Kampf und Krieg sind in diesen Geschichten nahezu ständige Begleiter auf den Lebenswegen der Protagonisten und erscheinen nicht nur als anthropologische und polytheologische Konstanten, sondern geradezu als universale Triebfedern des Welt(en)geschehens. Von inkarnierten kosmischen Naturgewalten bis zur irdischen Tier- und Pflanzenwelt scheint alles durch Krieg zu entstehen und zu vergehen und alle Dinge scheinen auf ihre Art in ihn eingebunden zu sein. Nach Heraklit ist der Krieg der Vater aller Dinge und in solchem Geist mag die germanische Mythologie geschaffen worden zu sein. Auf einige der germanischen Götter möchte ich im Folgenden etwas näher eingehen, um zu zeigen in welch unterschiedlichen und für den Laien vielleicht unwahrscheinlichen Göttergestalten uns das Kriegertum in der germanischen Mythologie begegnet. Einerseits möchte ich zeigen, dass man es trotz der Omnipräsenz des Kriegertums bei den germanischen Göttern dennoch nicht mit einem Pantheon gleichförmiger Berserker zu tun hat. Andererseits möchte ich der göttlichen Streitmacht aber einen weiteren Vertreter hinzufügen, quasi einen vergessenen Krieger. Um es interessanter zu machen, werde ich bewusst plakativ-kriegerische Götter wie den mittlerweile auch popkulturell verarbeiteten Thor außenvor lassen. Um überdies nicht in Diskussionen über mögliche regionale Eigenheiten innerhalb des germanischen Kulturraums zu verfallen und die angeführten Beispiele leicht nachvollziehbar zu halten, werde ich vornehmlich auf die Geschichten der beiden umfangreichsten, populärsten und wichtigsten Überlieferungen der germanischen Mythologie Bezug nehmen: die der Lieder-Edda und die der Prosa-Edda, in der beliebten Übersetzung von Karl Simrock.



Beginnen wir mit Odin, dem Allvater, dem ewig grübelnden Asen, dem Wanderer zwischen den Welten. Aus diesen Titeln wird bereits ersichtlich, dass es sich bei Odin um einen Gott handelt, der zahlreiche Rollen in den Mythen einnimmt und dem man viele Charakteristiken zuschreiben könnte, die im ersten Moment nichts mit Kampf oder Krieg zu tun zu haben scheinen. Als Gott der Weisheit ist er stets auf der Suche nach geistreichen und hellsichtigen Gesprächspartnern, mit denen er sich in Wissenswettstreiten messen, oder denen er Visionen der Zukunft entlocken kann (siehe bspw. Vafthrudnismal oder Vegtamskvida). Sogar eines seiner Augen opfert er, um tiefste Weisheit zu erlangen (Völuspa, Vers 28) und hängt neun Nächte lang, von einem Speer verwundet, an einem windigen Baum, um die Runen, die magischen Geheimnisse, erlernen zu können (Havamal, Vers 138). Als Göttervater des jüngeren Göttergeschlechts, der Asen, treibt ihn bei all dem nicht allein philosophischer Wissensdurst, sondern auch die Sorge um das Schicksal seiner Familie, vor allem seines allseits geliebten Sohnes Baldur. Und anhand der Düsterkeit dieses sich ihm offenbarenden Schicksals, für ihn und viele seiner Kinder und Gefährten, zeigt sich Odins Todesverachtung, seine kriegerische Amor fati. Denn aus der Völuspa, der Weissagung der Seherin, weiß Odin um seinen nahenden Tod:

„Da hebt sich Hlins anderer Harm,
Da Odin eilt zum Angriff des Wolfs.
Belis Mörder mißt sich mit Surtur;
Schon fällt Friggs einzige Freude.“ (Völuspa, Vers 53)

Im Bewusstsein seines besiegelten Untergangs, führt er die Götter und sein Heer der Einherjar, der ehrenhaft Gefallenen, in den welterschütternden Kampf gegen die Riesen, Trolle und gottähnliche Wesen, wie den Fenriswolf und die Midgardschlange (Völuspa, Verse 43, 50, 51). Diese unerschrockene Einsicht in die Notwendigkeit, der Tausch der Rolle des Philosophen gegen die des Heerführers und das im besten Sinne, an vorderster Spitze kämpfend, zeigt, dass Feder und Schwert, oder in odinischen Symbolen Rabe und Speer, im germanischen Mythos nicht die Gegensätzlichkeit zugesprochen wurde, wie es in der Moderne üblich ist. Erahnen können wir diese odinische Geisteshaltung noch anhand von Kriegsphilosophen und Philosophenkriegern wie Friedrich Nietzsche, Ernst Jünger oder Carl von Clausewitz. Und in der Tat ist es vielleicht weniger ein Rollentausch vom Philosophen zum Heerführer, als eine Umsetzung von Odins eigener kriegerischer Philosophie, die sich beim Ragnarök, dem göttlichen Schicksal und Endzeitgefecht, zeigt. Schließlich heißt es in Odins Merksprüchen, den Havamal:

„Schweigsam und vorsichtig sei des Fürsten Sohn
Und kühn im Kampf.
Heiter und wohlgemut erweise sich jeder
Bis zum Todestag.

Der unwerte Mann meint ewig zu leben,
Wenn er vor Gefechten flieht.
Das Alter gönnt ihm doch endlich nicht Frieden.
Obwohl der Speer ihn spart.“ (Havamal, Verse 14 und 15)

Gerade in letzterem Vers scheint eine Lebens- und Sterbenseinstellung ausgedrückt zu werden, wie Nietzsche sie seinen Zarathustra an dessen „Brüder im Kriege“ ausrufen lies: „So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein!“.

Kommen wir nun zum vergessenen Krieger, zu Odins Sohn Baldur. Dieser wird gemeinhin als Gott des Lichtes und der Schönheit gedeutet. Anlass dafür gibt u.a. folgende Beschreibung: „Er ist so schön von Antlitz und so glänzend, daß ein Schein von ihm ausgeht.“ (Gylfaginning, Kapitel 22). Die Gründe für diese Assoziationen sind in der Mythologie also sichtbar gegeben und ich möchte ihnen nicht widersprechen. Dass ich Baldur aber als vergessenen Krieger bezeichne, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens taucht Baldur weder in der Snorra-Edda noch in der Lieder-Edda in kriegerischen Handlungen auf, was in so starkem Kontrast zu den meisten übrigen Göttern steht, dass man als Leser leicht den Eindruck bekommen kann, dass er ein völlig friedlicher Charakter ist. Zweitens wird diese Deutung auch durch das Standardwerk Lexikon der germanischen Mythologie von Rudolf Simek verbreitet, indem der Autor postuliert, dass ein kriegerischer Charakter Baldurs „in den Quellen keineswegs belegt ist und auch gar nicht zum Bild B.s passen will“. Dabei scheint Simek ein Vers aus dem Lied Oegisdrecka entgangen zu sein. Zuerst den Kontext in aller Kürze: Die Götter sitzen versammelt in einer Trinkhalle, der verschlagene Gott Loki kommt hinzu und beleidigt die Anwesend aufs Übelste. Die Göttin Frigg, Baldurs Mutter, entgegnet ihm darauf den für uns entscheidenden Vers:

„Wisse, hätt‘ ich hier in den Hallen Oegirs

Einen Sohn wie Baldur schnell,

Nicht kämst du hinaus von den Asensöhnen,

Du hättest schon zu fechten gefunden.“ (Oegisdrecka, Vers 27)

Dass Loki sich gerade vor Baldur in Acht nehmen müsste, ist vielsagend. Denn zu den anderen beleidigten Göttern zählen einige der größten Krieger unter ihnen, wie der Wächtergott Heimdall. Dass nicht mit dessen Rache gedroht wird, sondern mit Baldurs, scheint letzteren als einen herausragend gefährlichen Gegner auszuweisen. Damit könnte sogar ein Erklärungsansatz für Baldurs Namen gegeben sein, denn dessen altnordische Schreibweise Baldr entspricht sichtbar dem Adjektiv baldr, welches tapfer bedeutet. Man sieht also, dass das germanische Pantheon noch mehr Krieger zu umfassen scheint, als landläufig angenommen wird. Welcher Art Baldurs kriegerische Taten gewesen sind, geht aus den Mythen wie gesagt nicht klar hervor, aber vielleicht lassen sich dennoch Hinweise darauf erkennen. Denn Baldur ist nicht nur ein prachtvoller tapferer Krieger, sondern zudem noch unverwundbar. Oder zumindest beinahe, denn eine kleine Schwachstelle bleibt ihm, von deren Existenz nur eine geliebte Person weiß. Dieses Geheimnis wird durch einen listigen Feind entlockt werden und schließlich die hinterhältige Ermordung Baldurs ermöglichen (Gylfaginning, Kapitel 49). Wer jetzt an Siegfried den Drachentöter denkt, hat meines Erachtens allen Grund dazu, zumal dessen nordische Variante aus der Völsunga Saga, Sigurd, zwar nicht der direkte Sohn, aber doch ein Nachfahre Odins ist und von diesem ebenso väterlich geschützt wird, wie Baldur in den Mythen. Dieses Thema, als Beispiel für die Zusammenhänge von Götter- und Heldensagen, hätte freilich einen eigenen Artikel verdient, aber eine kleine Kostprobe wollte ich nicht vorenthalten. Ich hoffe gezeigt haben zu können, dass Kampf und Kriegertum in der germanischen Mythologie nicht getrennt oder gar entgegengesetzt zu Weisheit und Schönheit gedacht wurden, sondern als allgemeiner Teil göttlichen Lebens. Auch in der germanischen Mythologie werden Untergang und Zerstörung als düster und erschreckend beschrieben, doch schwingt in den entsprechenden Situationen auch immer die Bereitschaft der Protagonisten mit, sich ihrem Schicksal zu stellen und ungeachtet ihrer unterschiedlichen Wesensarten im Ernstfall für sich und die ihren bis zuletzt einzustehen. Ein Ideal, das zum Überdenken einlädt.

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