Ion Fury – Tough, feminin und noch dazu großkalibrig bewaffnet – Die ideale Heldin im Jahr 2019?

Eigentlich möchte sich unsere Heldin gerade nur einen verwässerten Drink nach einer langen Schicht in der Miliz von Neo-D.C. genehmigen, da fliegt plötzlich der halbe Cocktailschuppen in die Luft und der Spieler, der in diesem Moment in die Kampfstiefel der Protagonistin Shelly “Bombshell” Harrison schlüpft, steht am Anfang einer Reise, die voll mit Explosionen, knackigen Schusswechseln und toughen Sprüchen gespickt ist. Oder nicht?

Hart im Nehmen, feminin und noch dazu großkalibrig bewaffnet – Die ideale Heldin im Jahr 2019?



Die Build Engine anno 2019: Wer sich mal die Trailer, Rezensionen, Gameplays oder auch nur die Screenshots zu Ion Fury angesehen hat, dem wird eines aufgefallen sein: «Das sieht ja mal sehr Retro aus».

Ist es auch! Die Entwickler setzen auf die Build Engine, auf der ebenfalls Klassiker des FPS Genres wie Shadow Warrior, Blood und natürlich Duke Nukem realisiert wurden. Markenzeichen des Spiels sind markige Sprüche der Protagonisten und vor allem Explosionen. Die oben genannten Spiele sind alle dafür bekannt dass es immer wieder ordentlich kracht und scheppert. Duke Nukem lässt z.B. typisch amerikanisch ganze Häuserblocks einstürzen, ohne auf Kolletralschäden zu achten, um weiter Alienärsche zu kicken, und Babes zu befreien. Bei Lo-Wang wird der Abschuss einer Mininuke mit dem Spruch “Smells like Hiroshima!” begleitet und Caleb, der Protagonist aus dem besonders derben Blood, lacht sogar manisch auf, wenn er ganze Levelabschnitte samt Gegnern mithilfe eines Bündel TNTs in Einzelteile zerlegt. Auch Misses Harrison lässt sich nicht lumpen und spielt so z.B. explosives Containertetris. Ansonsten kommen die Explosionen aber eher als Möglichkeit zum öffnen für Abkürzungen innerhalb der Levels zum Einsatz. Dabei muss man den Entwicklern Voidpoint wirklich zugestehen, dass sie es schaffen, auch ohne richtiges 3D oder Photorealismus eine schöne wie atmosphärische Welt zu erschaffen, die sehr glaubhaft wirkt. So ist die Darstellung von Spiegeln, aber auch die Animations- und Spritequalität von Gegnern,  als auch Shelly sowie der Umwelt erste Klasse und Beleuchtung und Sound wird auch sehr gut genutzt. Der Spieler wird durch die Bildsprache darauf eingestellt einen mehrstündigen Trip durch eine dystopische Gesellschaft anzutreten, die mit wilden Schußwechseln, grellen Lichtern und satten Farben aufwarten kann. Auch die Artdirection ist dabei sehr gut und voll auf den Punkt getroffen.

Und wie spielt sich das Spiel jetzt? Schnell, schwer, und brutal. Aber auch altbacken. Ion Fury ist eben ganz klar ein Oldschool FPS, wo man mit viel Spaß und Humor und allerlei Schießprügeln alles was sich bei Drei nicht in Deckung gebracht hat in einen Haufen aus rotem Matsch und Schrott verwandelt. Denn die Gegner im Spiel gehören aller einem Kult aus fanatischen Transhumanisten an, die, desto weiter man im Spiel kommt, umso weniger menschlich sind. Für die Entsorgung der Hard -wie Wetware steht Shelly dabei ein klassisches Waffenarsenal zur Verfügung. Von einem elektrischen Schlagstock, der besonders gegen die kleineren Roboter gut ankommt, bis zum dreiläufigen 44. Magnum Revolver und einer 40mm Schrottflinte, die auch als Granatwerfer dient, hat der Spieler mehrere Möglichkeiten effektvoll für Krach zu sorgen. Umso ärgerlicher ist, dass es weder richtig tolle Optionen um das “Bombshell” in Shellys Namen auszuspielen
Die Dame ist nämlich Expertin für Explosionen – doch es gibt keine abgefahrene Waffen, wie den Schrumpfstrahl, die Mininukes oder den Napalmwerfer aus den anderen berühmten Buildspielen. Die meisten Gegner sind leider sehr dumm und stellen nur durch eine gute Mischung aus Hitscan oder explodieren Geschossen sowie einer gewissen Menge an Lebenspunkten eine Bedrohung dar. Und natürlich macht man außer dem andauernden Abschießen von Gegnern nichts anderes, als Schalter und Knöpfe zu suchen, die zu Sicherheitskarten führen, welche wiederum das Voranschreiten im Level ermöglichen. Ab und an kommen neue Gegner oder Waffen hinzu. Und manchmal auch ein Boss.

Zwei von Heskels Kultisten – mehr Maschine als Mensch – machen Bekannstschaft mit Shellys Bowlingbomben

Ein Spiel voller Kontroversen – und kontroversen Aussagen? Ion Fury spielt im gleichen Universum wie Duke Nukem, dem für seine eher positive Art und flotten Sprüche bekannten blonde Hühnen wird aber mit Shelly nicht nur direkt ein Gegensstück präsentiert. Die Welt von Ion Fury ist eine des Cyberpunks mit von grellen Neonleuchten erhellten Räumen, kleinen Bars mit Spielautomaten und verdreckten grauen Straßen und Blocks, in denen sich ganze Märkte befinden. Da bleibt der Vergleich zu Judge Dredd einfach nicht aus. Und tatsächlich: wer dachte, das nur weil es sehr Cyberpunkig beginnt, dass sich früher oder später in den Cycberspace eingeklinkt wird, der liegt falsch. Die Welt ist voller Anspielungen auf moderne Themen. So ist die Nahrung, die Shelly im Spiel für ein paar Trefferpunkt essen kann, ausschließlich Fastfood. Dabei gibt es von Hamburgern, Pizza, Asianuddeln aus der Box, und Taccos alles was das einfache und globalisierte Herz begehrt. Von gesunder Ernährung ist in Zeiten vom urbaner Dystopie in der Unter/Mittelschicht schlicht keine Spur. Und auch die Menschen scheinen in wenig mehr als Slums zu leben. Überall sind Türen mit einem Dutzend Schlössern vor den scheinbar alltäglichen Einbruchsversuchen in einem failed state gesichert. Und schwarze Mülltüten gehören genauso zum Straßenbild, wie die versteckten Behausungen von Obdachlosen. Duke Nukem vermittelte nie das Bild einer Dystopie, aber in Ion Fury kann man regelmäßig ganze Siedlungen in Containern finden, die zwischen den Wohnblöcken von Neo-D.C. als Notlösung zu entstehen scheinen. Da scheint es nicht verwunderlich zu sein, dass der Antagonist, Dr. Heskel, ein scheinbar endloses Heer an Kultisten hat, die sich ihm verschworn haben, um die Übernahme der Stadt und damit der Gesellschaft proben. Wer würde sich nicht an den Rand seiner Existenz zu einem Cyborg verbessern lassen, und für mehr Rechte und einen besseren Lebensstandard kämpfen – Auch wenn dies den Verlust der Menschlichkeit zur Folge hat?

Dabei ist besonders interessant, dass Shelly wahrscheinlich in der Riege der Ikonischen Buildspiele Helden – Duke Nukem, Lo Wang und Caleb, die zahmste sein dürfte. Der Duke war noch immer für seine Sprüche gegenüber Frauen wie Aliens bekannt, Lo Wang machte gerne recht obszöne Bemerkung, ganz egal ob bei Frauen oder wenn er teilweise schon stark rassistische Klischees beschwörte. Und Caleb ist Schlichtweg wahnsinnig und saddistisch. Bei ihm dreht sich alles um das Thema Rache und Gewalt an nicht weniger als dem dunklen Gott Tschernobogg. Shelly hat dagegen weniger viele ikonische Sprüche im petto, auch wenn sie deswegen als Protagonistin nicht weniger Spaß macht. Was weniger Spaß macht, ist die Tatsache das Ion Fury mal Ion Maiden hießt, was ziemlich cool war – bis Iron Maiden die Entwickler Voidpoint über ihre Anwälte darüber informierte, dass der Namen geändert werden müsste.
Besonders nachdem man die ersten Levels überstanden hat und die ersten stärker modifizierten Gegner trifft, wird dem Spieler klar, wie weit die Bewohner dieser Welt wohl in ihrer Verzweiflung gehen. Von all den Gegnern, die man im späteren Verlauf trifft, sind es jedoch die einfachen Zombies, die mich am meisten berührten. Denn wenn aufpasst, kann man mitbekommen, dass diese Zombies nicht mehr als Nebenprodukte einer gescheiterten Umwandlung sind. Auch dies kann also der Preis für die Hybris des Menschen sein, und in seiner Anmaßung wird er nicht zum vermeintlichen Halbgott, sondern zu einem mit Säure verseuchten Schlurfer. Gerade wenn man sich die moderne Transszene mit ihrer Ablehnung ihres angeborenen Körpers und der teilweise grotesken chirurgischen Veränderung betrachtet, lasssen sich dort Analogien finden.
Die Entwickler haben dabei selbst für eine Kontroverse gesorgt, als sie auf ihrem Discord Server eine nach vermeintlich “transfeindliche” Aussage traffen. Die Aussage war, dass jemand, der sein Kind selbst, also ohne ärztliche Hilfe als non-binär bestimmt, nicht verantwortungsvoll genug ist, um ein Elternteil zu sein. Nachdem es darüber zum Aufschrei kam, entschuldigte sich der Entwickler, zensierte einige Items, die zum größten Teil ohne Cheats nicht mal einsehbar waren, aber als “triggernd” gewertet werden könnten, und spendete 10.000$ an eine NGO, die für Transrechte eintritt. Und spaltete damit seine Community. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes, gibt es Spieler, die aktiv dazu aufrufen das Spiel nicht mehr zu kaufen, um nicht das Einknicken und Schwächeln, aber vor allem nicht die Zensur von Inhalten nur wegen der Empörung einiger SJW-Schneeflocken hinzunehmen. In den Foren werden Leute wegen ihrer Meinung, die von den Entwicklern als derzeit unerwünscht gilt, gebannt und ihre Threads und Beiträge teilweise ebenfalls nur gesperrt oder sogar gelöscht. Der Umgang mit seiner Nutzerbasis ist damit bei Voidpoint in etwa bei dem eines Gillette Werbesports angekommen.

 

Dennoch ist es erschreckend, dass selbst ein so kleines Studio nicht mehr seine Vision einer blanken Dystopie erzählen kann, ohne sich nach den Spielregeln der Empörungsparteien zu richten. Gerade da ist es eigentlich so schön wie schade, dass der Spieler mit Shelly eine ikonische wie starke Protagonistin gestellt bekommt, die der Riege aus Buildmachos eine gute und gesunde weibliche Komponente hinzufügt. Genau wie Sigourney Weaver es in Alien als Allen Ripley bewiesen hat, es ist vollkommen möglich eine starke und doch gerade eben weibliche Frau als Heldin zu verkörpern. Aber dafür braucht es eben auch etwas Stärke; körperlich, geistig und – die Willenskraft. Doch ist es schade, dass Voidpoint sein im Vergleich zum sonnigen Duke eher erwachsenes und ernstes Szenario zwar ausgesprochen schön innerhalb der Möglichkeiten der Buildengine andeuten kann, jedoch nie komplett aussprechen darf, was es wohl eigentlich sagen möchte. Denn sicherlich hängt auch jetzt das Damoklesschwert der PC-Kultur über Spiel, Entwicklern und Protagonistin. Wer sich die angedeute Dystopie selbst ansschauen möchte – und zwar in der Realität – der sollte nach Berlin oder L.A. fahren.

Fazit: I(r)on Maiden ist ein Hammer. Das wohl schönste Spiel in der Buildengine kann zwar den Erwartungen wie schon der letzte spielerische Auftritt von Shelly Harrison nicht ganz gerecht werden, da die Gegner und Waffenauswahl wie auch die Palette an markigen Sprüchen nicht riesig ist, aber als Oldschool FPS ist das Spiel sehr solide und bietet einige Stunden sauberen Spaß – mit vielen Explosionen, lustigen Sprüche in einem schön dystopischen Universum.

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