Brot und Spiele für die Massen

In Köpenick kann man jeden Monat sehen, wie die Fußballfans von Union die S-Bahn stürmen, Alkohol in rauen Mengen konsumieren, ihren Fan-Shop regelrecht plündern und dafür sorgen, dass eine Hundertschaft Polizisten einen schönen Abend mit 20 Kg Ausrüstung im eigenem Schweißbad verbringen darf. Bei diesen Abenden ventilieren die Deutschen so richtig, dürfen die Sau raulassen und den Rest von Sturm und Drang in ihren Seelen mit Gebrüll und Alkoholexzess besänftigen. Dass sich Millionen von deutschen Männern, um die es hier mehrheitlich gehen soll, dem Fußball hingeben, wie sonst vorher nur ihre Vorväter großen Kriegen oder Revolutionen, hat irgendwo ein System.

Sie sind beschäftigt, besänftigt und obwohl sie einem Spiel zuschauen, haben sie sich selbst aus dem «großen Spiel (The Great game of politics)» genommen. Ich rede nicht vom normalen Fußballzuschauer, der den Sport genießt und ein wenig Freude daran hat (ich schaue mir auch hin und wieder ein Sportereignis an und freue mich darüber). Ich rede von den unzähligen Fans, die ihren Fußballclub als erweitere Identität ihrer Selbst verstehen und ohne ihn nicht mehr leben können. Junge und mittelalter Männer im besten Alter, die ihren Lebensinhalt im Fußball sehen, existieren in der politischen Ebene nicht mehr. Sie sind »out of the game». Erwachsene Männer, die in Tränen ausbrechen und über Wochen deprimiert sind, weil ihr Team verloren hat. Fußballspiele müssen häufig abgebrochen oder unterbrochen werden, weil die Menschen im Stadion völlig außer Rand und Band geraten. Bengalos und Schlägereien sind ziemlich normal geworden. In den 50er Jahren, als man noch das «Wunder von Bern» kurz nach dem Krieg erleben durfte, verhielten sich die Menschen anders. Euphorisch ja, sehr angeregt. Aber mit der emotionalen Eskalation, mit der wir es heute zu haben, hätten die Fußballfans von damals nichts anfangen können. Fußballfanatismus ist ein Ventil für die frustrierten Massen an Männern, deren Energie an anderen Stellen in der Gesellschaft schlichtweg fehlt. Im übrigen gibt es dieses Phänomen, nämlich die Herausnahme der Männer aus dem Gesellschaftsleben durch Ablenkung, auch woanders. Denken wir nur an übermäßigen Konsum von Computerspielen oder der Handysucht, dem frenetischen Wischen auf Instagram oder Snapchat. Menschen, die dieser Form von Ablenkung vollends verfallen, weil sie darin für sich eine angenehme Nische gefunden haben, in der sie nicht von der echten Welt und ihren Sorgen geplagt werden, existieren im Staatsgebilde nur noch als Konsumenten. Im Grunde sind sie die perfekten Bürger der globalisierten Welt.



 

Personen, die sich nicht für Politik interessieren, keine Anteilnahme an ihrer Nation und Gesellschaft haben, sich nur noch mit Sinnesreizen irgendwie betäuben, sind ideale Zahnrädchen einer ökonomisierten Erde. Bier, Chips, Fußballkarten, elektronische Geräte, Videospiele – fett werden, um dann von der Gesundheitsindustrie wieder teuer zusammengeflickt zu werden. Den Menschen in unserer Bundesrepublik und in weiten Teilen des Westens fehlt ein intrinsischer Antrieb für ihr Leben. Das Land um sie herum beginnt zunehmend sinnlos zu werden. Man versteht nicht mehr, nimmt keinen Anteil mehr und fühlt sich nicht gebraucht. Sie wüssten auch nicht wohin mit ihrer Energie, weswegen der Fußballclub, der PC oder andere Formen emotionalen Ventilation herangezogen werden. Für diejenigen, die unsere Gesellschaften in Westeuropa gerade nach ihren Wünschen umbauen, kommt diese Art der körperlichen und mentalen Abwesenheit eines Großteils der Männer sehr gelegen. Für sie, die Funktionseliten, ist das wunderbar, dass sich so viele junge, von Sturm und Drang erfüllte Männer, sich mit Brot und Spielen ablenken lassen.

Lieber 5000 wütende Fußballfans auf den Straßen, die sich mit der Polizei prügeln wollen, weil ihr Team verloren hat, als 5000 zornige Bürger, die die Regierung stürzen wollen, weil sie verstanden haben, um was es eigentlich geht.
Wer die Masse als Erlebnis haben will, sollte sich darüber im Klaren sein, wie positiv und begeisternd ein Massenerlebnis mit Gleichgesinnten sein kann, die sich vorher nicht hemmungslos betrunken haben und denen es um mehr geht, als um einen kurzen «Kick» Adrenalin. Andernorts kämpfen die Menschen um ihre Rechte, gegen eine immer diktatorischere Regierung. Oder sie singen eines Abends zu Hunderten die Nationalhymne, weil sie fühlen, dass sie mehr verbindet als nur die Farbe eines Clubshirts.

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Bild: Karen Blaha / CC BY-SA 2.0

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