Rudolf Steiner und die spirituelle Mission des deutschen Volkes

Rudolf Steiner polarisiert. Für die einen ist er ein Seelenführer und Heilsbringer, für die anderen ein Scharlatan und Rassist. Sein Erbe lebt in Gestalt der Waldorfschulen fort, die gemeinhin auch nicht den besten Ruf genießen und nicht selten für ihre reformpädagogischen Konzepte belächelt werden. Es ist und es war wohl schon immer – seit 1919, als die erste Waldorfschule ihre Pforten in Stuttgart öffnete – ein politisch umstrittenes Erbe. Immer wieder tobt sowohl in der Öffentlichkeit als auch in dem „Inner Circle“ der Anthroposophen selbst ein Streit um politische Rechtstendenzen, die nicht etwa zufällig zu Tage träten, sondern tief in den Steinerschen Ideenkreisen verwurzelt seien, so zumindest der Tenor vieler Beobachter. Vor kurzem begann der Bund der Waldorfschulen, sich demonstrativ „gegen rechts“ zu positionieren, und reagierte damit unter anderem auf das politische „Outing“ der Publizistin und Philosophin Caroline Sommerfeld (“mit Linken Leben”), die bis 2017 in einer Wiener Waldorfschule als Köchin (!) gearbeitet hatte. Grund genug, den politischen Anschauungen der mythenumrankten Gründerfigur einmal nachzuspüren, die, wie wir sehen werden, nicht so einfach auf „rechts“ oder „links“ reduziert werden können.

Der 1861 in einer ländlichen Gegend Niederösterreichs geborene Steiner wuchs in einer Aura von Sagen, Bauernweisheiten und Dorf-Esoterik auf. Seine Kindheit soll von übersinnlichen Erlebnissen und Kontakten mit Naturgeistern geprägt gewesen sein. Schon früh habe er sich für das interessiert, was eigentlich hinter der sinnlichen Oberfläche der Dinge wirke. Diese Suche nach geistigen Hinterwelten setzte sich auch in seiner Studienzeit in Wien fort. Er wählte Mathematik und Naturwissenschaften, hörte darüber hinaus Vorlesungen in den Fächern Philosophie, Biologie und Botanik. Die Weisheit aus Büchern konnte den Suchenden aber nicht befriedigen und so begann er, den Kampf gegen den „wissenschaftlichen Materialismus“ zu seinem Lebensmotto zu machen. Ein einseitiger, naturwissenschaftlich dominierter Weltzugang drohte, die Wirklichkeit zu verkürzen und um ihre entscheidende, seelische Dimension zu bringen. Steiner bemühte sich infolgedessen, aus dem Verständnis des Deutschen Idealismus heraus eine integrale Weltanschauung zu entwickeln. Ausgangspunkt bildete die Bewusstseinstheorie Johann Gottlieb Fichtes, die das menschliche Ich in das Zentrum rückte – eine Re-flexion im wahrsten Sinne des Wortes: Das Ich kann sich selbst beobachten, ja es ist zunächst nichts anderes als dieser Akt der Selbstbeobachtung, in der es sich gewissermaßen selbst erschafft und zu einer einzigartigen Quelle schöpferischer Produktivität wird. Von diesem archimedischen Punkt aus wollte Steiner alle Dualismen aushebeln, welche die moderne Welt charakterisieren: Subjekt – Objekt, innen – außen, Theorie – Praxis, Bild – Begriff, Geist – Materie. In seiner 1894 erschienenen Philosophie der Freiheit arbeitete er diesen intellektuellen Ich-Anarchismus näher aus und feierte unter Berufung auf Nietzsche und Max Stirner den Kult des freien Geistes, der sich von dogmatischen Wahrheiten befreit habe und nur mehr seine eigene Wahrheit sei. 1890 arbeitete er an der Gesamtausgabe Goethes mit, und zwar an dessen naturwissenschaftlichen Schriften. Darin wollte er eine spirituelle Naturphilosophie entdecken, die es erlaubte, den materiell-mechanischen Aspekt der Natur auf einen geistig-spirituellen hin zu überschreiten. So meinte er im Wachstum einer Pflanze nicht einfach einen kausalmechanischen Prozess zu erblicken, sondern eine von Ideen geleitete Metamorphose, in der sich der ewige Lebenskern erhält. Im „Goetheanismus“ liegt denn auch der Keim der späteren sogenannten „Anthroposophie“ beschlossen. Die äußere, naturwissenschaftliche, erforschbare Seite von Kosmos und Mensch sowie ihre geistige Innenseite hängen auf integrale Weise miteinander zusammen und man kann sich nicht auf eine Seite dieses Zusammenhangs konzentrieren, ohne nicht auch die andere in die Betrachtung miteinzubeziehen. In Steiners Worten:



„Sobald er [der Mensch] aber fühlt, wie die Idee in seinem Innern lebt und tätig ist, betrachtet er sich und die Natur als ein Ganzes, und was als Subjektives in seinem Innern erscheint, das gilt ihm zugleich als objektiv; er weiß, dass er der Natur nicht mehr als Fremder gegenübersteht, sondern er fühlt sich verwachsen mit dem Ganzen derselben. Das Subjektive ist objektiv geworden; das Objektive von dem Geiste ganz durchdrungen.” (Aus: Goethes Weltanschauung. Dornach 1990, S. 54)

Wenn der Mensch den Kosmos betrachtet, muss er darin sich selbst finden, denn er hat das kosmische Sein in sich. Die Anthroposophie soll schließlich das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen, den Mikrokosmos in den Makrokosmos und damit jeden einzelnen Menschen zu seinem kosmischen Anthropos oder höheren Selbst. Das ist das mystische Geheimnis von Steiners „Geistes-Wissenschaft“, das ein so ökologisches wie menschenfreundliches Antlitz zu tragen scheint.

Es gibt allerdings noch einen anderen Steiner, einen okkulten Steiner, der sich der „Theosophischen Gesellschaft“ anschloss und die Geheimlehre der ungarischen Esoterikern Helena Petrovna Blavatsky aufmerksam studierte. Er beschäftigte sich mit dem Mythos des untergegangenen Atlantis, mit fernöstlichen Lehren sowie Reinkarnation und sprach als ein in die Erkenntnis höherer Welten und Mysterien Eingeweihter. In diesen Zusammenhang seiner jetzt zur Geheimwissenschaft gewordenen Geisteswissenschaft gehört außerdem seine Lehre von einem geheimen Weltenplan, den Weltaltern und den Wurzelrassen. Nach dem Bruch mit der theosophischen Gesellschaft ist oft von einer christologischen Wende Steiners die Rede. In einer radikalen Subjektivierung der christlichen Heilswahrheit, für die ihm die christliche Mystik Meister Eckharts Pate stand, verstand er das Christentum – für ihn immerhin noch die zentrale Achse der Weltgeschichte – als mystische Tatsache. Man solle sich dem inneren Christus zuwenden, dem je eigenen Seelenfünklein, das jeder Mensch als Splitter des Göttlichen in sich trage. Dadurch wird ein höheres Bewusstsein des Geistesmenschen erlangt, nämlich davon – um es in einem banalen Bild auszudrücken – dass wir alle Perlen im Sektglas des göttlichen Absoluten sind, mit dem es sich selbst zuprostet.

Nun zum politischen Steiner, den es neben dem Reform- und Heilpädagogen, Kunsttheoretiker und Anreger einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft auch noch gab. Bereits während des Ersten Weltkriegs trat er mit politischen Stellungnahmen hervor. Nachdem er eine Sensibilität für die drückende soziale Frage entwickelt hatte, schrieb er Aufsätze und hielt Vorträge über die „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Dabei ließ er die Ideen von 1789 Revue passieren, welche die politische Signatur der modernen Welt prägten, jedoch nicht so einfach miteinander vereinbar zu sein schienen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Steiner versuchte, diese Prinzipien nicht auf antagonistische Weise aufeinander zu beziehen, wie es der Kapitalismus tat, indem er die freie Marktkonkurrenz entfesselte, in der sich jeder gegen jeden durchzusetzen hat, oder der Sozialismus, der den Klassenkampf propagierte und jede individuelle Freiheit im egalitären Kollektiv zu ersticken drohte. Es war ein „Dritter Weg“ gefragt, in dem weder die Ökonomie die Politik noch der Staat die Ökonomie steuern würde. Die Lösungsformel lautete: Autonomie für jeden Bereich sozialen Lebens durch funktionale Ausdifferenzierung. Das Gemeinwesen stellt aus anthroposophischer Sicht einen Organismus dar, in dem ein dreifach gegliedertes Leben pulsiert: das Geistesleben mit Kunst, Religion und Wissenschaft, in dem sich die Freiheit entfalten darf, das Rechtsleben mit seinen politischen und administrativen Funktionen, in dem sich die Gleichheit vor dem Gesetz entfalten darf, und das Wirtschafsleben mit Produktion, Handel und Konsum, dem die Brüderlichkeit zugeordnet ist. Im Idealfall herrscht zwischen Geistes-, Rechts- und Wirtschafsleben keinerlei Hierarchie, sondern ein lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken, in dem jedes seine Funktion ungestört erfüllen kann und auf diese Weise den sozialen Organismus am Leben erhält, so wie auch der harmonische Einklang von Nerven-, Herz-Lungen- und Stoffwechselsystem den menschlichen. Wenn das eine System in das andere übergreift oder gar seiner Logik unterwirft, kommt es folgerichtig zu totalitären Tendenzen: Absolute Freiheit im Wirtschaftsleben führt beispielsweise zum Raubtierkapitalismus, absolute Gleichheit ebenda zu mechanischer Gleichmacherei. Eine angedachte Führungsrolle des freien Geisteslebens, das die Ressourcen zuteilt, die Fähigsten bestimmt und die Justiz ausübt, kann in diesem Modell nicht verhehlt werden, da es gewisse Züge der alten Utopie von der platonischen Philosophenherrschaft trägt. Hier ist der Ort, an dem ein Bewusstseinsprozess darüber in Gang kommen soll, dass das wahrhaft angemessene Verhältnis zwischen Menschen nicht das Nebeneinander (wie bei Mineralien), nicht das Nacheinander (wie beim Pflanzenwachstum), nicht einmal das Miteinander (wie zwischen Tieren), sondern einzig und allein das Füreinander ist. Oder mit einem berühmten Zitat Steiners gesagt: „Nur so wird das Weltenziel erreicht, wenn jeder in sich selber ruht, und jeder jedem gibt, was keiner fordern will.“ Der Aufbau des Wirtschaftssystems soll auf Assoziationen von Verbrauchern, Händlern und Produzenten beruhen, die kooperativ und solidarisch statt egoistisch oder kollektivistisch wirtschaften. In dieser Kapital und Arbeitskampf neutralisierenden Perspektive werden transformierte Eigentumsformen denkbar, die weder privat noch öffentlich-staatlich sind: Eigentum gehört denjenigen, die durch es hindurchgehen, wie für die ursprüngliche Rechtsfigur der Waldorfschulen vorgesehen war. Menschliche Arbeitskraft ist darüber hinaus keine für einen Lohn verkäufliche Ware mehr, wie sie Adam Smith und Marx konzipierten. Der jeweilige Anteil der Arbeiter (und alle, auch die Unternehmer, sind nun Arbeiter an einem gemeinsamen Werk) am Gewinn wird vertraglich vereinbart. Bildung wird folglich im ganzheitlich-humanistischen Sinne als Wert an sich angesehen, der nicht auf dem Altar wirtschaftlicher Verwertungs- oder politischer Machtinteressen geopfert werden darf, sondern innerhalb eines autonomen Gehäuses der Selbstverwaltung zu schützen ist, in dem das stattfinden kann, was Schiller als „ästhetische Erziehung“ bezeichnete. Die Theorie der sozialen Dreigliederung ist am Ende sogar auf ein weltstaatliches Ziel ausgerichtet, wobei sich auf der kosmopolitischen Ebene der Weltstaat zu den ihm inkorporierten Einzelstaaten so verhält wie der Gesamtorganismus zu seinen Zellen. Globalisierung bedeutet anthroposophisch gedacht das Zusammenwachsen der ganzen Erde zum Wirtschaftsorganismus.

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung(Link)

Rudolf Steiner kommt indessen nicht auf die Idee, im Namen eines abstrakten Universalismus die Existenz der einzelnen Völker zu leugnen. Das Volkliche – wohlgemerkt nicht das Völkische – macht er gerade in der Hinsicht stark, als es zur Menschheitsentwicklung im Ganzen beizutragen vermag. Analog zum Einzel-Ich gibt es ein Volks-Ich, eine geistige Wesenheit, die dem Volk seinen spezifischen Charakter verleiht. Die Volksgeister reihen sich in eine geistige Hierarchie ein, die aber dadurch wieder relativiert wird, dass diese verzeitlicht und auf das Ganze der Menschheit bezogen wird: Jedes Volk hat die spirituelle Mission, der Menschheit etwas zu schenken, ein geistiges Erbteil, das eben nur dieses einzelne Volk besitzt und kein anderes. Vor diesem Hintergrund heißt es, dass „der einzelne Mensch ein Werkzeug werde in der Mission des Volkes“. Welche spirituelle Mission ist, in den Visionen Steiners, dem deutschen Volk übertragen worden? Dazu muss man wissen, dass im herrschenden Weltenalter, bemerkenswerterweise noch dem Fische-Zeitalter, die germanischen Völker eine kulturell führende Rolle spielen, bis sie von einer Kulturepoche der slawischen Völker im Wassermann-Zeitalter abgelöst werden. Aus diesem Grund wird an den Waldorfschulen häufig Russisch angeboten. Es geht um nichts weniger als um die in nicht mehr allzu ferner Zukunft zu erwartende Übergabe des Staffelholzes der Weltgeschichte. Das deutsche Volk hat schließlich die Aufgabe, „den Christus-Impuls gerade in unserer Zeit zum Ausdruck zu bringen, wie es dem Charakter unseres Zeitalters entsprechend ist“ (Steiner-Gesamtausgabe, 157, S. 105f.). Im Herz Europas situiert, hat der deutsche Volksgeist einen oszillierenden Charakter: Er schwingt zwischen Idealismus und Materialismus sowie zwischen West und Ost hin und her bezieht daraus seine vermittelnde und versöhnende Kraft. Diese Kraft wirkt sowohl nach außen im Sinne der Geopolitik als auch in die seelische Innerlichkeit der Menschen hinein. Deutscher Geist, d. h. deutsche Philosophie und Dichtung, haben es in einzigartiger Weise vermocht, Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele zum oben angerissenen „Ich“ ganzheitlich zu integrieren. So scheint zwischen diesem Ich und dem Christus-Impuls eine besondere Verbindung zu bestehen, weshalb „das deutsche Wesen immer universeller bleiben muss als andere Volkswesen“. Geisteswissenschaft, Idealismus und Dreigliederung sind die Gaben, die das deutsche Volk bei der Entscheidung um das Zeitenschicksal in die Waagschale werfen muss, denn es gibt „ein tiefes verwandtschaftliches Verhältnis zwischen dem deutschen Geistesleben und dem Weg, der in die Geisteswissenschaft hineinführt“ (Steiner-Gesamtausgabe, 157, S. 228f.). Wenn oft gesagt wird, dass Steiner ausschließlich den spirituellen Bereich für die Wirksamkeit des deutschen Volksgeistes ausersehen hat, ist das nur halb richtig. Zwar hat Steiner mit Nietzsche zweifellos in den Äußerungen deutscher Machtpolitik die „Exstirpation des deutschen Geistes zu Gunsten des ‚deutschen Reiches‘“ gewittert. Spirituelle Entwicklung oder Rückentwicklung zeitigen allerdings immer politische Folgen. Das kann man an Steiner Deutung des Ersten Weltkriegs beispielhaft ablesen, die in einer Tagebuchnotiz aus dem Jahre 1917 überliefert ist:

„Tonangebend ist eine Gruppe von Menschen, welche die Erde beherrschen wollen mit dem Mittel der beweglichen kapitalistischen Wirtschaftsimpulse. Zu ihnen gehören alle diejenigen Menschenkreise, welche diese Gruppe imstande ist, durch Wirtschaftsmittel zu binden und zu organisieren. Das wesentliche ist, daß diese Gruppe weiß, in dem Bereich des russischen Territoriums liegt eine im Sinne der Zukunft unorganisierte Menschenansammlung, die den Keim einer sozialistischen Organisation in sich trägt. Diesen sozialistischen Keimimpuls unter den Machtbereich der antisozialen Gruppe zu bringen ist das wohlberechnete Ziel. Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, wenn von Mitteleuropa mit Verständnis eine Vereinigung gesucht wird mit dem östlichen Keimimpuls. Nur weil jene Gruppe innerhalb der anglo-amerikanischen Welt zu finden ist, ist als untergeordnetes Moment die jetzige Mächte-Konstellation entstanden, welche alle wirklichen Gegensätze und Interessen verdeckt. Sie verdeckt vor allem die wahre Tatsache, daß um den russischen Kulturkeim zwischen den anglo-amerikanischen Pluto-Autokraten und dem mitteleuropäischen Volke gekämpft wird. In dem Augenblicke, in dem von Mittel-Europa diese Tatsache der Welt enthüllt wird, wird eine unwahre Konstellation durch eine wahre ersetzt. Der Krieg wird deshalb so lange in irgendeiner Form dauern, bis Deutschtum und Slawentum sich zu dem gemeinsamen Ziele der Menschen-Befreiung vom Joche des Westens zusammengefunden haben. Es gibt nur die Alternative: Entweder man entlarvt die Lüge, mit der der Westen arbeiten muß, wenn er reüssieren will, man sagt: die Macher der anglo-amerikanischen Sache sind die Träger einer Strömung, die ihre Wurzeln in den Impulsen hat, die vor der französischen Revolution liegen und in der Realisierung einer Welt-Herrschaft mit Kapitalistenmitteln besteht, die sich nur der Revolutions-Impulse als Phrase bedient, um sich dahinter zu verstecken; oder man tritt an eine okkulte Gruppe innerhalb der anglo-amerikanischen Welt die Welt-Herrschaft ab, bis aus dem geknechteten deutsch-slawischen Gebiet durch zukünftige Ströme von Blut das wahre geistige Ziel der Erde gerettet wird.“ (Steiner-Gesamtausgabe, 173c, S. 264f.)

Auf der einen Seite ist das Verschwörungsdenken Steiners, das überall dunkle Hintergrundmächte am Werk sieht, mit Händen zu greifen. Andererseits deutet er den Ersten Weltkrieg aus einer Konfrontation der seelischen Weltanschauungen heraus, deren Frontlinien nicht identisch mit denen der tatsächlich kriegführenden Mächte waren. Eigentlich ging es 1914-18 nicht nur um Machtfragen und Grenzverschiebungen, es ging um etwas Größeres. Es ging darum, welcher Volksgeist der künftigen Epoche seinen Stempel aufdrücken wird: Wird es die „angloamerikanische Normalameise“ (Stefan George) und das materialistisch-kapitalistische Prinzip des Westens sein oder eine deutsch-russische Kultursynthese, die allen Völkern erlauben wird, ihre Gemeinschaften gemäß dem Prinzip der Dreigliederung jeweils organisch zu gestalten? Es gehört zur Tragik des Ersten Weltkriegs, dass Deutsche und Russen gegeneinander standen, obwohl es die Allianz zwischen Mitteleuropa und Russland gewesen wäre, die es bedurft hätte, um den Geisterkrieg um den russischen Kulturkeim zu gewinnen. Bis heute ist die Verbindung von russischer Landmasse und Ressourcen mit deutscher Technik, Organisation und Wissenschaft die Horrorvision der amerikanischen Geostrategen und es ist inständig zu hoffen, dass die „Ströme von Blut“, die sich Deutsche und Russen im 20. Jahrhundert gegenseitig zugefügt haben, die letzten sein werden. In diesem Sinne sind bei Steiner hochaktuelle Beobachtungen zu finden, beispielsweise über die geopolitische Schlüsselrolle der Ukraine: „Die Ukraine ist der angelsächsische Kampfplatz um den russischen Kulturkeim. Die Ukraine ist nicht mehr und nicht weniger als der aktuelle Schauplatz des seit 1914 anhaltenden Kampfes gegen Mitteleuropa“ (Rudolf Steiner, Notizbucheintragung 1918). Bereits vor dem Ersten Weltkrieg, 1913, ermahnte er russische Anthroposophen:

„Bedenkt, meine lieben Freunde, daß dieses nordamerikanische Volk, das Euer Gegenpol ist, von der Zeit ab begonnen hat, vom Westen allmählich gegen den Osten vorzurücken, in der in Europa das Zeitalter des Materialismus begonnen hat, und ihn weiter ausgebaut hat. Bedenkt, daß in den Wurzeln des Amerikanertums der Materialismus waltet. Bedenkt einmal, daß diejenigen Menschen, die Amerika kultiviert haben, dies getan haben mit den Vorstellungen des kultivierten Europäers vor Jahrhunderten, die so wenig weit hinter uns liegen. Was haben denn diese Menschen gemacht? Diese Menschen haben mit den materialistischen Vorstellungen der modernen Parlamente, mit den Vorstellungen der modernen Naturwissenschaft, der modernen Gesellschaftsordnung dasjenige getan, was sonst ungebildete Menschen machen, wenn sie Urwälder ausroden, Stück für Stück Ackerboden erobern, Land bereiten der Kultur. Das ist alles aus Materialismus entsprungen. […] Fragt nach, woher Euer Volkstum kommt, woher Euer Geistesleben stammt, fragt nach, woher das Beste kommt, was Ihr in Euren Seelen hegen könnt. Ihr werdet es auf der Erde nicht finden! Das ist nicht in dieser Weise zu finden, das wurzelt in der geistigen Welt selber. Das ist Organismus, Lebewesen, das ist kein Kartenhaus.“ (Steiner-Gesamtausgabe, 158, S. 216)

Rudolf Steiner war sicherlich einer der letzten universalen Geister, zugleich aber auch ein Gnostiker und Obskurantist. Er war weder „rechts“ noch „links“, auf ihn können sich jedoch rechte und linke Anthroposophen mit Recht berufen und – das ist entscheidend – einen gemeinsamen spirituellen Weg einschlagen, ohne sich die Köpfe einschlagen zu müssen. Darauf läuft sein Plädoyer für die Freiheit des Geisteslebens letztendlich hinaus. Sein Werk hat das klassisch-idealistische Vermächtnis des deutschen Geistes auf eine Weise ernst genommen, mit der sich etwas für praktische Lebensbereiche (Pädagogik, Kunst, Ernährung) anfangen lässt. Es sind darin zuweilen helle Gedankenblitze zu finden, auch wenn sie schnell wieder im labyrinthischen Dunkel „geistiger Welten“, in der sich nur vermeintlich „Eingeweihte“ zurechtfinden, verblassen.

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