Christentum und Aufklärung gehören zu unserer Identität

… und Gott schwebt über dem Quantenschaum

Sowohl das Christentum als auch die Aufklärung gehören zu den Grundlagen der europäischen und auch der spezifisch deutschen Kultur. Gerade seit 1968 hat das Christentum als identittätsstiftendes Element jedoch massiv an Boden verloren, während eine links-politisch aufgeladene Aufgeklärtheit und Wissenschaftlichkeit ihren Platz eingenommen hat. Wenn wir heute nach unserer Identität fragen, tun wir gut daran, das Verhältnis der Konzepte des Christentums und der Aufklärung bzw. der Naturwissenschaft zu klären und sie möglichst miteinander zu vereinbaren. In Bezug auf die Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde soll dies im Folgenden versucht werden.
Bekanntlich beruft sich der Kreationismus darauf, dass sich die Schöpfung nach der Bibel innerhalb von sechs Tagen abgespielt und Gott Pflanzen, Tiere und Menschen unabhängig voneinander erschaffen hat (mit einer Ausnahme: Eva wurde aus Adams Rippe gemacht). Gott habe den Menschen als sein Ebenbild erschaffen.
Und bekanntlich lehrt die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie dem gegenüber, dass alle Lebewesen im Laufe mehrerer Milliarden Jahre aus einfachen, einzelligen Formen bis hin zur Komplexität des Menschen entwickelt haben. Die automatischen, quasi blind arbeiteten Triebkräfte der Verwandlung der Organismen sind Mutation und Selektion. Es gibt also einen von zufälliger Veränderung des Erbgutes getriebenen Prozess und einen Auswahlprozess, in dem Lebewesen, die besonders gut an ihre jeweilige Umwelt angepasst sind (Charles Darwin: „survival of the fittest“) größeren Fortpflanzungserfolg als ihre Konkurrenten haben. Die Evolution wird in jüngerer Zeit allerdings nicht mehr als linearer Prozess verstanden, der in jeder Hinsicht eine Höherentwicklung bedeutet, sondern die verwandtschaftlichen Beziehungen der Lebensformen bilden ein weitverzweigtes Netz mit ganz unterschiedlichen Spezialisierungen. Es gibt Höherentwicklungen, z.B. der kognitiven Fähigkeiten, den Zugewinn neuer Qualitäten wie der Flugfähigkeit, aber auch Rückbildungen nicht benötigter Strukturen, z.B. das Verschwinden der Augen bei Höhlenfischen.

Die Schöpfungsgeschichte und die Evolutionstheorie sind auf den ersten Blick kaum miteinander zu vereinbaren. Sechs Tage sind nicht Milliarden von Jahren und wenn ein Schöpfer absichtlich bestimmte Kreaturen erzeugt, ohne diese auseinander herzuleiten, kann sich kaum ohne bewusstes Zutun nur durch das Wirken von Mutation und Selektion die Fülle an Lebewesen herausgebildet haben, die es im Laufe der Erdgeschichte gab bzw. die es heute gibt. Damit ist der Kampfplatz abgesteckt, auf dem sich Christen, die an den genauen Wortlaut der Bibel glauben, und Atheisten, Sozialisten und überzeugte Naturwissenschaftler mit ihrem jeweiligen missionarischen Eifer streiten. Zunächst einmal erkennen wir, dass niemand von ihnen frei von Glauben ist, denn wer die Existenz Gottes ablehnt, glaubt an seine Nichtexistenz, die sich aber auch nicht beweisen lässt. Auch die naturwissenschaftliche Sicht der Welt ist ein Glaube an eine objektive Außenwelt, die nach gewissen Regeln funktioniert.



Als 1961 der sowjetische Kosmonaut Jurij Gagarin nach seinem Flug durch den Weltraum sagte, er habe da oben keinen Gott gesehen, war dies vielen Evidenz genug, um die Religion auf den Misthaufen der Geschichte zu werfen. Leider verstanden zu wenige, dass es kindlich naiv und bestenfalls noch eine Vorstellung des Mittelalters sein konnte, tatsächlich anzunehmen, dass über den Wolken ein physischer Gott mit Rauschebart inmitten von mechanischen Vorrichtungen zur Steuerung der Sterne und Himmelsschalen sitze. Wenn überhaupt, kann Gott nur durch die mystische Erfahrung der Transzendierung des Körperlichen gefunden werden, in Gebet, sakralem Gesang, Meditation und spiritueller Ekstase. Und das geht in einem Raumschiff ebenso gut wie auf dem Erdboden.

Dies soll verdeutlichen, dass der Schlüssel zur Vereinbarkeit naturwissenschaftlicher und religiöser Konzepte darin liegt, sie beide aus einer gewissen wohlwollenden Distanz zu betrachten.

Im folgenden Gedankengang gehen wir vom naturwissenschaftlichen Weltbild aus: Der menschliche Körper hat Bewusstsein; es gibt da ein Selbst, dass seine äußere Umwelt sowie Gedanken und Gefühle erlebt. Da zumindest Wirbeltiere morphologisch ähnlich aufgebaut sind wie wir und physiologisch ähnlich funktionieren, liegt es nahe, anzunehmen, dass sie ebenfalls über eine Art Bewusstsein verfügen. Es ist wohl etwas anders als das unsrige; wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, eine Maus zu sein, aber wir können durchaus davon ausgehen, dass es sich irgendwie anfühlt. Tieren, die sich stärker von uns unterscheiden, wie z.B. Insekten, ein Bewusstsein zuzusprechen, ist nicht abwegig, aber mit größerer Unsicherheit behaftet. Der Knackpunkt ist jedoch, dass etwas in unserem Körper, wohl in unserem Gehirn, unser menschliches Bewusstsein mit der physischen Welt verbindet. Auf gewisse Weise muss also gewisse Materie mit Bewusstsein zusammenzuhängen. Wenn wir die große Evidenz für die Verwandtschaft allen Lebens anerkennen und annehmen, dass Lebensformen durch Evolution auseinander hervorgehen, ist das Bewusstsein entweder irgendwann qualitativ neu entstanden – was ziemlich verrückt wäre – oder es hat sich graduell mit der Materie weiterentwickelt. Letzterer Gedanke kann die Brücke zur Spiritualität schlagen, denn damit ist es denkbar, dass alles im Universum, nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen, sondern auch unbelebte Materie irgendeine, vielleicht mitunter noch so primitive, Art von Bewusstsein hat. Denn warum sollte es nur Gehirnen vorbehalten sein könnte, Wahrnehmung zu erzeugen? Die Quantenphysik löst das Konzept von Materie, wie man es im Alltag üblicherweise anwendet, weitgehend auf, und letztlich verschwimmen alle Grenzen, die unser Verstand gerne zieht, und Materie und Energie gehen ineinander über.

Über all dem Quantenschaum schwebt Gott. Was liegt näher, als Gott in der Schöpfung zu suchen, als Gott nicht als von ihr getrennt zu sehen, sondern in pantheistischer Auffassung als transzendent und zugleich im Immanenten vorhanden. Wir können die ganze Welt als Schöpfung Gottes verstehen, und zwar einschließlich der naturwissenschaftlichen Realität, der Prinzipien von Mutation und Selektion und der Gesetze der Physik. So werden aus 4 Milliarden Jahren 6 Tage, denn bekanntlich sind ja 1000 Jahre vor Gott ein Tag – oder vielleicht sind dies alles nur Metaphern, nur Bilder und Zahlen, mit denen der Mensch seit jeher versucht, das überwältigende und allumfassende Sein Gottes irgendwie greifbar zu machen und auf unsere beschränkten, irdischen Verhältnisse herunterzubrechen.

Wahrnehmendes Bewusstsein war schon immer da. Nur liegt es hier im Stein, dort im Blatt, dort im Krebs, dort im Dinosaurier und dort im Menschen. Die Synthese von Religion und Wissenschaft liegt darin, dass Gott die Welt und das Leben erschaffen hat, indem sozusagen in Gott naturwissenschaftliche Gesetze entstanden und gelten. Mutation und Selektion sind göttliche Kräfte. Der Mensch hat etwas Göttliches in sich und ist zugleich aus dem Affen entstanden, der ebenfalls Göttliches in sich trägt, wie alles andere auch. Da ist kein Widerspruch. Da ist die physische Welt und sie ist zugleich ein Tor zu Gott und in Gott.

Mit einem solchen mystischen, fundamentalen Verständnis der Welt lassen sich erstaunliche Brücken schlagen und scheinbare Gegensätze aufheben. Sicherlich kann das kein Glaube der Masse sein, da er der Alltagswirklichkeit der Menschen zu fern ist. Aber für Einige kann dies eine Grundlage tiefer persönlicher Spiritualität und zugleich Aufgeklärtheit sein.

Bild: Pixabay

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