Zwei Grundausbildungen, zwei Qualitätszeugnisse  – Ein Erfahrungsbericht über die Bundeswehr

Der Autor, «Eisenhorn», hat sechs Monate aus ideellen Gründen Freiwilligen Wehrdienst geleistet und ihn jetzt frühzeitig abgebrochen. Er hat bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem Sektor der Wirtschaft, wo händeringend nach Personal gesucht wird.

Jeder Soldat ist sich sicher: «Meine Allgemeine Grundausbildung (AGA) war sicherlich die härteste und schwerste, die es jemals in der ganzen Bundeswehr gegeben hat ». Ein bisschen ist das soldatischer Stolz. Man spielt damit und stellt sich überlebensgroß da. Wie sollte man auch nicht? Die meisten Rekruten werden andauernd an ihre Grenzen geführt und dann auch gerne mal darüber hinweg und wieder zurück geschleift.



Ich hatte da auch großes Glück. Ich entschied mich, um möglichst schnell loszulegen, in Bayern mit der Grundausbildung zu beginnen.
Was ich nicht wusste: Es wartete auf mich eine Gruppe aus Ausbildern, die alle im Einsatz gewesen waren, erfahrene und tapfere Männer, die selbst in Feuergefechten und Überfällen gesteckt hatten, die selbst wahrscheinlich Leben genommen haben und auch selbst den Verlust von Kameraden erlebt hatten. Und sie bildeten für die Einsatzkompanien aus. Nur ein kleiner Teil von uns würde als SaZ dorthin versetzt werden – nach der AGA.

Dennoch mussten sie sich andauernd an den Leistungen von Freiwillig Wehrdienst Leistenden messen lassen. Im Gegenzug waren die Anforderungen an das Schießen, das Leben im Felde, aber auch an Kameradschaft und körperliche und geistige Leistung immer auf einem hohen Niveau. Wir gingen oft und gerne in den Gefechtsdienst und rangen den ganzen Tag mit dem unsichtbaren Feind, wie mit dem Feind in uns. Am Ende des Tages kamen wir vollkommen offen wieder in die Kaserne marschiert, doch waren wir zufrieden, denn wir hatten den Kampf ein aufs andere Mal gewonnen und uns daran gewöhnt, einander zu vertrauen sowie uns auf uns unsere Feldwebel zu verlassen

Ich kam einige Wochen nach dem Ende meiner AGA zu meiner Stammeinheit, die vollkommen mit mir als FWDler überfordert war. Woher wir den kamen, wurde gefragt. Unsere Dienstposten Ausbildung ginge erst im August los. So wurden wir, kaum einige Wochen im Dienstgrad des Gefreiten, zu «Hilfsausbildern». Und ich kam in den Genuss zu erleben, wie andere AGAs aussehen können. Vom täglichen Gefechtsdienst, der andauernden Übung von Infanterietaktik, Schanzen, Streife und dem Verwenden von Übungsmunition war hier keine Spur. Auf dem “10km” Marsch, eigentlich kein Hexenwerk, marschierten wir 9km. Statt einer Pause gab es drei und der Zeitrahmen wurde ebenfalls überdehnt.
Zur ersten Pause war ich bereits so entnervt vom Gewinsel der Rekruten, dass ich auf ihr heulen nach mehr Rast mit einem «Packen sie lieber ihren Rucksack richtig, sonst kotze ich Ihnen von meinem Posten hinten auf ihren Helm!» reagierte.

Als wir später im BiWaK waren, waren die Rekruten bereits überfordert. Sie waren teilweise dem Nervenzusammenbruch nahe oder wussten nicht, wie sie mit soviel Natur und Anspruch zurecht kommen sollten. Beim letzten Marsch durften sie ihre ohnehin fast leeren Rucksäcke abgeben.

Da wusste ich, das ich Glück gehabt hatte. Ich habe vielleicht auch nicht die schwerste AGA aller Zeiten durchstanden, aber hatte mich doch meinem körperlichen wie geistigen Gegnern, den Herausforderungen, gestellt, wieder und wieder. Und mit meinem Kameraden habe ich sie bezwungen. Den Rekruten in meiner Stammeinheit ging dies vollkommen ab. Ihre AGA war einfach und nett. Und so würden sie von den Härten berichten können, ohne jedoch jemals eine Verhältnismäßigkeit kennengelernt zu haben.

Wenn dies jedoch der Ausbildungsstand innerhalb der AGA ist, dann muss die Politik der Bundeswehr wohl etwas nachhelfen. Entweder wird der freiwillige Wehrdienst abgeschafft und die Bundeswehr mit Praktika und SaZ letztendlich wirklich in einen Job wie jeden andere verwandelt; oder man verlängert die AGA und verleiht ihr wieder den nötigen Biss, um, Notfalls auch mit Drill und Schliff, aus allen Männern und Frauen echte Soldaten zu machen, die sich auch durchbeißen können und wollen.

Nur ein Gefreiter, und doch so wichtig?

Ich sehe Ihnen an, wie wichtig ich Ihnen plötzlich bin. Zuerst dem Spieß, danach dem Zugführer und dann meinen Kameraden. Später dem Oberfeldfewebel, der mich bei der Auskleidung begleitet. Auch der Oberstabsärztin. Und zuletzt auch dem Hauptmann. Mir wird die Hand gegeben und viel Glück gewünscht. Ich erwidere kühl das ich bereits drei neue Stellenangebote habe. Es ist Überraschung auf den Gesichtern zu lesen.

Sie alle verstehen, warum ich vorzeitig aus der Truppe ausscheide. Viele geben im persönlichen Gespräch schnell zu, dass sie genauso wie ich fühlen. Auch sie freuen sich auf ihr Dienstzeitende. Sie wissen besser als ich, wie sich die Bundeswehr verändert hat. Wie die AGAs immer kürzer und inhaltlich seichter wurden. Wie die Kameradschaft bei vielen einen schalen Beigeschmack bekommen hat, den sie im Mund haben, wenn sie Tag ein Tag aus auf das Dienstende warten. Nervös rauchend, Fernsehen schauend, immer bereit sich abzuseilen oder auf Andere zu zeigen.

Auch die finanziellen Anreize sind nur Augenwischerei. Wer denkt als SaZ wird er reich, der weiß nicht, was Leute, die eine wirklich gute Arbeit machen verdienen. Und als Freiwillig Wehrdienst Leistender wie ich, kann es schon mal zum Monatsende brenzlig werden. Während ich diesen Beitrag schreibe, musste ich mir das Geld für mein Bahnticket bei einem Kameraden leihen, denn die Bundeswehr zahlt nach 5 Monaten immer noch nicht meine Miete. Wer also nur auf gutes Einstiegsgehalt aus ist und mit Leerlauf, Stumpfsinn und schlechtem esprit de corps klar kommt, für den ist der SaZ ganz klar etwas. Wer seinem Land dienen will und der Gesellschaft etwas zurück geben möchte, der sollte sich warm anziehen oder sich einen anderen Job suchen.

Doch wie mir und diesen anderen Kameraden geht es vielen. Und so ist es auch kein Wunder, dass die Bundeswehr viel zu wenig Mannschaften hat, und damit eben auch auf jeden Gefreiten schielt. Viel Ärgerlicher ist vielleicht die Erkenntnis, dass durch die oben beschriebenen Umstände immer mehr gute Kameraden und Menschen die Streitkräfte verlassen. Im Umkehrschluss bleiben die ungewollten, ungeliebten aber doch gebrauchten übrig. Sie, die aus Sicht einiger Kameraden nur in der Armee “schmarotzen” und außerhalb keinesfalls einfach einen Beruf erlernen oder erlangen würden, machen so immer mehr und mehr der Truppe aus und bilden so einen stark wahrnehmbaren Kontrast zu den kühnen und starken Männern und Frauen aus der Zeit des kalten Krieges. Zumindest spüre ich eine zunehmende Entfremdung zwischen den Bildern von früher (50er, 60er, 70er usw) und dem, was sich heute in der Bundeswehr abbildet.

Was Von der Leyen angestiftet hat, setzt sich so weiter fort. Ob Annegret Kramp Karrenbauer vielleicht doch als gute Ministerin entpuppt? Unwahrscheinlich! Das denken viele in der Truppe. Unerheblich, sage ich.  Die Bundeswehr verendet schon längst, langsam und siechend an ihrem Mangel an echtem Gerät, echter Führung, im Inneren wie im Äußeren – und an einem Mangel an eigenen Werten. Wenn es keinen Korpsgeist gibt, Belastung und Härteprobe des alltäglichen Dienstes als lästig und Kameradschaft als Stolperstein auf dem Weg zum Feierabendbier gesehen wird, dann ist dem Tier eigentlich nur noch ein rasches Ende zu wünschen.

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Bild: Gertrud Zach, U.S. Army / This image is a work of a U.S. Army soldier or employee, taken or made as part of that person’s official duties. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain

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