Passage to Rhodesia – Rome und Europa

Ich bin vor kurzem auf den Musiker Jérôme Reuter, Kopf und Sänger des Folk-Noir-Projekts Rome, gestoßen. Ich will mir hier gar kein öffentliches Urteil über ihn als Person erlauben, sondern verweise einfach auf die Interviews und Äußerungen seiner Person. Die Musik von Reuter hat fast immer einen leicht melancholischen Klang und spricht mir daher doch aus der Seele. Die Verarbeitung Europas als Sehnsuchtsort gefällt mir,  wenngleich Reuter beteuert, dass er sich nicht von der einen oder anderen politischen Seite vereinnahmen lassen will. Ich hingegen meine, dass geneigter Zuhörer schon raushören wird, was hier gemeint ist.



 

 

Immer wieder beziehst du dich in deinen Songs auf ein „geheimes Europa“, einen verklärten Ort, den es in der Geschichte so nie gegeben hat. Was macht diesen Ort für dich aus? Glaubst du, dass ein solcher Ort jemals Realität werden könnte?
Da muss man natürlich unterscheiden zwischen den Secret Sons Of Europe – im Kontext des Spanischen Bürgerkriegs der Platte Flowers From Exile und beispielsweise dem Secret Germany eines Stauffenbergs oder Georges, das ich in einem Song auf dem von Heiner Müller inspirierten Album The Hyperion Machine thematisiert habe. Beides zusammen ergibt noch kein „geheimes Europa“, nicht mal ansatzweise. Aber es stimmt natürlich schon, dass Europa als Kontinent und kulturelle Schicksalsgemeinschaft im Zentrum meiner Arbeit steht. Es gibt allerdings auf der letzten Platte die Wortneuschöpfung Uropia als Nichtort europäischer Prägung. Vielleicht ergibt sich dann daraus mal was.

Ich glaube, das beansprucht in der Ikonografie den Platz der Utopie, an die man zwar nicht glauben kann, nach der man sich trotzdem sehnt, und sei es nur als möglicher Ansporn fürs eigene Engagement. Uns sind ja nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Utopien ausgegangen und wir alle tappen im spirituell leergeräumten Raum.

Einer der hervorstechenden Songs auf „Le Ceneri di Heliodoro“ ist „The West Knows Best“, in dem du Europas Verhältnis zu den USA sarkastisch beleuchtest. Das Lied mündet in den markanten Appell: „Screw the rest, the west knows best“. Eine provokante Zeile. Was weiß der Westen denn am besten?
Meiner Meinung nach ist der Westen nur Meister der Selbstzerstörung. Mehr haben wir der Welt derzeit nicht zu bieten. Es ist natürlich schwierig, im Zeitalter des Ressentiments politisch zu navigieren. Man wollte uns ja nach dem Zusammenbruch des Ostblocks suggerieren, dass nun das Ende der Geschichte (also Geschichte im Sinne von Historie und Zeitgeschehen) erreicht sei, aber das Fehlen einer gegen den westlichen Liberalismus gerichteten universalistischen Ideologie bedeutete natürlich nicht das Ende aller Revolutionen. Derzeit befinden wir uns ja innenpolitisch gesehen in einer Revolte gegen die verwestlichten kosmopolitischen Eliten, wobei man noch nicht weiß, wie die Partie ausgeht. Das bleibt spannend.

Ernst Jünger schreibt in seinem Roman „Auf den Marmorklippen“ die Worte: „Die Menschenordnung gleicht dem Kosmos darin, dass sie von Zeit zu Zeiten, um sich von neuem zu gebären, ins Feuer tauchen muss.“ Daran musste ich denken, als ich die Texte auf „Le Ceneri di Heliodoro“ gelesen habe. Muss es deiner Meinung nach erst zu einer Katastrophe, in welcher Form auch immer, kommen, damit eine bessere Welt entstehen kann?
Das wäre doch verklärend romantisch, meiner Meinung nach. Aber man muss ja feststellen, dass so ein Sterben auch eine Neugeburt bedeuten kann. Letztere sehe ich zwar noch nicht, aber der Verfall hat zumindest schon eingesetzt. Was mir persönlich eher Sorgen macht, ist die völlige Unfähigkeit unserer Zeitgenossen, die Fragilität unseres politischen Models zu erkennen. Die Demokratie ist natürlich ein Allesfresser, der so manches verdauen mag, aber dieses europäische Projekt war eine hochriskante Wette darauf, dass die Menschheit sich in Richtung einer demokratischeren und aufgeklärteren Gesellschaft entwickelt. Und natürlich gibt es eine Migrationskrise, es ist aber vor allem eine Migration der Argumente, der Emotionen und Wählerstimmen.metal1: https://www.metal1.info/interviews/rome/

 

Oh Rhodesia, I’ve given you my all and now I’m nothing
I’m nothing, I’m nothing, I’m nothing, I’m nothing

Im Album Passage to Rhodesia (Reise/Passage nach Rhodesien) greift er ein Thema auf, das hier im mitteleuropäischen Raum kaum eine Rolle spielt. Abgesehen von einigen Älteren im Commonwealth, dem Rumpfkörper des britischen Imperiums, gibt es wohl kaum noch Menschen, die sich an Rhodesien, dieses einst blühende Land erinnern. Als sich Rhodesien 1970 für unabhängig erklärte und nicht wie viele andere Kolonien auf Befehl des Zeitgeistes hin die politische Macht in die Hände von Stammesfamilien, afrikanischen Clans und der demographischen Mehrheit einfach aushändigen wollte, stieß Großbritannien die revoltierende Kolonie ab und erklärte sie zum Pariah. International geächtet, begann irh Überlebenskampf. Der Rhodesische Buschkrieg dauerte Jahrzehnte. In ihm fochten die Söhne und Töchter Rhodesiens, Schwarze wie Weiße, die der Ansicht waren, dass die einfallenden Milizen eine kommunistische Invassionstreitmacht darstellten, die nur Übel über das Land bringen würden. Weder die USA noch der europäische Westen unterstützten die Rhodesier, die sich knapp 10 Jahre wie die Löwen gegen eine Übermacht an Mensch und Material wehrten. Dabei erhielten die afrikanischen Milizen, die sich nahezu ausnahmslos als kommunistisch bezeichneten, Unterstützung aus dem Ostblock. Trotz einem Gefallenenverhältnis von 1/10 zugunsten der Rhodesischen Kräfte, konnte sich das kleine Land nicht gegen die ganze Welt, die sich gegen es verschworen hatte, wehren.

Der Buschkrieg endete mit der Flucht vieler weißer und auch etlicher schwarzer oder gemischter Rhodesier. Etliche gingen nach Australien, Kanada, USA oder Großbritannien. Sie kehrten in die Heimatländer oder unabhängigen Kolonien ihrer Vorfahren zurück und damit in Staaten, zu denen sie keinerlei Bezug hatten. Es folgten Gräuel gegen die weiße, noch im Land verbliebene Bevölkerung durch die neue afrikanische Regierung und ihre Freischärler (sowie ethnische Säuberungen gegen andere afrikanische Ethnien). Robert Mugabe folgte dem ökonomischen Irrweg aller Sozialisten und ließ massenhaft die Weißen enteignen, was dazu führte, dass der einstige Brotkorb Afrikas heute ein heruntergekommenes Shithole geworden ist, wie Trump es formulieren würde. Das einstige Rhodesien ist heute eines der ärmsten Länder der Erde, nachdem die kommunistisch-tribalistischen Eliten die Kriegsbeute unter ihresgleichen verteilten und merkten, dass sie nicht fortführen konnten, was die weißen Farmer und ihre mit ihnen lebenden schwarzen Rhodesier in Jahrzehnten harter Arbeit aufgebaut hatten.

Schade. Denn auch wenn die Weißen sich nicht hätten ewig in Rhodesien als dominante Kraft hätten halten können, so würde es dem Land wohl heute besser gehen, wenn die Übergabe oder Aufteilung der Macht anders erfolgt wäre. Mit der Zeit und einem eigenen Mythos wäre womöglich auch der Rassismus weitestgehend verschwunden.

 

Im Internet kursiert ein Witz, der sinngemäß sagt: Lasst die Afrikaner und Araber doch Europa haben und wir ziehen alle geschlossen nach Afrika. Wir tauschen einfach die Kontinente, damit sie sehen, dass es nicht das Land und die Erde sind, die uns reich und fortschrittlich machen.

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