Colby Buzzell – Ein Skatepunk als MG-Schütze im Irakkrieg

Die meisten Autoren moderner englischsprachiger Kriegsbücher stellen sich oft sehr ähnlich da. Die Bücher fangen mit einer Beschreibung der Jugend in meist einfachen Verhältnissen an und erzählen dann, wie diese (meist) Kerle zu erfolgreichen Alphas werden, die hin und wieder Unsinn machen und sich im Krieg, meist erfolgreich durchschlagen. Der Autor von My War hingegen erzählte seine Lebensgeschichte in erfrischender und authentisch wirkender Weise: Er stellte sich als eher faulen und orientierungslosen Mensch, der bis zu seiner Armeezeit im Wesentlichen einen alternativen Lebensstil mit Drecksjobs, Skateboard, Playsi und Gras geführt hatte, dar. Sein Vater hatte im Vietnamkrieg teilgenommen und Buzzell fühlte sich in seinem Berufsleben gefangen. Daher verpflichtete er sich im Jahre 2005 für zwei Jahre in der US-Infanterie.

 



Von diesen zwei Jahren verbrachte er einige Monate als Maschinengewehrschütze im Irak. Seine Erlebnisse – oder der Mangel derer – hielt er damals in einem öffentlich einsehbaren Blog fest. Der rote Faden in diesen Beschreibungen ist ein radikal ungeschminkter Berichtstil, den man ansonsten zumindest bei Infanteriesoldaten selten findet: Er beschrieb, wie er im Internetcafé seines Stützpunktes Beweise von unerlaubten sexuellen Eskapaden zwischen einer Soldatin und einem vorgesetzten Unteroffizier findet, wie er während einer Hausdurchsuchung unbrauchbare Bilder machte und die Mission deswegen wiederholt werden musste, die Amerikaner im Stützpunkt, Gespräche über Freiheit und Pornografie mit Irakern während Missionen und zunehmend auch von Feuergefechten. In der Anfangsphase seines Einsatzes eröffnete aufgrund eines nervösen US-Soldaten Buzzells ganzer Zug auf das Auto eines Irakers, der wundersamerweise völlig unverletzt ausstieg. Später wurden die Feuergefechte intensiver und da er möglicherweise Unbeteiligte in einem massiven Feuerkampf erschossen hat, bekamen diese ihm nicht allzu gut. An dieser Stelle möchte ich den Lesern die Umsetzung als Graphic Novel ans Herz legen! Schlussendlich durfte er aufgrund seines (zu ehrlichen?) Blogs nicht mehr an den Missionen teilnehmen und veröffentlichte die Berichte nach der Militärzeit als Buch.

Ich habe viele Kriegsbücher gelesen, doch die meisten habe ich schon wieder vergessen, weil sie sich sehr ähnlich lasen. My War hingegen ist aufgrund seiner schonungslosen Ehrlichkeit und Greifbarkeit immer noch einer meiner Lieblinge! Das Schöne an der heutigen Zeit ist ja, dass man Autoren mit wenigen Clicks kontaktieren kann, wenn man nur möchte. Ich habe Colby Buzzell auf Facebook meinen Dank ausgesprochen und meine Rezension in einem anderen Magazin erwähnt, er wirkte allerdings eher höflich-desinteressiert (nach typisch amerikanischer Art, man muss die oft geringe Bedeutung ihrer Floskeln deuten können). Die US-Armee wollte ihn erneut einziehen, aber da er nachweislich an PTBS leidet und deswegen dauerhaft auf medizinischem Marihuana ist durfte er schnell wieder heim. Buzzell ist eine vielschichtige Person, die ungewöhnlich alternativ ist: So lebte er vor der Militärzeit in einer winzigen Wohnung, die er mit selbstgebauten Möbeln ausgestattet hatte. Nach seinem Einsatz studierte er Journalismus auf Staatskosten, beschäftigt sich bevorzugt mit randständigen Personen und besucht die gefährlichsten Orte der USA. Eine nähere Beschäftigung mit seiner Person lohnt sich allemal.

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