„Charlie ist Liebe“ – Über die tödliche Dialektik  radikaler Kontrakulturen

Gut und Böse sind unvereinbare und sich gegenseitig ausschließende Gegensätze – das sagt uns zumindest unser Alltagsempfinden. Dass so einfach und übersichtlich die Dinge in der Praxis oft doch nicht liegen, hat Hegel in seiner Rechtsphilosophie (1820) am Beispiel des Gewissens klar gemacht. „Hier stehe ich und kann nicht anders“ soll Luther gesagt haben und das im Bewusstsein, dass das als wahr und richtig Erkannte unbedingt ins Werk gesetzt werden müsse, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen – auch für den Gewissenstäter selbst. Im Gewissen setzt das Subjekt seine Position als absolut gültig, in Hegels Worten enthält es somit die Möglichkeit, „das an und für sich Allgemeine, als die Willkür, die eigene Besonderheit über das Allgemeine zum Prinzip zu machen und sie durch Handeln zu realisieren“ (§ 139). Daraus folgt dann allerdings, dass, wenn es das Gewissen ernst meint, Gut und Böse formal eine gemeinschaftliche Wurzel besitzen, ja dass gar das eine in das andere umschlagen kann: das subjektiv  gut Gemeinte kann, da es keine objektiven Kriterien mehr anerkennt, zum Bösen, d.h. zum irrational gemeinschafts- und strukturfeindlichen Zerstörungsakt, entarten. Anschauungsbeispiele für solche Kippfiguren aus Geschichte und Gegenwart fallen uns viele ein: der Tugendterror in der Französischen Revolution, der pseudoreligiös verbrämte Mord an dem Schriftsteller Kotzebue durch den Studenten Sand, die Attentäter von 9/11 oder der Islamische Staat. Es ist in solcherart Fällen nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob die Täter, die ihr Tun für unbedingt richtig und sogar moralisch absolut geboten hielten, nun Helden, Verbrecher oder Terroristen waren. Nicht selten ändern sich im Zuge der Rezeptionsgeschichte die Bewertungen je nach Perspektive grundlegend. Viele Zeitgenossen der westlichen Zivilisation wähnen sich hier jedoch im Besitz relativ stabiler Bewertungsmaßstäbe für  Gut und Böse: Schließlich ist der Unterschied zwischen einer freiheitlichen Republik und einem totalitären System evident, der Nationalismus ist ohnehin immer böse und der islamische Fundamentalismus – wie alle anderen auch – mindestens genauso. Wir meinen die Feinde der westlichen Welt sicher identifizieren und sie für das „ganz Andere“ halten zu können, das uns gewissermaßen von außen bedroht und durch Selbstverständigung über unsere eigenen überlegenen Werte abgewehrt werden kann. Doch ist der Fall denkbar, dass es etwas Böses gibt, das gleichsam aus dem Herzen unserer eigenen westlichen Lebensform herauswächst und in pervertierter Form noch erkennbar ihre Züge trägt? Kann eine totalitäre Struktur auf dem Humus von Befreiung, Liebe und höherer Moral entstehen und damit wie ein Brennglas Einblicke gewähren in unsere eigenen Abgründe und Ambivalenzen? Es könnte auf ein psychopolitisches Syndrom verweisen, das wir so schnell nicht loswerden und das wie ein Mr. Hyde den Dr. Jekyll unserer westlichen Zivilisation auf Schritt und Tritt untergründig begleitet.

Wenn man Streifzüge durch unsere Popkultur unternimmt, kann man auf  einen solchen exemplarischen Fall stoßen. Der Skandalmusiker Brian Hugh Warner gab sich den Künstlernamen „Marylin Manson“ und kombinierte dabei zwei Namensbestandteile, die ein schillerndes Nebeneinander von Gut und Böse symbolisieren sollten. Während Marylin Monroe jeder kennt, kann das bei Charles Manson nicht unbedingt vorausgesetzt werden, obwohl er es geschafft hat, seinen eigenen Mythos zu erschaffen. Der 1939 in Cincinnati geborene Manson wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen und später vorwiegend in Erziehungsheimen auf. Er geriet auf die schiefe Bahn und brachte es als Kleinkrimineller immerhin zu sehr langen Haftstrafen, unter anderem wegen Betrugs, Diebstahls und Zuhälterei. Während seiner langjährigen Gefängnisaufenthalte soll er sich mit Psychotechniken beschäftigt haben, wie sie zu dieser Zeit in den Anfängen der Scientology-Sekte praktiziert worden sind, und perfektionierte seine manipulativen Fähigkeiten gegenüber anderen Menschen. Die Musik war sein Lebenselixier, er spielte Gitarre und schrieb Liedtexte; er hielt sich sein Leben lang für ein verkanntes Musikgenie. Als er 1967 aus dem Gefängnis entlassen wurde, betätigte er sich zunächst als Straßenmusiker und  ging dorthin, wo in den USA der 1960er Jahre die große Befreiung der Gesellschaft winkte: nach San Francisco.  Kalifornien galt damals als Laboratorium alternativer Lebensformen und Gegenkulturen. Aussteiger, Hippies, Blumenkinder und Beatniks erprobten hier neue Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens auf der Grundlage von freier Liebe, Drogen und Ideologemen des New Age und berühmte Musiker wie Janis Joplin und Jimi Hendrix und Bands wie Grateful Dead oder Jefferson Airplane lieferten die Begleitmusik für das neue Zeitalter. Dieses Szenario fand Manson vor, als er sich im Haight-Ashbury District, einem Mikrokosmos dieser Bewegungen, einer Kommune anschloss. Doch schnell wurde er selbst der Kristallisationspunkt einer kommunenartigen Gruppierung, darunter offenbar auffällig viele hübsche junge Frauen, die sich von Mansons Charisma beeindruckt zeigten.



Die „Manson Family“ soll zeitweise bis zu 100 Mitglieder besessen haben. Sie siedelte sich 1968 auf der „Spahn Movie Ranch“ an, eine für Filmzwecke genutzte Ranch des alten George Spahn in der Nähe von Los Angeles, der die Gruppe unter der Bedingung aufnahm, dass diese sich an Instandhaltungsarbeiten beteiligte. Das Zusammenleben war geprägt von Musik, Theateraufführungen, in denen die Mitglieder ihre Identität ganz neu erfinden konnten, Sexorgien, Drogentrips, bei denen Manson seine Anhänger mit wesentlich größeren Dosen versorgte als er sich selbst zumutete, und einer merkwürdigen Zeitlosigkeit, die durch Techniken erreicht wurde, die verhinderten, dass der Alltag als solcher spürbar wurde und diesen immer wieder so durchbrachen und entgrenzten, dass die Familienangehörigen durch ihren Guru permanent manipulierbar blieben. Da Mansons Charisma auf diese Weise nicht seiner Veralltäglichung anheimfiel (welche nach Max Weber die große Gefahr jeder Form von charismatischer Herrschaft darstellt) und zu verblassen drohte, entstand eine anarchische Naturutopie, die subjektiv als Gegensatz zu den spießigen Mittelklassefamilien, aus denen vor allem die meisten weiblichen Manson-Anhängerinnen stammten, der kapitalistischen Leistungsgesellschaft mit ihren festen Identitäten und Rollenbildern und der fortschreitenden technisch-industriellen Zivilisation erlebt werden konnte. In dieser Atmosphäre drang jedoch bald einer Art politische Pseudoreligion in die Köpfe seiner Gefolgschaft ein, die Manson aus Bibelzitaten,  New-Age-Esoterik, Ökologie und Liedtexten der Beatles zusammengezimmert hatte, die er als Offenbarungen las: Er prophezeite einen apokalyptischen Rassenkampf zwischen den Schwarzen und den Weißen in Amerika, den er nach einem Beatles-Titel „Helter Skelter“ taufte. Erlösung versprach ausschließlich der Anschluss an seine „Family“, die jenen am Ende überleben werde. Er imaginierte sich selbst in eine messianische Rolle hinein und die anderen glaubten ihm und gaben ihm ihre unbedingten Loyalitätsversicherungen. Es sollte nicht lange dauern, dass diese Visionen zur blutigen Realität wurden. Die Gruppe knüpfte bewusst Kontakte zur Musikszene und setzte die „Manson-Girls“ dabei erfolgreich als Lockvögel ein. So wurde Dennis Wilson, Mitglied der Beach Boys, ein guter Bekannter Mansons und stelle ihm sogar seine Villa am Sunset Boulevard  in Los Angeles zur Verfügung. Der erhoffte Durchbruch gelang, trotz der Unterstützung durch den Musikproduzenten Terry Melcher, nicht einmal ansatzweise. Die bereits ab 1969 folgenden Morde durch Family-Mitglieder sind möglicherweise durch banalere Beweggründe motiviert worden als deren nachträgliche Mythologisierung insinuiert; fehlgeschlagene Drogengeschäfte, Geldmangel sowie steigende Frustration über das Ausbleiben des musikalischen Erfolgs mögen eine Rolle gespielt haben. Zuerst traf es den Musiklehrer Gary Hinman, dem Manson Geld abknöpfen wollte. Das Charakteristikum der Manson-Morde kam hier schon deutlich zum Vorschein: Manson mordete nicht selbst, sondern er ließ morden. Nachdem  Hinman nicht nachgab, wurde er gefesselt und später durch den jungen Schauspieler Bobby Beausoleil erstochen. An der Wand hinterließ man die in Blut geschriebenen Worte „Political piggy“, was auf die radikale Entmenschlichung verweist, welche die Gruppe mit pseudoreligiösen und pseudopolitischen Phrasen drapierte. Die nächsten Morde versetzten das ganze Land in eine Schockstarre. „Charlie“ schickte seine Treuesten, die aus dem Umfeld der „Church of Satan“ Anton Szandor LaVeys kommende Tänzerin Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und den Ex-Hippie Charles Watson in das Anwesen am Cielo Drive, das der Filmregisseur Roman Polański und seine schwangere Frau Sharon Tate gemietet hatten. Tate sowie ihre Freunde Jay Sebring, Abigail Folger und Wojciech Frykowski, die sich in der Nacht vom 8. auf den 9. August 1969 in dem Hause aufhielten, wurden kaltblütig hingerichtet, das Motiv blieb bis heute weitgehend unklar.

Schon einen Tag später überfielen Manson, Watson, Krenwinkel und die hübsche Leslie van Houten die Supermarktbesitzer Leno und Rosemary LaBianca in ihrem Haus in Los Angeles. Bevor diese getötet wurden, machte Manson sich aus dem Staub. Wieder waren mit Blut geschriebene Botschaften am Tatort hinterlassen worden: „Death to pigs“ „Rise“, „Healter Skelter“ sowie „WAR“ im Bauch eines Opfers. Nicht nur, dass Manson großen Wert auf die ritualhafte Inszenierung legte und, wie er später zugab, seinen Anhängern einschärfte, „etwas Rätselhaftes“ zu hinterlassen; die Chiffren konnten den Sinn haben, die Morde den Schwarzen anzulasten, um den prophezeiten Rassenkrieg anzustacheln. Erst durch Zufall brachte die Polizei diese Morde mit der Manson Family in Verbindung, nachdem viele Mitglieder bereits wegen Autodiebstahls inhaftiert und wieder entlassen worden waren. Der Manson-Prozess im Juli 1970 geriet zum bis dahin längsten Strafverfahren in der Geschichte der USA und zog die weltweite Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Die Strategie Mansons, die Hauptschuld auf seine Anhänger zu schieben mit dem Hinweis, dass er selbst niemanden ermordet habe – eine Interpretation, welche jene skurrilerweise sofort blind übernahmen – wurde von dem Staatsanwalt Vincent Bugliosi erfolgreich durchschaut und vereitelt. Die Manson-Jünger nutzten den Prozess als Bühne für ihre Selbstinszenierung bzw. diejenige ihres Führers: Nachdem er sich ein Kreuz in die Stirn gebrannt hatte (möglicherweise als Symbol dafür, dass er sich aus der Gesellschaft herausstreichen wollte, später wandelte er es provokativ in ein Hakenkreuz um), taten seine zumeist jungen Anhängerinnen, die sich bisher nicht an Verbrechen beteiligt hatten, es ihm gleich und sekundierten das Schauspiel durch befremdliche Gesangsauftritte, Sitzblockaden und Kostümierungen vor dem Gerichtsgebäude. Schließlich wurden Manson und seine Mitangeklagten im März 1971 zum Tode verurteilt, die Strafen wurden später allerdings in eine lebenslange Haft umgewandelt. Am 19. November 2017 verstarb „Charlie“ mit 83 Jahren  in einem Gefängniskrankenhaus in Bakersfield, während die meisten Mitverurteilen noch leben und sich mittlerweile von ihm distanziert haben. Dennoch erlosch im Gefängnis das Charisma des selbsternannten Familienoberhauptes keineswegs. Im Gegenteil setzte sich dessen Fernwirkung in Gestalt eines Ökoterrorismus fort und zwei seiner fanatischsten Verehrerinnen setzten entsprechende Aktivitäten in Gang. Manson hatte sich in seiner Haft aus Selbstschutzgründen mit der Aryan Brotherhood verbündet und vernetzte Ex-Häftlinge aus dieser rechtsextremen Gruppierung mit seiner verbliebenen  Gefolgschaft. Lynette Fromme und Sandra Good, schon auf der Spahn Ranch zum „inner circle“ um Manson gehörig, sollten als „Red“ und „Blue“ die amerikanische Öffentlichkeit vor dem Ökokill warnen und Firmenbesitzer und Industrielle mit Gewaltandrohungen unter Druck setzen. Fromme versuchte in diesem Zusammenhang – laut Selbstaussage, um das Waldsterben zu verhindern –  am 5. September 1975 ein Attentat auf den damaligen US-Präsidenten Gerald Ford durchzuführen, allerdings war die Patronenkammer ihrer Pistole merkwürdigerweise leer. Sandra Good erstellte daraufhin Todeslisten mit führenden Persönlichkeiten aus Politik und Industrie, bis sie ebenfalls zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Beide haben bis heute immer wieder den Satz „Charlie is love“ mantraartig wiederholt und das gut Gemeinte seiner Ideen herausgestrichen, das von der kranken Gesellschaft nur falsch verstanden worden sei, gegen die folglich zu Recht im Namen von Natur und Liebe ein totaler Krieg geführt werden müsse (Good nannte in diesem Sinne die inhaftierten Mörderinnen einmal lobend „gute Soldaten“).

Mit den Manson-Morden scheint ein Punkt erreicht, an dem Mansons Naturutopie aus Liebe, Freiheit und höherer Sendung umschlug in Todessehnsucht, bedingungslose Gefolgschaft und sinnlose Grausamkeit, die durch menschlich-allzumenschliche Motivationen nicht mehr erklärbar, geschweige denn nachvollziehbar ist. Das systematisch Interessante daran ist, dass das Biotop der Manson-Familie nicht die erhoffte „große Alternative“ zur bestehenden technologischen Zivilisation mit ihren Entfremdungen, Heteronomien und strukturellen Gewaltverhältnissen war, wie sie auch die anderen Hippiebewegungen durch Ausstieg und Bewusstseinserweiterung im Kleinen zu verwirklichen hofften, sondern deren Verlängerung und Pervertierung ins Absurde: das „Andere ihrer selbst“. Wer den Film „Das Netz“ von Lutz Dammbeck über den „Unabomber“ Theodore Kaczynski gesehen hat, bekommt eine leise Ahnung davon, wie die vermeintliche Alternativkultur im Amerika der 60er und 70er Jahre zunehmend in ein kontrolliertes Chaos überführt wurde und Teil dessen wurde, gegen das sie zunächst rebellierte: der technokratischen Steuerung der Gesellschaft durch Ansätze der Kybernetik, der Systemtheorie und des Sozialkonstruktivismus. Innovative Kultur- und Gemeinschaftsformen, LSD-Orgien, Bewusstseinstechniken und später die Computertechnologie gruppierten sich zu einem großen Experimentierfeld einer soziotechnischen Massenmanipulation, um echte politische Alternativen zu neutralisieren (gar das Politische überhaupt aus der Welt zu schaffen) und das Betriebssystem der USA im Sinne einer „One World“ auf die Länder der ganzen Erde zu übertragen. Es ergeben sich einige frappierende Überschneidungen mit dem, was Theodore Kaczynski in seinem Manifest als „Leftism“ bezeichnet hat, von dem gar nicht mehr so einfach gesagt werden kann, ob er nun mehr auf die mentale Infrastruktur linksliberaler Erlösungsutopien oder apokalyptischer Erlösungsdystopien à la Manson zutrifft. Wie sehr möglicherweise beide als zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille erscheinen können, wird an folgenden Sätzen deutlich:

„Verschiedene Denker haben darauf hingewiesen, daß Leftismus eine Art von Religion ist. Leftismus ist keine Religion im engeren Sinn, weil die linke Lehre nicht die Existenz eines übernatürlichen Seins postuliert. Aber für den Linken hat der Leftismus psychologisch eine ähnliche Bedeutung wie Religion für andere Menschen. Der Linke muß an Leftismus GLAUBEN, das spielt in seinem psychologischen Weltbild eine lebenswichtige Rolle. Seine Glaubensvorstellungen können mit Logik oder angeführten Tatsachen nicht verändert werden. Er ist der tiefen Überzeugung, daß Leftismus moralisch Richtig ist – großgeschriebenes R -, und daß er nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht hat , an alles die Maßstäbe der Leftismus-Moral zu setzen.“

Und weiter

„Leftismus ist eine totalitäre Kraft. Wo immer Leftismus die Macht erlangt hat, versuchte er jede private Sphäre zu durchdringen und jeden Gedanken in ein linkes Schema zu pressen. Das hat teilweise mit dem quasi-religiösen Charakter des Leftismus zu tun. Alles was dem Leftismus entgegen steht, wird als Sünde angesehen. Noch bedeutsamer ist, daß der Leftismus durch das Machtstreben der Linken zu einer totalitären Gewalt wurde. Der Linke sucht sein Bedürfnis nach Macht durch Identifikation einergesellschaftlichen Bewegung zu befriedigen und er versucht seine Selbstverwirklichung dadurch zuerlangen, daß er mithilft, die Ziele der Bewegung zu erreichen (s.§ 83). Aber ganz gleich, wie weit die Bewegung in der Lage ist, ihre Ziele zu erreichen, der Linke wird niemals zufrieden sein, weil seine Aktivitäten eine Ersatzhandlung sind (s.§ 41). Das bedeutet, die wirklichen Motive des Linken liegen nicht im Erreichen der Ziele des Leftismus, in Wirklichkeit ist er durch das Machtgefühl motiviert, das er bekommt, wenn er für ein gesellschaftliches Ziel kämpft und dieses erreicht.“

 

Der Leftismus, so fasst der Unabomber zusammen, „ist auf die Dauer unvereinbar mit den Zielen ursprünglicher Natur, menschlicher Freiheit und der Zerstörung moderner Technologie. Leftismus ist kollektivistisch und versucht die Welt zu einem einheitlichen Ganzen zu verbinden (Natur und Menschheit)“, denn es „geht dem Linken weniger um Mißstände in der Gesellschaft als um das Bedürfnis, sein Machtstreben zu befriedigen, indem er der Gesellschaft seine Lösungen aufzwingen will“. Damit ist eine treffliche Charakterisierung des sozialpsychologischen Habitus gegeben, welcher der totalitären Struktur der Manson-Kontrakultur zugrunde lag und zumindest einen gewissen Anteil an der Eskalationsdynamik bis zum Serienmord besessen hat. Die eigentliche Pointe dürfte indessen darin liegen, dass der Autor dieser subtilen Beobachtungen – der selbst in LSD-Experimente und die intellektuelle Atmosphäre technomorpher Gesellschaftssteuerungsvisionen eingebundene ehemalige Mathematikprofessor – in Mansons Sozialexperiment, sofern er zu sich selbst ehrlich war, die blutig gescheiterte Realisierung desjenigen politischen Imperativs erblicken musste, den er in seinem Manifest – wiederum mit subjektiv unumstößlicher Überzeugung, die sich in die Absolutheit einer moralischen Gewissenspflicht kleidete –  formuliert hatte. Kaczynski kritisierte den Leftismus als Irrweg eines aus seiner Sicht richtigen anarchischen, anti-technologischen Impulses, der wirklich ernst machen wollte mit einem „Zurück zur Natur“, das er in seiner Einsiedler-Berghütte in Montana, gleichsam als eine Ein-Mann-Armee, zu leben begann. Ausdrücklich setzte er auf „individuelle Persönlichkeit“ oder „kleine Gruppen“, die dem Gesetz spontaner Bildung gehorchen sollten. Wie „Charlie“ wurde der Neo-Luddist zum Mörder und verfiel ebenso der tödlichen Dialektik einer vermeintlichen Widerstandsbewegung aus gutem Gewissen und höherer Moralität. Sie macht meist den fatalen Fehler, den Hegel als „abstrakte Negation“ bezeichnet hat: Sie annihiliert „das Ganze“ und hat das Nichts als Resultat – sie streicht auf diese Weise sich selbst durch, wie es das Kreuz auf Mansons Stirn symbolisieren sollte. Solchermaßen abstrakt negierenden Kontrakulturen liegt wie dem, was sie negieren (dem „Netz“ des technisch-wissenschaftlich-militärisch-politischen Komplexes, das man kaum mehr begrifflich erfassen kann), ein gemeinsames Syndrom zugrunde: eine transzendentale, reale, nationale, politische, sozialpsychologische und familiale Heimatlosigkeit. Bei dieser kollektiven Identitätsproblematik der neuen nomadischen Weltordnung, welche in den Vereinigten Staaten bereits weltweit am stärksten ausgeprägt ist und deshalb auch die bizarrsten antizivilisatorischen Albträume hervorbringt, gilt es anzusetzen, und zwar mit bestimmten Negationen, die im Akt des Verneinens immer etwas konkretes Positives hinterlassen. So verlieren wir den gemeinsamen Boden nicht, auf dem wir alle stehen, und geben unsere gewachsenen Gemeinschaften, Strukturen und Lebenskreise nicht pauschal zum Abschuss frei – wie widersprüchlich sie in sich auch sein mögen.

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Literatur

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin 1821.

Theodore Kaczynski: Die Industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft (https://www.psychiatrie-erfahrene-schweiz.org/wp-content/uploads/2017/07/Das%20UNA-Bomber%20Manifest%20deutsch.pdf)

Vincent Bugliosi: Helter Skelter – Der Mordrausch des Charles Manson, Riva Verlag, München 2010.

 

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