Wer hat Angst vor der Wehrpflicht?

Blickt man auf die Bundeswehr im Jahre 2019, so mag man je nach politischer Heimat entweder weinen oder jubeln. Es fehlt an Geld, Material und Personen – die Bundeswehrführung kann selbst laufende Missionen nicht mehr wirklich garantieren und muss logistische Meisterleistungen vollbringen, um Mann in Einsatz und Ausrüstung zu bringen.

Der AfD war die desolate Lage der Bundeswehr schon immer eine Herzensangelegenheit. Schon früh hat sich die Partei Gedanken um Verbesserungen und Reformen gemacht. Doch wie Recherchen der FAZ aufdeckten: die AfD will in Wahrheit die Wehrmacht zurückholen. 30 Jahre nach der DDR hört man wieder Vergleiche wie “Bundeswehrmacht”. Welch Ironie!



Zurück zum Thema: Im Fokus der AfD steht die Wehrpflicht. Für viele Politiker aus deren Reihen ist die Pausierung der Wehrpflicht neben der fehlenden Finanzierung einer der Gründe, warum die Panzer nicht mehr fahren und die Truppe keinen Nachwuchs mehr bekommt. Mit viel Elan und Begeisterung spricht und wirbt man für die Wehrpflicht – einige fordern sogar eine “allgemeine Dienstpflicht”. Diese Forderung ist auch von einigen CDU-Politikern zu hören. Spöttische Geister könnten meinen, dass die Wehrpflicht ein Fetisch-Objekt vieler Konservativer und Rechter sei, denn die Bundeswehr fällt und steht mit der Wehrpflicht. Angeblich.

Dabei sprechen durchaus einige Punkte gegen eine Wehr- bzw. Dienstpflicht.

Das Simpelste an erster Stelle: Der allseits geliebte Mammon. Auch die Wehrpflicht gäbe es nicht ohne Kosten. Ökonomen sprechen von einer großen Belastung. Der Wehretat ist und wird auch weiterhin eher mau ausfallen – sollte die Unterbringung und Ausbildung Wehrpflichtiger dann wirklich einer der ersten Prioritäten sein? Was bringt eine Truppe Wehrpflichtiger, wenn man ihnen keine Unterhosen geben kann, da die Kohle fehlt? Zudem: führende Bundeswehr-Angehörige gaben offen zu, dass man logistisch und organisatorisch überhaupt nicht mehr in der Lage sei, Wehrpflichtige unter die Fittiche zu nehmen.

Eine komplett grundsätzliche Frage: Ist eine Wehrpflicht und ein “Massenheer” überhaupt noch zeitgemäß? Gewiss, während des West-Ost-Konfliktes gab es konkrete Gründe für ein solches – diese sind aber im 21. Jahrhundert entfallen. Auch die Kriegsführung hat sich verändert. Es kommt nicht mehr auf die Masse an, sondern auf die Qualität. Was bringt der Bundeswehr ein Truppe voll Wehrpflichtiger, wenn ein potentieller Feind mit Flugkörpern, Drohnen, Hackern und Spezialeinheiten kommt? Die Konflikte des 21. Jahrhunderts werden subtiler ausgeführt. Wir brauchen Spezialisten, keine Wehrpflichtigen. Es wäre doch eine gute Idee, das Geld für die Wehrpflicht in eine noch bessere Spezialistenausbildung zu stecken, oder

Gerne sagt man, dass die Wehrpflicht X oder Y für das Leben gebracht hätte. Das mag ja sein, aber das muss nicht auf jeden zu treffen. Das Argument, dass man in der Kaserne während der AGA Disziplin oder Respekt lernen würde, ist doch ein Eigentor. Was muss man für eine schlechte Erziehung genossen haben, wenn man erst mit 18 Jahren die oben genannten Punkte lernt?

Eine Reaktivierung der  Wehrpflicht würde auch wieder ein grundlegendes Problem offenlegen: Wie hält man es mit den Frauen? Sollten diese aus Gerechtigkeitspunkten auch eingezogen werden? Das würde aber wohl einige Konservative/Rechte wohl auch nicht gefallen – Stichwort: Verweiblichung des Militärs.g

Gegen eine allgemeine Dienstpflicht spricht zudem das Gesetz. Laut vielen Konventionen und Richtlinien ist eine Dienstpflicht nicht erlaubt. Die Wehrpflicht ist die einzige Ausnahme und der Zivildienst war eine ERSATZleistung für ebenjene Wehrpflicht. Hier hätte man also schon ein großes Konfliktpotential. Eine Dienstpflicht würde womöglich darin enden, dass man junge Menschen als billige Arbeitskräfte missbraucht (zum Beispiel im Pflegebereich). Man darf ja nicht vergessen, dass wir in Deutschland leben – hier werden gute Ideen manchmal übertrieben. Man kann schon erahnen, dass die Grünen die Idee äußern werden, die allgemeine Dienstpflicht in ein “humanitäres Jahr” abzuändern – ein Jahr Arbeitsdienst im Flüchtlingsheim oder auf der Sea Watch wären vielleicht das Ergebnis.

Das pure Schreien nach der Wehrpflicht oder einer Dienstpflicht sind also nicht unbedingt das Wahre. Eine offene Diskussion innerhalb konservativer und rechter Kreise wäre vielleicht hilfreich. Zwar ist die Wehrpflicht und die Bundeswehr noch einer der letzten Bastionen ebenjener Gruppen – trotzdem sollte man auch von etwas ablassen, wenn es einfach nicht mehr zielführend und überholt ist. Sogar Bismarck wusste das.

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