Finanzsystem – lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

In der Krise 2008 versicherten uns die Politik, dass die Einlagen sicher seien – damals haftete, wie im Falle diverser Landesbanken, der Steuerzahler für Missmanagement und grobe Fahrlässigkeit im Bankensektor. Der Tenor danach unisono: das darf nie wieder passieren. Die „gierigen“ Banker seien an die Kandare zu legen, und zwar so, dass sie uns einen solchen Mist doch bitte nie wieder einbrocken könnten.

Mindesteinlagen wurden erhöht, „Bad-Banks“ abgewickelt und „Frühwarnsysteme“ gebaut, die wie bei solchen zu Erdbeben oder Vulkanausbrüchen notorisch ungenau sind. Zur Durchführung eines der „Stresstest“ genannten Rechenübungen wurden Excel-Listen von mehreren tausend Spalten und Zeilen (!!!) versendet, in die die Banken Ihre Daten einzutragen hatten. Doch die wirtschaftlichen Probleme der Eurozone liegen tiefer. Die Bankenkrise, verursacht durch von Gläubigern nichtbediente Kredite, ist ein Symptom dieser Krankheit, die ebenfalls geheilt werden muss. Nur so wird nachhaltiges Wachstum in Zukunft wieder möglich sein – bis dahin ist alles Simulation und wirkt letztendlich krisenverschärfend.

Druckbetankung der Wirtschaft



Zunächst sind für Europa mehrere Dinge herauszuarbeiten. Die verschiedenen Volkswirtschaften im gemeinsamen Währungsraum Euro weisen unterschiedliche Produktivitäten auf. Das bedeutet, dass ich mit demselben (quantitativen) Einsatz an Mensch & Material unterschiedliche Ergebnisse bekomme, je nach Land in dem ich arbeite oder produziere. Soweit so klar: verschiedene Länder haben verschiedene Ausbildungsniveaus und sind verschieden mit Maschinen und Facharbeitern ausgestattet, die sich dazu in ihrer Qualität unterscheiden. Versuche einmal, lieber Leser, in Rumänien einen Präzisionsproduzenten wie Zeiss zu betreiben.

Dieses Faktum wurde früher im Außenhandel durch den individuellen Wechselkurs jedes Landes abgebildet. Das Wechselkursverhältnis zwischen zwei Ländern bildete immer auch die verschiedene Produktivität ab. Dieser relative Wechselkurs machte den Export aus Ländern mit niedrigen Preisniveaus (und geringer Produktivität) in solche mit hoher sehr günstig – und es ebenfalls relativ teuer, aus Hochlohnländern wie Deutschland in die Welt zu exportieren – was durch höchste Qualität jedoch mindestens ausgeglichen wurde. Durch die Einführung des Euros fiel dieser Vergleichsmaßstab weg – und ein Durchschnitt der Mitgliedsländer stellte sich für die Bewertung des Euros gegen andere Länder ein.

Deutschlands Exportwirtschaft profitierte vom günstigeren Wechselkurs – unsere Güter wurden in der Welt günstiger, und wir zum „Exportweltmeister“.

Der Euro hatte jedoch auch zur Folge, dass indirekt Griechenland, Italien usf. zwar von niedrigeren Zinsen bei der Verschuldung profitierten, es für diese Länder aber gleichzeitig schwieriger wurde, ins Ausland zu exportieren – ihre Güter wurden teurer, zu teuer um mit anderen Anbietern mithalten zu können. Diese Güter konnten nun nicht mehr so gut abgesetzt werden, und der Anreiz zur Verschuldung zwecks Kompensation durch öffentliche Ausgaben stieg. Daher haben diese Länder heute eine oder mehrere Runden Staatsschuldenkrise hinter sich. Ihr hoher Verschuldungsgrad zusammen mit einer kaum international wettbewerbsfähigen Wirtschaft bedingt hohe Zinsen durch niedrige Bonität, wenn diese Ländern Staatsanleihen auflegen.

Diese Situation hoher Zinsen zur Staatsverschuldung bei schlechter Konkurrenzfähigkeit ruft ein Folgesymptom auf den Plan, dass da EZB (oder besser Mario Draghi) heißt. Seit einer ganzen Zeit senkt Mario die Leitzinsen und expandiert die Geldsumme der Eurozone – mit dem Ziel, durch niedrige Zinsen Investitionen in die Wirtschaft zu fördern und die Staaten solvent zu halten. Sind die Leitzinsen aber niedrig, sinkt der Gewinn des auf Sparkonten liegenden Geldes. Investments in Aktien, Immobilien und Unternehmensanleihen werden attraktiver. Die Herren Draghi&Co in Frankfurt drucken Geld, dass die Rechnerkerne glühen. Druckerpressen sind für sowas nämlich ziemlich 19tes Jahrhundert. Gleichzeitig hat der Zins als Indikator des „Preises für Geld“ diese Funktion verloren. Die Folge: jeder, der Geld hat, nimmt weiteres auf und flüchtet sich damit in einen sicheren Hafen. Die Immobilienpreise stiegen seit 2008 um über 60%, der Goldpreis ist auf dem besten Wege seinen Höchststand zur Zeit der Bankenkriese 2011 zu erreichen. 10 jährige Staatsanleihen der als stabil angesehenen Länder weisen negative Zinsen auf. Es gibt Menschen und vor allem Institutionen, die zahlen lieber über 10 Jahre dem deutschen Staat jedes Jahr Geld, als dieses den Ländern der südlichen EU zur Verfügung zu stellen.

So ist die EZB zum größten Produzenten synthetischen Wohlstands geworden. Jährlich erhält ihr Geld und damit durch die niedrigsten Zinsen solche Kredite am Laufen, die unter normalen Marktumständen längst geplatzt wären – weil die Schuldner in die Insolvenz gehören. Und genau da liegt das Problem: diese Zombie-Unternehmen beschäftigen Menschen, die ihrerseits unter normalen Umständen ihre Kredite nicht mehr bedienen könnten. Ein gigantisches Kartenhaus.

Zurück zur Makroebene: Durch die Ausweitung der Geldmenge passiert, was auf freien Märkten immer passiert. Ein größeres Angebot resultiert in einem geringeren Preis. Der Wert des Euro gegen andere Währungen sinkt weiter. Der Export aus Europa wird günstiger – der Import nach Europa teurer. Und damit sinken die Anreize zur Entschuldung und Sanierung der südlichen Wirtschaften weiter. Grundsätzlich sollte jedoch auch ein zweiter Effekt eintreten: die Preise steigen. Eine Inflation ist jedoch im Moment nicht zu beobachten. Das liegt daran, dass das Geld zum größten Teil durch den unbegrenzten Aufkauf von Staatsanleihen notleidender Staaten in deren Haushalte fließt, diese aber nicht nennenswert ausgeweitet werden. Das Geld ist also sozusagen bereits in der aktuellen Inflation enthalten.

Die weitere Geldschöpfung erfolgt durch die Geschäftsbanken, die von der EZB zu minimalsten Zinsen Geld bekommen, und dieses auch am inter-Bankenmarkt sehr günstig weitergeben müssen. So erhalten auch solche Geldhäuser, deren Bilanzen voll von Risiken sind, zu günstigem Preis frische Liquidität – egal ob die Schuldner zahlen oder nicht. Auf diesem Wege nützt die Geldschöpfung der EZB am Ende des Tages säumigen Schuldnern sowie schlecht wirtschaftenden Banken und schadet denjenigen, die für ihre Bareinlagen einen Zins unter der Teuerungsrate erhalten – ihr Geld wird entwertet.

Die Wirtschaftspolitik der aktuellen amerikanischen Regierung hat die Bewertung des Euro auch als Problem ausgemacht: die Währungen Chinas und Europas seien künstlich zu niedrig gegen den Dollar notiert (dieser also zu teuer). Darin sehen Trump und seine Berater den Grund der schwinden Industriebasis in Amerika. Da auch die USA vor einer potenziellen wirtschaftlichen Abkühlung und mitten im Handelskonflikt mit China stehen, haben sie ein ähnliches Interesse an expansiver Geldpolitik. Seit dem Beginn der Amtszeit Trumps ist die Staatsverschuldung der USA weiter gestiegen – und zwar um satte zwei Billionen USD. Doch der Versuch, der eigenen Währung wieder einen Wert zu geben, wurde nach einer Zinserhöhung der Federal Reserve auf halber Strecke wieder abgebrochen. Die amerikanische Notenbank hat sich entschieden, Feuer mit Feuer zu bekämpfen und ihrerseits die Leitzinsen zu senken. Auf diesem Wege kann sich schnell ein Rennen zum Boden entwickeln – die Folgen sind vielfältig, aber nie ganz abschätzbar. Es ist ein wenig wie mit einem Schnupfen. Wer diesen nicht richtig auskuriert, landet nach einer Woche Arbeit gerne mal so richtig lang auf den Brettern.

Die Eurozone ist dabei, künstlich Unternehmen im Süden und Norden (nur hier in deutlich geringerem Umfang) durch niedrigste Zinsen (und Geldspritzen an die Geschäftsbanken) am Leben zu halten, die längst pleite sein müssten. Je länger dies anhält, desto größer werden die potenziell faulen Kredite in den Bilanzen. Kommt es zu einem externen Schock, brechen diese Unternehmen zusammen. Wenige genügen, um im Süden die Banken in Mitleidenschaft zu ziehen. Einige Wenige mehr genügen, um diese Banken zur Insolvenz zu bringen. Die Folge ist, sofern die Staaten nicht in der Lage sind, einzuspringen (ob eigener Überschuldung) die Möglichkeit des Totalverlustes der Spareinlagen – egal ob sie über oder unter der Grenze von 100.000€ liegen. Droht dies einmal glaubwürdig, werden die Menschen versuchen Ihr Geld von der Bank abzuheben – ein „Bankrun“, der schiefliegenden Häusern den Rest geben kann. Sobald dieses Stadium eintritt ist die Rezession vor der Tür. Menschen verlieren Ihre Jobs, da ihre sie beschäftigenden Unternehmen in die Insolvenz gehen. Deren Kredite werden nicht mehr bedient.  Die Banken kollabieren, da südliche Staaten bereits zu überschuldet sind, um glaubwürdig deren Sicherheit zu Garantieren. Zusätzlich erhalten diese Staaten kein weiteres Kapital am Markt mehr. Das Geld, welches momentan durch die Druckerpresse hauptsächlich in Immobilien und Aktien floss, geht zurück in den Markt, weil jene Menschen ihre Häuser und Aktien verkaufen – das Gespenst der Inflation bei gleichzeitiger Wirtschaftskrise ist wieder da. Von den sozialen Verwerfungen, auch in Deutschland, wenn die Gäste welche wir im Moment mit Geld ruhig stellen, dieses nicht mehr bekommen und beginnen zu fordern, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht, ganz zu schweigen.

Es wäre besser, den Prozess der Rezession heute als morgen einzuleiten, oder wenigstens mit moderaten Zinserhöhungen die gröbsten Fehler Stück für Stück auszukurieren. Einige Unternehmen werden schließen. Einige Banken werden in die Insolvenz gehen. Und einige Menschen werden Ihre Jobs verlieren. All das ist schmerzhaft, tut aber weniger weh, als wenn wir jetzt mit Vollgas der Doktrin „weiter so, wir schaffen das“ auf den Abgrund zu rasen und dann diese Situation einfach so auftritt – und zwar, wie es in solchen Fällen immer ist, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.

Ja länger wir den Prozess der Konsolidierung aufschieben, desto unangenehmer wird es, soviel ist sicher.

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