Wir sind wachsam, weil wir die DDR noch nicht vergessen haben

Gastbeitrag von Hans Leipzig* – geboren und wohnhaft in Leipzig, Jahrgang 1970. Versteht sich selbst als Häftling der Geschichte.

Ein Zittern geht durch Angela Merkel und die ganze Republik. Denn im Osten stehen die Landtagswahlen an, vor denen sich so viele Menschen fürchten und in die widerum viele andere große Hoffnungen setzen. Die AfD könnte in gleich mehreren Bundesländern stärkste Kraft werden  – ein Alptraum für Claudia Roth und Konsorten. Aber warum tickt der Osten eigentlich anders als der Westen? Wenn man die Medien fragt, dann hat es selbstverständlich mit der Affinität der «Dunkeldeutschen» mit der Diktatur der DDR zu tun. Manchmal versucht man sogar den Spagat zum NS zu machen, weil irgendwo in einem Sachsendorf die NSDAP einst stark war.



Das ist natürlich völliger Unsinn. Aber es gibt dennoch einen Zusammenhang mit der letzten Diktatur, nämlich der DDR. Die Ossis sind gleichwohl die besseren Freiheitsfreunde, weil sie wissen, wie leicht einem die Freiheit genommen werden kann. Freilich ist vieles anders in der Bundesrepublik, als in der Deutschen Demokratischen Republik. Es gibt besseres Essen, mehr Ausländer, mehr Wohlstand und saarländische Touristen in Leipzig. Aber mal abgesehen davon ist Deutschland heute augenscheinlich nur eine wesentlich bessere Demokratiesimulation als die DDR es war.

Wer den Osten und die Unterdrückung der Menschen dort wirklich noch erlebt hat und nicht zu den Unterdrückern und deren Apparat gehörte, der weiß sehr wohl, dass die DDR eine Demokratiesimulation war, wo jedoch jeder wusste, dass seine Kreuze bei der Wahl nichts verändern können. Die Sitze waren ja festgeschrieben – ergo konnte man überhaupt nichts ändern. Wir Angepassten und kleineren Querolanten wussten ja, dass man uns belügt. Wir wussten oder ahnten es immer, dass es Korruption, Kriminalität und dergleichen gibt. Natürlich ging es der DDR-Wirtschaft 1988 nicht gut, auch wenn die Medien und die Presse stets das genaue Gegenteil behaupteten. Und es wurde auch hin und wieder gemordet und vergewaltigt, weil jeder mal hier oder dort von einem Mädchen gehört hatte oder eins kannte, dass irgendwo in der Kiesgrube abgelegt worden war. Der Unterschied zum heutigen Deutschland und der BRD ist, dass die meisten Menschen kein gesundes Misstrauen mehr gegenüber ihrer Regierung haben. Wir Ossis haben gelernt, dass diesem Staate nicht zu trauen ist und er nicht immer, wohl eher selten, das Wohl seiner Bürger im Sinn hat. Die Lektion haben wir in bitteren Jahren machen müssen. Und es brauchte eine echte Volksrevolte und das Wohlwollen der Russen 1989, um dem Spuk ein Ende zu setzen.

Die Westdeutschen haben die reale Erfahrung des Sozialismus niemals machen müssen. Sie lebten und leben heute noch in der Vorstellung, dass das was sie für eine ideale oder wenigstens überlegene Demokratie halten, auch nur eine bessere Simulation ist. Das Erste und Zweite lügen noch immer, die Regierung betreibt immer noch ihre Propaganda und wie man an Görlitz sehen konnte, spielt es kaum eine Rolle welche Partei man am Ende wählt, weil sie eh alles für das Gleiche stehen(mit einer Ausnahme) . Damit ist nicht gesagt, dass die BRD nur schlecht ist. Sie ist ein freierer Staat als die DDR, die übrigens auch nicht nur schlecht war. Aber gute Demokratien sind sie beide nicht. Die ehemaligen Zonenbewohner haben nur früher ein mulmiges Gefühl bei der neuen Republik bekommen, weil sie die alte Diktatur noch kannten. Und damit sage ich nicht, dass Deutschland (BRD) eine Diktatur ist. Das ist sie nicht! Nur eben auch keine gut funktionierende und freiheitliche Demokratie.

Das haben wir im Osten, das höre ich in vielen Gesprächen auch von anderen in ähnlicher Weise, erkannt. Deshalb üben wir Kritik und wollen, dass man uns hört, weil wir uns um dieses Land, seine Bürgerrechte, sein Volk, seine Kultur, seine Geschichte und seine Zukunft ernsthaft Sorgen machen.  Daher wähle ich zum Beispiel die AfD! Nicht etwa, weil sie eine perfekte Partei ist, sondern weil sie meine Sorgen und mein mulmiges Bauchgefühl hinsichtlich der Entwicklung der letzten fünf bis zehn Jahre gut artikuliert, ohne gleich verrückt und antidemokratisch zu werden, wie das andere Parteien tun.

Wir Ossis sind wachsam und richten einen skeptischen Blick auf unseren Staat, weil wir uns noch zu gut und lebhaft an den großen Betrug des letzten Staates erinnern.  Die Westdeutschen haben in der Masse niemals einen geschärften Blick für einen schlechten und repressiven Staat entwickelt, weil ihnen über 70 Jahre vergönnt war in dem Deutschland zu leben, das für uns im Osten trotz vieler Nachteile (die wir heute auch sehen) immer ein Ort der Sehnsucht war. Die BRD hat ihre Bürger früher nicht pausenlos ausspioniert, jeden Mannes Wohnung oder Haus beobachtet oder seine Sachen durchwühlt. Die BRD hat meistens gut gewirtschaftet und vielen Menschen ein Leben in Wohlstand ermöglicht. Und die BRD hat den Menschen viele, vielleicht zu viele Freiheiten gegönnt. Aber doch eben Freiheit, wo es doch kein kostbareres Gut auf Erden gibt.

Dass die Freiheit hier in diesem Staate wieder am Schwinden ist, riechen wir quasi. Wir kennen den faulen Geruch und wissen, was hinter der Ecke kommen wird. Und da wollen wir einfach nicht hin.

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