Es war einmal die deutsche Luftwaffe

Am Montag dem 24.06.2019 stießen gegen etwa 14 Uhr zwei Kampfflugzeuge miteinander zusammen. Wenigstens ein Pilot konnte sich retten, nach dem anderen wird immer noch gesucht.

Im Frühjahr 2018 heißt es in der Tagespresse, dass alle deutschen Tornados, insgesamt noch 93 Stück, nicht mehr einsatzfähig sind. Sie sind veraltet und müssen aufwendig auf den neuesten Stand gebracht werden, um innerhalb der NATO-Übungen weiterhin zum Einsatz zu kommen. Das Waffensystem Tornado stammt auch aus dem Kalten Krieg und damit aus einer Zeit, als die Bundeswehr zumindest in den 80er Jahren höchstes Ansehen innerhalb der NATO genoss und das europäische Zugpferd der Allianz war. Über eine Millionen Soldaten hätte man im Notfall mit Aktivierung der Reservisten ins Feld führen können. Gut, dass es dazu nie kam. Die Apokalypse blieb uns erspart.



Im Mai 2018 schreibt die Presse, dass nur «noch vier von 128-Eurofighter-Kampfjets einsatzbereit» sind. Viele Kampfpiloten kündigen, weil sie nicht genug Flugstunden machen können und die bürokratischen Mühlen der Bundeswehr wie gewohnt dafür sorgen, dass auch die leidensfähigsten Soldaten die Lust verlieren. Aber nicht nur die Luftwaffe, sondern auch das Heer und die Marine leiden und siechen dahin. U-Boote sinken, Schiffe können nicht fahren, Panzer bleiben in der Werkstatt und Soldaten müssten sich im Verteidigungsfall eine Waffe teilen oder beim Verlegen im Ernstfall hinter ihrer Fahrzeugkolonne hinterher laufen, weil die einzelnen Kompanien gar nicht genug Fahrzeuge haben, um gemeinsam zu verlegen. Die letzteren Beispiele habe ich so selbst erlebt. Normalerweise stellt man sich vor, dass es eine solche Mangelwirtschaft nur 1990 im sterbenden Sozialismus oder 1944 an der West- oder Ostfront geben kann.

Einst war eine gute Luftwaffe der Stolz jeder Nation. Den Israelis rettete ihre starke Luftwaffe oft das Leben und im Golfkrieg siegten die Amerikaner nur durch den Einsatz ihrer hochmodernen Jäger und Bomber. Die Luftwaffe ist die Teilstreitkraft des 20. und 21. Jahrhunderts und nicht mehr wegzudenken. Ohne sie kann man keine Kriegen mehr führen und hoffen, sie zu gewinnen. Die Ära, als die Bundeswehr noch den Himmel mit Maschinen schwarz färben konnte, ist vorbei. Mein ehemaliger Hörsaalleiter sagte mir mal im Taktikseminar, dass die Bundeswehr bei einem konventionellen Angriff derzeit gerade so in der Lage wäre einen Landskreis oder ein kleines Bundesland in der Fläche zu verteidigen. Und dieser Mann machte niemals irgendwelche Scherze.

LTC Kurt Hammann, commander of the 1ST German Training Squadron, poses for a photo in an F-4E Phantom II aircraft.

Auf Sinnsuche

Nach dem Ende des Kalten Krieges fiel die Daseinsberechtigung für die NATO und damit auch in großen Teilen für eine deutsche Armee in dieser Form und Größe weg. Für die deutsche Gesellschaft, die glaubt sich in eine pazifistische Blumenwelt hinein fantasieren zu können, ist die Abwrackung ihrer Streitkräfte kein großer Verlust. Sie glaubt, dass sie die Fähigkeiten der Soldaten nie wieder brauchen wird, weil sie denkt durch bloße Kraft der Gedanken, Demokratieexport, Geldgeschenke und Konsum die Welt befrieden zu können. Die deutsche Hybris kennt wie immer keine Grenzen und wird, wie gewöhnlich, irgendwann von der Realität wieder eingeholt und niedergemacht werden.

Derweil fristen die Soldaten in der Bundeswehr ein Dasein als ungeliebte Dienstleister für eine mehr oder minder identitätslose Firma mit bröckelndem Putz an der Fassade des Firmenhauses. Das von General Johann Adolf Graf und Wolf von Baudissin erdachte Prinzip der «Inneren Führung», das Leit(d)bild vom «Staatsbürger in Uniform», hat in der modernen Truppen nicht überlebt. Es gibt keine hörigere und geistlosere Armee, als die deutsche Bundeswehr im Jahr 2019. Ihre Generalität ist angesichts der von der Politik angeordneten Selbstzerstörung der eigenen Institution, sei es durch die Auslöschung ihrer militärischen Traditionen, des deutschen Geschichtskerns oder durch die Abwrackung ihrer Waffen, stumm und gehorsam wie die Leibgarde Kim Jong Uns. Alle Generäle, die Kritik geübt haben, sind nicht mehr.

Der staatsbürgerliche Dienst, also auch der Soldatenberuf, erfordert Pathos. Aber genau diesen Pathos kann die deutsche Gesellschaft und Politik ihren Kindern nicht mehr vermitteln und schämt sie für sie, wenn sie aus eigenem Antrieb zu einem solchen finden. Hierzu:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60

 

 

Foto: Carl-Heinz Eberth / Public Domain

Die Krise der Bundeswehr ist auch eine Krise der Bundesrepublik, die über ihre durchaus prächtige Jugend hinaus langsam ins Alter kommt. Jetzt, wo sich die tradierten Werte der Trägergenerationen dieses Landes langsam in Luft auflösen, inklusive der Menschen selbst, wird klar, dass man nichts reparieren kann, wenn man es nicht mehr versteht.

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