#Ichbinhier

Gastbeitrag von Wolf Larsen

Neuland unter!

«Hate Speech, Shitstorms und wie man dagegenhält» – dieser Workshopname klang schon mal vielversprechend. Umso mehr, als ich las, wer als Redner geladen war: Keine geringere als eine Mitarbeiterin der berühmt-berüchtigten Amadeu-Antonio-Stiftung und Leiterin der Democratic Meme Factory, Christina Dinar. Voller Neugier machte ich mich auf den Weg.



Als ein männlicher Referent vorne erscheint, der äußerlich einer Lauchversion von Samwell Tarly aus Game of Thrones ähnelt, bin ich entsprechend verwirrt. Hatte Frau Dinar sich über Nacht für einen Geschlechtswechsel entschieden?

Die Verwirrung löste sich allerdings bald auf: Als Vertretung für eine kurzfristig doch nicht zur Verfügung stehende AAS-Mitarbeiterin sprang Philipp Kreisel von der #ichbinhier-Gruppe und -Bewegung ein. Diesen schlug die ausgefallene Rednerin selbst als ihren kompetenten Vertreter vor, um über das Thema Hass im Netz und Shitstorms zu referieren. Während Kreisel sich vorstellt, blicke ich in die Runde: Vorwiegend Frauen, darunter zwei ältere, aber nur drei kurzhaarige, die man äußerlich eindeutig dem linken Spektrum zuordnen könnte. Das Publikum scheint auf den ersten Blick also eher gemischt zu sein.

Die Gefahr

Philipp Kreisel stellt seinem Vortrag eine Grafik aus der PMK voran, mit dem er seinen Fokus auf rechte Hassrede rechtfertigt. Das sei nicht einseitig, sondern schlicht der Tatsache geschuldet, dass die meisten Hasskommentare von Rechten stammen.

In dem Vortrag lernen wir zunächst, dass es zwei Arten von Hassrede gibt: Direkte und indirekte (und damit leider nicht strafbare, aber genau deshalb besonders tückische) Hassrede. Unter direkte Hassrede fallen die StGB-Paragrafen 86 (Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen ), 111 (Öffentliche Aufforderung zu Straftaten), 130 (Volksverhetzung), 131 (Gewaltdarstellung), 166 (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen, der umstrittene Blasphemieparagraph), 185 (Beleidigung), 186 (üble Nachrede), 187 (Verleumdung), aber auch 201a (Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen) und 241 (Bedrohung). Zu Volksverhetzung gibt es sogar ein Beispiel vom Redner: So sei die Aussage „alle, die blond sind, sind automatisch dümmer“ schon volksverhetzend. Zum Glück kann man aber direkte Hassrede zur Anzeige bringen, wofür Online-Polizeiwachen und das (leider nur schwer auffindbare) NetzDG-Meldeformular bei Facebook zur Verfügung stünden. Meine Sitznachbarin notiert sich „anzeigen“ mit drei Ausrufezeichen in ihren Notizblock. Während ich als bekennender Blondinenwitzeerzähler jetzt schon ein mulmiges Gefühl bekomme, kommt es noch ärger. Schlimmer als die illegale Hassrede sei Hetze, die Ängste und Vorurteile schürt, aber nicht strafbar ist. Dazu gehörten beispielsweise Stichworte wie Asylmissbrauch, Lügenpresse, Islamisierung, der Fokus auf Verbrechen gegen „unsere Frauen“, aber auch das Kritisieren von Zensur in einem bestimmten Kontext: Wer es wagt, das Beseitigen von Beiträgen, die möglicherweise einen der oben genannten Straftatbestände erfüllen, als Zensur zu bezeichnen, ist ein ganz übler Hasskommentator.

Die Trolle

Weiter geht es mit der Vorstellung einer von Kreisel und seinen Mitstreitern durchgeführten Datenanalyse aus Kommentarspalten, die „wahrscheinlich Hass enthalten“, welche ergeben hat, dass ungefähr fünf Prozent der an den Kommentaren beteiligten Profile für fünfzig Prozent der Likes verantwortlich ist. Dieser harte Kern, etwa 5500 Nutzer, seien größtenteils rechts der AfD anzusiedeln, beispielsweise bei der Identitären Bewegung oder Reconquista Germanica. Als Beispiel wird aus dem Handbuch für Medienguerillas zitiert und behauptet, dort würden Drohungen gegen Familien gegnerischer Kommentatoren empfohlen (auch wenn der entsprechende Absatz von Beleidigung spricht und von strafrechtlich relevanten Äußerungen explizit abrät). Nicht ganz ohne Stolz erzählt Kreisel, wie er und seine #ichbinhier-Mitstreiter Reconquista Germanica infiltriert haben und zeigt eine verschwommene Grafik der Organisationsstruktur der Gruppierung. Bei der Beschreibung der rechten Trollfabrik rutscht ihm allerdings ein Freudscher Versprecher raus: „Man versucht gezielt, in die Filterblase von uns allen einzudringen.“ Na dann kann’s doch eigentlich nur gut sein, schließlich ist #ichbinhier doch unparteiisch und am Dialog interessiert, oder nicht?

Die Retter

Doch genug mit rechten Schreckgespenstern, wenden wir uns wieder den Guten zu. Als nächstes geht es um die Facebookgruppe von #ichbinhier. Der deutsche Ableger der in Schweden entstandenen Bewegung hat mittlerweile um die 45000 Mitglieder und will „koordinierte Zivilcourage koordiniertem Hass entgegensetzen“. Der Hashtag soll dabei für Transparenz sorgen und sachliche Gegenrede auszeichnen, angeblich ohne eine bestimmte politische Position zu vertreten. In der Gruppe erstellen die Moderatoren Posts, die Nutzer können Raids (bzw. „Aktionen“) vorschlagen, woraufhin die Entwicklung des Kommentarbereichs beobachtet und etwa fünf Kommentarspalten pro Tag als Raid-Ziele ausgewählt werden. Meist sind dies Artikel über Themen, bei denen wütende rechte Kommentare erwartet werden. „’Flüchtlingsboot gesunken’ – das klingt doch gut!“ bemerkt Kreisel beim Durchscrollen einer Liste mit potentiellen Zielen. Aus dem Publikum kommt verschämtes Kichern und die Frage: „Wird man schnell zynisch bei so einer Arbeit?“ Kreisel lacht: „Es geht.“.

In der Gruppe oder unter https://t.me/s/ichbinhierAktionen werden die Aktionen dann angekündigt. Nachts schlafen die Mods, weshalb die Kommentarfunktion aus ist und keine Raids stattfinden. Mein Kellerkindherz lacht bei dieser Erklärung. Den eigenen Hashtag schützt die Gruppe übrigens nicht, höchstens kommt ein Distanzierungskommentar, Versuche der feindlichen Übernahme werden jedoch allgemein nicht als realistische Gefahr gesehen.

Doch auch in der besten Facebookgruppe der Welt gibt es Probleme. So ist offenbar besonderer Aftercare (sowohl im Sinne des nachträglichen Kümmerns, wie auch der Verarztung verletzter Hintern) notwendig, weshalb es zum Tagesausklang immer spezielle Threads gibt. Auch weigern sich manche User, in bestimmte Kommentarspalten zu gehen, weil es ihnen dort „zu viel Hass“ ist. Unbeliebt sind beispielsweise die Seiten von Focus und Bild, weil die kaum moderieren und auch schrecklich hetzerische Kommentare nicht sofort löschen, ZDF und ZDFheute moderieren nur wenig. Als Positivbeispiel wird dagegen die Tagesschauseite genannt.

Die Wirkung

Ich verlasse den Vortrag mit gemischten Gefühlen. Einerseits habe ich tatsächlich einige #ichbinhier-Kommentare gesehen, die das erfüllen, was sie versprechen: Sachliche Meinungsäußerung. Mehrmals beteuert Kreisel, in seiner Gruppe seien Menschen aller Weltanschauungen und politischer Richtungen, lediglich Extremisten würden nicht aufgenommen. Auch hätten (vermutlich von ihm selbst) durchgeführte Datenanalysen ergeben, dass die Interventionen von #ichbinhier-Kommentatoren zu sachlicheren Diskussionen und der Zerstörung der Shitstorm-Dynamik führen. Dennoch wurde immer wieder klar: Es gibt Meinungen, die nicht gehört werden sollen, weil sie zu polemisch, zu aufgeladen mit negativen Gefühlen, zu unreflektiert sind. Und wenn man ihnen nicht mit Anzeigen oder Plattformmeldungen beikommt, muss man so lange den Kommentarbereich spammen, bis die unerwünschten Kommentare eben im Abseits verschwinden.

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Bild: Pixabay

 

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