Wie ich die Heimat meiner Jugend wieder schätzen lernte

Gastbeitrag von Michael*

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt.



Zunächst muss ich etwas über meine eigene Person erzählen. Leider reicht mein Deutsch nicht aus, um gute Texte in der deutschen Sprache zu verfassen. Aber durch meine Dienstzeit in Deutschland als US-Soldat, habe ich hier und dort einige Brocken lernen können und schätze dieses Land sehr. Fast jedes Jahr fliege ich mit meinen Kindern nach Europa und häufig besuchen wir auch Deutschland, das immer eine Reise wert ist. Einige Leser hier werden sich sicherlich fragen, warum ein Amerikaner eine lange Abhandlung über seine amerikanische Heimat auf einem deutschsprachigen, konservativen Blog verfassen sollte. Dafür gibt es mehr als nur einen Grund! Denn nicht nur lese ich gerne deutsche Medienerzeugnisse, sondern befasse mich ausführlich über die Grenzen Nordamerikas hinaus mit der patriotischen Bewegung in Europa. Ich beobachte seit vielen Jahren den Aufstieg der Alternative für Deutschland und freue mich, dass die Deutschen auch von der trumpschen Flutwelle erfasst wurden. Ganz eindeutig ist weltweit eine populistische Revolution im Gange, die hoffentlich nachhaltige Veränderungen zum Besseren für den globalen Westen bringen wird. Heute, als Familienvater und gestandener US-Bürger Anfang 40, freue ich mich darüber sehr. Aber vor etwa 20 Jahren tickte ich noch ganz anders. Im Alter habe ich mich mehr meinem eigenen Vater angenähert, der jetzt jedoch bei Gott ist und hoffentlich sehen kann, dass sein Sohn kein linker Taugenichts geblieben ist. Denn meine Reise zum Patriotismus und meine Rückkehr in die alte Heimat meiner Kindheit, nach Indiana im Mittleren Westen, war eine schwierige, die viel mit Selbstfindung und weniger mit Politik zu tun hat. Ich will sie euch erzählen. Denn vielleicht finden sich einige Leser in dieser Geschichte wieder. Meine lange Lebenserfahrung hat mir gezeigt, dass die politische Einstellung bei vielen Menschen nur sehr wenig mit tatsächlichen Positionen zu bestimmten Themen, sondern vielmehr mit Erziehung, Kindheit und Emotionen zu tun hat.

Ich beispielsweise wuchs in einem richtig konservativen Elternhaus auf. Mein Vater kehrte in den 70ern mit einer Verwundung aus Vietnam zurück – zu einer Frau, die ihn nicht mehr liebte. Irgendwie bissen sie sich jedoch beide durch und schafften es noch einige Jahre um der Kinder willen zusammenzubleiben. Mein schweigsamer und strenger Vater war zunächst lange arbeitslos oder arbeitssuchend, bevor er Anfang der 80er eine kleine Firma eröffnete und damit so erfolgreich wurde, dass die finanziellen Schwierigkeiten der Vergangenheit angehörten. Ich kannte als Kind keine materiellen Sehnsüchte und durfte in Zuständen groß werden, die nur noch von den Kindern der westlichen Mittel- und Oberklasse in unserer heutigen Zeit übertrumpft werden. Man kann sich kaum vorstellen, wie idyllisch die Kindheit in Indiana eigentlich war. Apfelbäume, die in voller Blüte stehen; weiße Städte versteckt im grünen Laub der malerischen Wälder und Felder. Es mangelte der fünfköpfigen Familie an nichts. Amerika und der Mittlere Westen waren so, wie ihn sich die Siedler vor 200 Jahren erträumt hatten. Ich sage gerne, dass ich in der besten Zeit der USA groß geworden bin. Anfang der 90er fuhr ich mit meinem eigenen Auto zur High School, das ich mir mit meinem eigenen Geld durch Kellnern und Autos waschen erarbeitet hatte. Der Kalte Krieg, Vietnam, die Nöte meiner Eltern und Großeltern – das alles lag hinter uns und machte die Mentalität unserer Elterngeneration umso schwerer zu verstehen.

Foto: Herbst in West Point – Public Domain

Indiana und New York

Für mich als Jugendlicher war nicht nachvollziehbar, warum wir so weit ab der Stadt wohnten. Warum mein Vater so religiös war, meine Mutter so emotional kalt und die alten Leute immer auf ihren städtischen und lokalen Traditionen sowie Bräuchen pochten. Sie schmückten ihre Fenster und Türen zu den Festen, feierten den Wechsel der Jahreszeiten, Weihnachten und Thanksgiving. Immer waren es für sie wichtige Ereignisse, wo alle Familienmitglieder und Freunde zusammenkommen mussten, um ein paar Tage im Jahr miteinander auszukommen. Ich hingegen habe mich vor diesen Zusammenkünften geekelt, weil ich den Wert der Familie nicht verstand. Ich habe noch nie Not leiden müssen und war nie gezwungen  in einem sozialen Netz aufgefangen zu werden. Ich verstand gar nicht, warum ich diese oder jene Tante lieben oder schätzen sollte. Auch die Kirchgänge und das Festhalten meiner Eltern an ihrer unglücklichen Ehe trugen ihren Teil dazu bei, um mich von meiner Heimat in Indiana zu entfremden.  Daher kam es so, wie es kommen musste und ich verließ meine Kleinstadt im Mittleren Westen. Ich ging gleich in die größte Stadt, nach New York, weil ich unbedingt meinem angeblich so tristem Elternhaus und meiner gefühlt langweiligen Heimat entfliehen wollte.

Zuerst lebte ich auf Kosten meiner Eltern und studierte, genoss das Großstadtleben in New York. Und ich muss heute noch sagen, dass es Anfang der 2000er Jahre eine fantastische Stadt war. Sie hatte viel lebenswertes, Dinge zu erleben und zu sehen, die ein junger Mensch unbedingt erfahren wollte. Auch Sex und Drogen gehörten zum Nachtleben dazu. Und ich spürte schnell, dass die meisten New Yorker gar keine Einheimischen waren, sondern viele junge Menschen in meinem Eltern eine ähnliche Geschichte hatten. Fast alle waren Zugezogene aus anderen Teilen der USA, wenn sie keine Einwanderer waren, wo die Familien und Umstände des Lebens ähnlich sind. Wir waren die Kinder von Eltern, deren Eltern widerum den Weltkrieg noch erlebt hatten. Unsere Großeltern haben in den 50er Jahren ein großartiges Land aufgebaut, unsere Eltern haben den Frieden geschützt und den Wohlstand gepflegt. Und wir, die Kinder der größten Generation, wurden in diesen Wohlstand hineingeboren. Ich erkenne heute wieder, dass es meinen Kindern und den in den 2000ern und 1990ern geborenen Kindern oftmals ähnlich gute Startbedingungen gegeben wurden. Die große Depression, die Kriege, den Kalten Krieg – das alles war uns fremd. Was wir jedoch erlebt haben, war der 11. September 2001.

Sicher hat jeder Amerikaner eine eigene Geschichte, in der er sich daran erinnert was er am 11. September getan hat, als die Maschinen in das World Trade Center gejagt wurden. Ich hatte mich an jenem Morgen gerade mit zwei meiner studentischen Freunde in einem hippen Café in Brooklyn niedergelassen, als wir den Rauch aufsteigen sahen. Bis dahin war dies das eindringlichste Ereignis, das erlebte hatte. Womöglich war es auch meine Motivation, mich direkt nach dem Studium zur Armee zu melden. Damals schwang noch eine Art rebellischer Impuls mit, weil ich meinem Vater zeigen wollte, dass dies hier ein gerechter Krieg war und wir anders als in Vietnam auch siegreich sein würden. Das Verrückte war, dass ich mich damals durchaus als Linksliberalen sah und auch meinen Freundeskreis nur mit solchen oder Unpolitischen besetzte.

Nach einem harten Basic Training und einer langen und schweren Ausbildung zum Offizier, ging es für mich nicht nach Afghanistan, sondern in den Irak. Heute, wo ich ein alter Mann werde, verstehe ich warum mein Vater niemals über seine Erlebnisse in Vietnam mit uns Kindern gesprochen hat und warum er ganz allgemein sehr schweigsam war. Der Krieg saugt die Lebenslust und das Glück aus den Beteiligten heraus, bis nichts mehr übrig ist. Mein Glück war wohl, dass mein Einsatz vorzeitig wegen einer schweren Beinverletzung endete (nein, ich wurde nicht zum Krüppel! Gott sei Dank!).

Als ich nach vielen Monaten und einem langen Aufenthalt in Deutschland (Krankenhaus) in die USA zurückkehrte, erkannte ich New York nicht wieder. Diese schon vorher sehr linke und liberale Stadt, war vollends einem kollektiven Wahnsinn anheim gefallen. Ehemalige Freunde meiner Universität protestierten gegen Bush, den Krieg, die Soldaten, den Patriotismus, Umweltverschmutzung und die Polizei. Plötzlich war Rasse wieder ein dominerendes Thema. Etwas, was ich nur am Rande während meiner Zeit im Studium als Diskussionszirkel von wirren Professoren registriert hatte, schien die neue Normalität geworden zu sein. Die ganzen verrückten Ideen von Genderismus, Weißer Schuld und Political Correctness, die Anfang de 2000er Jahre ziemliche Kuriositäten auf dem Campus waren, sind heute der Mainstream. Die neue Linke (The New Left) war plötzlich überall aktiv geworden und präsent auf den Straßen von New York, wie nie zuvor. Es brannten Flaggen, Dozenten wurden schikaniert, wenn sie sich nicht zu den neulinken Ideen bekennen wollten. Ganz allgemein herrschte eine Stimmung, die überhaupt keine positiven Ergebnisse hervorbringen konnte.

Nun liebe ich viele Dinge an New York: Essen, die Viertel, das Nachtleben, die Skyline und viel alte Historie. Aber mir wurde schnell bewusst, dass in den Milieus der Linken und vermeintlichen Liberalen eine toxische Unkultur herangezüchtet wurde, die nur Anarchie hervorbringen konnte. Die Jahre 2008 und fortführend waren meine «Erweckungsjahre», in denen ich langsam aber sicher politisiert wurde. Ich glaubte früher links zu sein, weil meine Eltern eher rechts ausgerichtet schienen. Heute weiß ich, dass ich nur eine soziale Anschlussgruppe gesucht habe, um meine eigentliche Familie zu ersetzen. Im «Stamm» der Linken kann man jedoch keine echten Freunde finden. Die New Left setzt sich aus Menschen zusammen, die den Westen und die USA nicht kritisieren, weil sie ihn verbessern wollen. Nein, sie kommen als Feinde des Westens. Ich mühte mich lange mit meinen Bekannten und Freunden in New York ab, von denen viele durch dieses Milieu massiv radikalisiert wurden. Einige von ihnen sind heute selbst Dozenten oder Lehrer geworden und stehen auf der anderen Seite des politischen Ufers – sie verachten Trump, die USA, Europa und alles, was nicht links, multikulturell, anti-amerikanisch und anit-weiß ist! Auch dann, wenn sie selbst weiße Christen und Amerikaner sind. Dann ist ihr Hass sogar noch größer. Ich lernte in diesen traurigen Jahren verstehen, dass die politische Linke in den USA nicht für Liebe und Toleranz, sondern für das genaue Gegenteil steht. Ab diesem Moment wuchs das Interesse in mir, mich näher mit den politischen Ansichten der anderen Seite zu befassen. Umso heftiger meine ehemaligen Freunde gegen «die Republikaner» hetzten, desto mehr wollte ich mir die andere Seite des Streits anhören.

Der Weg zum Rechtssein

Mein Weg zum Konservativen war jedoch kein einfacher. Ich vertrete keine klassisch neoliberalen Positionen, wie sie von vielen Republikanern im letzten Jahrzehnt vertreten wurden. 2008 habe ich noch Obama gewählt, weil ich nicht grundlegend gegen eine staatliche Krankenversicherung eingestellt bin. Auch schaffte es der damalige Republikaner nicht, mich zu überzeugen. Vielleicht sah ich zu viel von meinem Vater in dem Vietnamveteranen. Wirklich konservativ wurde ich nicht durch die Partei der Republikaner, sondern durch die Geburt meiner Kinder. Als diese die Grundschule besuchten und ich aus dem Mund der wirklich verrückt aussehenden Lehrerin die gleichen Parolen hörte, die ich auch schon auf dem Uni-Campus meiner New Yorker Universität vor einigen Jahren gehört hatte, verstand ich, dass ich handeln musste. Auf gar keinen Fall wollte ich zulassen, dass meine Kinder von solchen Verrückten und Menschenhassern erzogen werden. Um jeden Preis musste ich verhindern, dass schon den Jüngsten in der Gesellschaft ein abgrundtiefer Hass auf ihr eigenes Land, ihre Familie, ihre Herkunft und ihre Kultur eingepflanzt wird. Ich verstand, warum viele Konservative die privaten Schulen förderten und sich vor zu viel staatlicher Macht fürchteten. Umso mehr Zeit verging, desto stärker zeigten sich auch die Unterschiede in den Lebenswegen bei mir und meinen ehemaligen Freunden aus New York. Während ich mit meiner Familie erst an den Stadtrand und danach zurück aufs Land von Indiana zog, kannten die neuen Linken nur ihre Großstädte. Sie lebten in San Francisco, Manhatten oder Washington. Die meisten von ihnen haben keine Kinder bekommen, leben alleine oder mit wechselnden Partnern, die sie immer unglücklich zurücklassen. Während sie jeden Tag mit dem Soja-Lattemachiato in der Hand zur Arbeit im Dienstleistungsbüro oder der Universität laufen, fahre ich mit dem von meiner Frau gemachten Mittagessen im Auto erst die Kinder zur Schule und dann zu meiner kleinen Firma. Sehr viele meiner Bekannten von damals haben die Universität und den schulischen Bereich nie verlassen. Sie wurden Dozenten, Lehrer, Rektoren und sogar Beamte. Sie alle vereint, dass sie vom Staatsgeld leben, während ich ein Nettoeinzahler bin. Umso wichtiger wurde mir, dass ich größtmögliche Freiheit über meine eigenen Finanzen habe.

Als ich ca. 2015 nach Indiana zurückkehrte, waren sich meine Frau aus der Großstadt und die Kinder noch unsicher. Aber heute können sie sich nichts anderes mehr vorstellen. Die gemeinschaftlichen Bindungen zu den Nachbarn sind enger, die Menschen entspannter und das Leben entschleunigter. Während meine ehemaligen Kommilitonen von einer Mietwohnung in die nächste ziehen und nirgendwo wirklich Wurzeln schlagen, haben wir ein Generationenhaus meiner Großeltern übernommen. Ich habe damit begonnen die Idylle des Landlebens zu genießen und empfinde die Ruhe nicht mehr als bedrückend. Vieles, was ich als junger Mann ablehnte, finde ich heute angenehm. Vielleicht ist es mit dem konservativ sein auch so eine Art Reifewerdung, die mit dem Älterwerden kommt.

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