Steve Bannon – der amerikanische Verbindungsoffizier

Steve Bannon ist eine schillernde Figur. Der ehemalige Chefstratege von Trump und Leiter des konservativen Nachrichtennetzwerkes „Breitbart“ entstammt aus kleinen Verhältnissen, absolvierte eine Karriere als Marineoffizier und nutzte nach seiner Tätigkeit in der Finanzwirtschaft bei Goldman Sachs die Gelegenheit, als selbständiger Medien- und Filmemacher politische Kampagnen zu entwickeln, um Einfluss auf die Politik zu gewinnen. In der letzten Zeit machte der von der Rotationspresse Dämonisierte mit dem Projekt auf sich aufmerksam, die europäischen Rechtsparteien in Brüssel auf eine gemeinsame Linie zu bringen und sie für erfolgreiche Wahlkämpfe zu coachen. So traf er sich mit Farage, Orban, Salvini, Marine le Pen und neuerdings auch mit Beatrix von Storch. Es soll sogar ein Kloster in Italien angemietet worden sein, um dort eine Akademie zu gründen – eine „Gladiatorenschule für Kulturkämpfer“ wie sein Vertrauter Benjamin Harnwell ankündigte. Dahinter steht das Dignitatis Humanae Institute, zu dessen Beirat unter anderem Kardinal Robert Sarah gehört, der immer wieder als prononcierter Kritiker von Papst Franziskus hervorgetreten ist.



Es fragt sich, was für eine politische Agenda hinter der von Bannon geplanten Akademie für den jüdisch-christlichen Westen steckt, die womöglich die künftige Leitmelodie für ein Rechtsbündnis auf europäischer Ebene vorgeben könnte. Der praktizierende Katholik Bannon hat sie in vielen internationalen Vorträgen und Interviews mehr als deutlich skizziert. Souverän und ungeniert geht ihm das Wort „Nationalismus“ über die Lippen, zu dem sich nicht einmal ein Björn Höcke öffentlich bekennen würde. Aber sein Nationalismus ist ein ökonomischer und staatsbürgerlicher, den er scharf von einem ethnischen Nationalismus abgrenzt, der was für „Looser“ sei. Er umfasst im Wesentlichen vier Programmpunkte, die auch im Trump-Wahlkampf leitend waren: Erstens sollen „manufacturing jobs“ zurück ins Heimatland geholt oder dort gehalten werden, um gerade die bürgerliche Mittelschicht vor den Verheerungen des Finanzkapitalismus zu schützen. Dafür können auch protektionistische Maßnahmen wie Schutzzölle ein probates Mittel sein. Zweitens soll illegale Masseneinwanderung gestoppt werden, die ebenfalls die eigene Arbeiterschaft unter erhöhten Konkurrenzdruck setzt, die Löhne drückt und das soziale Sicherheitsnetz belastet. Das hat weniger etwas mit „Fremdenfeindlichkeit“ zu tun als mit der Erhaltung von Wert und Würde der Arbeit. Drittens geht es um eine Dekonstruktion des „Big Government“: Der Staat soll sich zurückhalten, seine Bürger mit Vorschriften, politischer Korrektheit, positiver Diskriminierung und Quoten zu drangsalieren. Stattdessen sind Privatsphäre und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung unbedingt zu schützen. Die von Bannon begrüßte „populistische Revolte“ ist damit eben keine autoritäre Revolte, wie sie von vermeintlichen Experten gerne dargestellt wird, sondern eine antiautoritäre Revolte gegen nicht demokratisch legitimierte Herrschaftsanmaßungen anonymer Bürokratien und Finanzeliten. Viertens möchte Bannon eine Demperialisierung. Die USA dürfen kein Imperium mehr sein, das überall im Namen hehrer Ideen kriegerisch oder ökonomisch interveniert und neue Brandherde in der Welt schafft, sondern ein starker Nationalstaat unter der demokratischen Kontrolle seiner Bürger. Daher raus aus den teuren Kriegen im Nahen Osten, deren Kosten in die Billionen gehen, die man besser in Konjunkturprogramme für die einheimische Wirtschaft investieren könnte.  Bannons Nationalismus bedeutet vor diesem Hintergrund auch eine internationale Ordnungsstruktur, die er das „Westfälische System“ nennt. Mit dem Westfälischen Frieden wurde im Jahr 1648 der Dreißigjährigen Krieg beendet, indem eine Reihe souveräner Territorialstaaten mit festen Grenzziehungen geschaffen wurde, was eine Entflechtung von Staat und Religion bzw. Staatenkrieg und Bürgerkrieg sowie eine Entökonomisierung des Krieges ermöglichte. Der Krieg war kein privates Geschäft von Kriegsunternehmern mehr, das durch offene Kriegsökonomien bis ins Unendliche angeheizt werden konnte, sondern er wurde im Rahmen einer Ordnung quasi gleichberechtigter Nationalstaaten dem Primat der Politik unterworfen und durch gegenseitige Machtbalance und Völkerrecht gehegt und begrenzt. Die Restauration einer solchen Ordnung würde die Risiken einer multipolaren Weltordnung minimieren können, ohne auf eine globale Hegemonialmacht angewiesen zu sein, aus deren Rolle die USA immer weiter herausfallen – sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Diese brauche demnach keine Protektorate mehr, sondern Sicherheitspartnerschaften auf gleicher Augenhöhe.

Das ist vielleicht die rote Pille, die Bannon bei seiner Tätigkeit in der Finanzwelt schlucken musste. Er war nämlich in der Abteilung Mergers & Acquisitions mit der Aufgabe betraut gewesen, Unternehmen vor „feindlichen Übernahmen“ zu schützen. Dabei ist er vermutlich schon früh zu der Erkenntnis gekommen, dass die USA eine Weltmacht im Niedergang sind, die nur so lange von einem globalen Freihandelssystem profitieren, wie sie selbst die Regie darüber besitzen. Diese steht langsam aber sicher zur Disposition, weil sich China als künftige Welt- und Wirtschaftsmacht am Horizont abzeichnet. Auf einem freien Markt profitieren zwar theoretisch der stärkere und der schwächere Handelspartner gleichermaßen, in praktischer Hinsicht gilt jedoch das Recht des Stärkeren, der immer stärker wird und damit die asymmetrische Ausgangslage zementiert. Diese komfortable Position sind die USA im Begriff zu verlieren und ihre (nicht nur die weiße, ebenso die schwarze und hispanische) Arbeiterklasse  büßt massiv an Lebenschancen ein. Dagegen werden diejenigen, die als Gewinner aus dem Globalismus hervorgehen, immer weniger, sie schrumpfen auf eine kleine Gruppe zusammen, denen die gegenwärtige Situation billige Arbeit und neuen Investitionschancen bietet. Diese globalistische Finanzelite sieht Bannon in der „Partei von Davos“ konzentriert: „In Davos they worship the dollar. The world‘s economic and financial elites have no moral standing.“ Deren Geschäfte machen ausgerechnet China stark, dessen Erfolgsformel eine paradoxe Kombination aus totalitärer Regierung und modernem Merkantilismus ist. Wenn China einstmals die entscheidende eurasische See- und Landmacht sein wird, dem faktisch das globale Produktionsmonopol sowohl auf Billigprodukte als auch auf Schlüsseltechnologien zufällt, würde das nicht zuletzt das Ende des Westens und seiner universalistischen Werte bedeuten, deren Geltung Bannon im Gegensatz zu völkischen Nationalisten nicht leugnet. Er sieht allerdings, wie die das Prinzip nationalstaatlicher Souveränität den unabdingbaren Grundpfeiler der Menschenrechte, d.h. des jüdisch-christlichen Kulturfundamentes, darstellt.  Zum Islam hat Bannon eine differenzierte Haltung: Offenbar will er auch die islamische Staatenwelt in das neue Westfälische System kooperativ einbinden und sie als Verbündete gegen den islamischen Fundamentalismus und Terrorismus gewinnen.

Chancen für Europa

Wenn es dem ehemaligen Trump-Berater tatsächlich gelingen sollte, mit seiner Konzeption der hier angedeuteten Konturen einer neuen Weltordnung bei den Rechtsparteien durchzudringen, wäre damit eine große Chance für Europa verbunden und vielleicht ein kleinster gemeinsamer Nenner (Wirtschaftsnationalismus vs. Globalismus, ein Neues Westfälisches System auf der Grundlage nationalstaatlicher Souveränität, populistische Ermächtigung des kleinen Mannes, christliche Kultur als Wertefundament) ausformuliert, der als Verhandlungsgrundlage der doch so unterschiedlich ausgerichteten konservativen, nationalen und populistischen Bewegungen dienen könnte. Die manchmal tief eingewurzelten antiamerikanischen Beißreflexe müssten möglicherweise mit dem Verweis auf ein neues Amerika (das sich freilich zuerst auch als ein solches bewähren müsste, was selbst unter Trump mehr als skeptisch beurteilt werden muss), ein wenig zurückgefahren werden. Außerdem wäre Bannon in der Lage, einen neuen Stil in die Wahlkämpfe der Rechtsparteien zu bringen, die durch eine Gegenöffentlichkeit à la Breitbart medial und metapolitisch effektiv flankiert werden müssen. Wie sich jetzt gezeigt hat, scheint die CDU-Wahlkampfstrategie einer asymmetrischen Demobilisierung immer weniger zu ziehen, stattdessen wird die Zukunft mobilisierende und polarisierende Formen des Politischen (siehe Klimahysterie) begünstigen.

Einem Autor, auf den Bannon zuweilen Bezug nimmt, ohne mit ihm wesentliche politische Inhalte zu teilen, sei hier das Schlusswort überlassen. Julius Evola hatte gewusst, dass jeder politischen Gründung eine metaphysische Sinnstiftung zugrunde liegt, die von kulturmarxistischen Verfremdungen rein zu halten ist:

«Es bricht sich bei den nachdenklicheren Köpfen die Idee Bahn, daß bei der jetzigen Lage die Blockbildung und das Einswerden für Europa die unabdingbare Voraussetzung für dessen Weiterbestehen in anderer Form darstellen denn als leerer geographischer Begrif auf derselben materiellen Ebene wie die Mächte, die die Welt zu beherrschen suchen. Wegen aller vorhin angegebenen Gründe bringt diese Notsituation jedoch, wie wir wissen, ein doppeltes inneres Problem mit sich, will man angesichts einer solchen Lage dem möglichen einigen Europa dennoch eine feste Grundlage, einen tieferen Sinn und einen organischen Charakter verleihen: Denn einerseits gilt es, gegen die im allgemeinen so bezeichnete »moderne Kultur« mit entsprechenden Initiativen im Sinne einer geistigen und psychischen Entgiftung Stellung zu beziehen, und andererseits geht es um die Art von »Metaphysik«, auf die sich heute ein sowohl nationales als auch übernationales europäisches Prinzip wahrer Autorität und Legitimität überhaupt stützen kann. Das doppelte Problem kann in einen doppelten Imperativ übersetzt werden. Es bleibt zu sehen, welche und wie viele Menschen trotz allem inmitten so vieler Ruinen noch aufrecht stehen, um sich diesen zu eigen zu machen.» (Julius Evola, Menschen inmitten von Ruinen)

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