Die Lehren für die Konservativen aus dem 20. Jahrhundert

Gastbeitrag von Widergänger

Betrachtet man die Geschichte der Konservativen, ergibt sich eine niederschmetternde Erkenntnis: sie sind unfähig und nicht in der Lage, langfristig und nachhaltig Politik zu betreiben. Wieso eigentlich?



Das bürgerlich-konservative Spektrum ist heute ein Trümmerfeld und ein Spielfeld für Lakaien des linken Mainstreams. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sinkt der Stern der Konservativen in Deutschland. Man kann die Punkte des Versagens einzeln auflisten – 1918, 1933, 1968, 1989/1990 und heute. In der retrospektiven Betrachtung erkennt man, dass der größte Vorteil der Konservativen in instabilen Zeiten zur Achillesferse mutiert. Konservative haben durch ihr Politikverständnis in ruhigen Jahren ihre besten Zeiten. Kommt es aber zu Gewalt und Krisen oder sogar zu einer Revolution, dann verwandelt sich die abwartende und berechnende Einstellung und das Schützen der Tradition in eine hilflose Einstellung, die Konservative zum Opfer der Umbrüche werden lässt.

Feige fliehen sie vor der Revolution

1918 geschah etwas sehr Außergewöhnliches – die deutschen Monarchen verzichteten alle freiwillig auf ihren Thron. Kein einziger König oder Herzog musste gewaltsam vertrieben werden. Sie und ihre politische Entourage ließen sich aufgrund der Eindrücke der Niederlage und der Revolution von ganz alleine aus den Herrenhäusern treiben. Die Gewalt auf den Straßen hat sie erschreckt, sie wählten lieber das sichere Exil, als für ihre Überzeugungen einzustehen oder auch nur dem revolutionären Treiben zu widersprechen. Politisch und parlamentarisch waren die Konservativen im Wachkoma – in der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung gewannen ausschließlich progressive bzw. linke Parteien die Gunst der Wähler. Die größte Verwunderung löst aber die Tatsache aus, dass letztendlich Sozialdemokraten mithilfe der  (rechten) Freikorps und den Überresten der Reichswehr den Staat und somit auch den Besitz der Konservativen verteidigen mussten. Welch Ironie.

15 Jahre später ein ähnliches Schauspiel: überwältigt von der Vitalität der Nationalsozialisten, schlossen sich die blutarmen Konservativen letztendlich der NSDAP indirekt an. Sie wählten zwischen proletarischer oder nationalsozialistischer Revolution – die Harzburger Front war das Ergebnis. Es war konservativen Denkern nicht möglich, ein adäquates Weltbild den Kommunisten und den Nationalsozialisten gegenüberzustellen, zu sehr nagten an ihnen noch der Fortgang des Kaisers und die Niederlage. Ohne den autoritären (preußischen) Staat, der durch Dreiklassenwahlrecht und traditionelles Beamtentum den Status quo verteidigte, konnten sie auf dem Basar der freien Wahl nicht bestehen.

Die totale Niederlage gab es nicht nur 1945

Im Mai 1945 gab es dann den totalen Zusammenbruch der Konservativen. Ihre politische Ideen waren durch die Niederlage verpönt, denn sie eröffneten den Nationalsozialisten 1933 durch ihre Mitarbeit den Weg zur Macht. Zwar gab es im westdeutschen Staat 1949 noch einen konservativen Sieg, denn im Grundgesetz konnten einzelne Aspekte im Sinne der Konservativen eingearbeitet zu werden. Letztendlich lag aber über dem konservativen Bürgertum ein Leichentum, man orientierte sich ab sofort am Konzept der “Volksparteien”. Die CDU gab sich im Ahlener Programm fast schon progressiv, Konrad Adenauer durchlief einen Spießrutenlauf zwischen Konservatismus und Progressismus. Diese Gratwanderung gelang bis zur 68er-Revolution.

In der Krisenzeit im Sommer 1968 passierte wieder das gleiche Schema wie 1918 – die bürgerlichen Konservativen wichen vor den Krawallen und den Forderungen zurück und lieferten die Universitäten dem progressiven Zeitgeist aus. Und wieder: es gab keine Gegenwehr. 1980 geschah förmlich ein Wunder – zum ersten Mal riefen die Konservativen zu einem aktiven Angriff. Helmut Kohl sprach von einer geistig-moralischen Wende, welche aber scheiterte. Trotz dieser neuen Vitalität kam es 89/90 zu einer Schockstarre, hatten doch viele Konservative, vor allem die CDU, mit der Einheit doch gar nicht mehr gerechnet. Man könnte sogar böse behaupten, dass sie diese gar nicht mehr wollten – wobei hier auch die Taten Kohls gelobt werden müssen, der noch die Bedeutung der Einheit erkannte.

Mit Merkel kam die Entmannung – und eine neue Hoffnung

Durch die Volksparteien hatten Konservative in der BRD nur in der CDU eine Plattform. Mit der Stahlhelm-Fraktion und Politikern wie Dregger hatten sie zumindest ein gewisses Sprachrohr. Seit Merkel die Partei führt, ist aber die konservative Ecke der CDU verstummt. Merkels Politikstil entmannte die Konservativen in der CDU, mit ihren Entscheidungen fegte sie die letzten Bastionen aus der Partei. Ohne Absicht ermöglichte sie aber dadurch einen Freiraum für die Etablierung einer neuen konservativen Kraft – die AfD.

Was bedeutet das nun alles für die Konservativen im 21. Jahrhundert? Die AfD ist eine neue Chance, jedoch dürfen nicht dieselben Fehler wie im 20. Jahrhundert begangen werden. Konservative müssen lernen, endlich auch mal für die Masse zugänglich zu sein. Sie müssen radikaler agieren können, wenn der Ton rauer wird. Keinesfalls dürfen sie zum zahmen Tiger gegenüber den Linken werden, der nur leise brüllen kann. Eine konservative Idee muss die gleiche Strahlkraft wie die Utopie der Progressiven erreichen. Vor allem muss sich aber die AfD entscheiden, ob sie eine Volkspartei oder eine konservative Partei werden will. Ersteres könnte wieder zum Desaster werden – das 20. Jahrhundert ist Beispiel genug.

Bild: Pixabay

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