Reeducation und der zerrissene Deutsche

In Friedrich Hölderlins Roman „Hyperion“ konnte man bereits Ende des 18. Jahrhunderts folgendes Lamento über sein eigenes Volk lesen:

«Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?»

Die Zerrissenheit der deutschen Seele gehört zweifellos zu ihren Wesensmerkmalen. Nicht immer jedoch ging jene ausschließlich auf sie selbst zurück. Die Deutschen erreichten immer dann den Tiefpunkt im Hinblick auf den Verlust ihrer Selbstachtung bis hin zum Selbsthass, nachdem die innere Zerrissenheit durch äußere Erschütterungen und Einflüsse verstärkt wurde. Ein solches innerlich und äußerlich desintegriertes Volk besitzt nicht mehr die mentale Infrastruktur, um bestimmten Herausforderungen mit Ernstfallcharakter gewachsen zu sein. Es verliert seine Resilienz und kann politische Stresstests, wie heute z.B. den globalen Migrationsdruck, nicht mehr bestehen. Dass die Situation heute sich so darstellt, hat möglicherweise etwas mit dem zu tun, was man Deutschlands „langen Weg nach Westen“ oder seine „Westernization“ nennt – wenn auch nicht nur.



Gehen wir dazu zur „Stunde Null“ im Jahre 1945 zurück; oder sogar noch ein wenig weiter bis ins Jahr 1943. In diesem Jahr erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „Is Germany Incurable?“. Die Autoren waren der Psychologe Richard Brickner und die Ethnologin Margaret Mead, die später als Vordenkerin des Feminismus bekannt werden sollte. Es ging um eine Diagnose der Mentalität des deutschen Volkes unter Anwendung von moderner Individualpsychologie und Gruppentherapie, um zu erklären, wie es zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg kommen konnte. Nach Maßgabe dieser Bestandsaufnahme sollte schließlich das angemessene Therapieprogramm entwickelt und im Rahmen der Besatzungspolitik nach Kriegsende umgesetzt werden. Das dahinterstehende Modell kam aus der zeitgenössischen Psychiatrie. Deutschland wurde gewissermaßen als Großpatient gesehen, der an einer Art kollektiver Paranoia erkrankt war, die bei den Nazis kulminierte: „In word and deed, the nazis show themselves to be a characteristic development of Germany´s paranoid culture.“ Heilung schien nur eine Neuformatierung des kollektiven Bewusstseins zu versprechen, ein gesteuerter Neuanfang durch „Reeducation“. Konkreter wurde das therapeutische Instrumentarium ein Jahr später ausgearbeitet, 1944 auf der interdisziplinären Tagung „Germany After the War“ unter der Schirmherrschaft des US-Außenministeriums. Dort trug unter anderem Margaret Mead vor. Mead, eine Schülerin des Kulturanthropologen Franz Boas, hatte in den 20er Jahren Feldstudien in Samoa durchgeführt und das Sexualverhalten heranwachsender Mädchen beobachtet. Das Ergebnis hatte weniger mit Wissenschaft zu tun, sondern es war vielmehr eine Projektion der Wunschträume amerikanischer Intellektueller auf die edlen Wilden der Südseevölker. Kurz zusammengefasst verwendete sie ihre Forschungen als Waffe im Streit zwischen „nature“ und „nurture“, um diesen zugunsten letzterer Position zu entscheiden: Geschlechtlichkeit sei nicht etwa genetisch determiniert, sondern eine soziokulturelle Konstruktion. In diesem Feldzug gegen die Biologie mussten ihr die Tendenzen im Deutschland der 30er Jahre als Inbegriff psychopolitischer Krankhaftigkeit erscheinen, die nicht anders als durch Therapie zu heilen war.

Der Stereotyp

Meads Thema auf besagter Konferenz war nun der deutsche Nationalcharakter, oder besser: seine bipolare Struktur. Sie unterschied dabei zwei Charakterkomponenten, die den typischen Nazi-Deutschen prägten: Zum einen eine A-Komponente, die mit emotional, idealistisch, aktiv und romantisch beschrieben wurde. Zum anderen eine B-Komponente, assoziiert mit ordnungsliebend, hart arbeitend, hierarchiebewusst, methodisch, unterwürfig, gesellig, materialistisch. Damit war der deutsche Dualismus konstruiert, in dem je nach Situation mal die eine, mal die andere Komponente dominieren soll. Ein Brennpunkt, an dem sich diese beiden Seiten zu einem politisch explosiven Gemisch verbanden, war laut Mead die patriarchalisch geprägte deutsche Familie. Sie schien die Keimzelle des utopistischen und zugleich autoritären Dritten Reiches zu sein und an dieser Nahtstelle galt es, pädagogisch anzusetzen und ein für allemal einen Keil zwischen die beiden Persönlichkeitskomponenten zu treiben und diese unheilvolle Synthese aufzubrechen. Demokratie wäre in Deutschland erst dann möglich, wenn idealistische und materialistische Handlungseinstellungen absolut voneinander getrennt wären, ja am besten in entgegengesetzte Richtungen gesteuert würden. Das Zielbild glich frappierend der düsteren Prognose Max Webers: Die Deutschen sollten „Fachmenschen ohne Geist“ und „Genußmenschen ohne Herz“ werden. Zumindest waren romantisch-idealistische Entwürfe dauerhaft aus der Politik fernzuhalten und diese in technokratische, rein verwaltungsmäßige Bahnen zu lenken, um lediglich die ökonomisch-materielle Versorgung effizient zu regulieren.

Talcott Parsons, ein weiterer Teilnehmer an oben erwähnter Konferenz und seinerseits Soziologe und Übersetzer Max Webers, war begeistert von Meads Analysen und wies darauf hin, dass ein „controlled institutional change“ nötig wäre, um den deutschen Dualismus zu entschärfen. Jener dürfe indessen nicht über Politik und Staat ins Werk gesetzt werden, da dieser Weg einerseits die autoritätsgebundenen Charakterstrukturen verstärken würde und andererseits womöglich Abwehrreaktionen provozieren würde. Ansatzpunkt war das Wirtschaftssystem, in dem eine unter sich solidarische Nation durch eine in kapitalistischer Konkurrenz atomisierte Gesellschaft zu ersetzen war. Insofern kann Parsons, der mit seinen Memoranden eine humane Alternative zum Plan einer Entindustrialisierung Deutschlands seines Antipoden Henry Morgenthau durchsetzte und zu einem einflussreichen Berater der Enemy Branch der „Foreign Economic Administration“ avancierte, einer US-Behörde, die wirtschaftspolitische Konzepte für die amerikanische Deutschlandpolitik ausarbeitete, kann mit einigem Recht als Vordenker des Marshall-Plans und des späteren deutschen Wirtschaftswunders gelten, das einherging mit einer internationalen Liberalisierung der Märkte sowie einer Umstellung des Wirtschaftens auf Massenkonsum. Die expandierende Wirtschaft sollte andere gesellschaftliche Bereiche wie Familie, Schule und Staat nachziehen und die deutsche Währung nach außen mit den anderen europäischen Währungen verknüpfen. Auf diese Weise würde keine repressive, sondern „permissive control“ ausgeübt. Das ganze Arsenal abgestandener Psychoanalyse und moderner Sozialwissenschaften wurde als Rezept einer Gesellschaftspolitik aufgeboten, deren Ziel ein „Germany made in USA“ war. De-education und Re-education der Deutschen richteten sich keinesfalls nur gegen die Werte des Nationalsozialismus, sondern es wurde ausdrücklich betont, wie der amerikanische Vizepräsident, Direktor des „Economic Warfare Board“ und Landwirtschaftsminister Henry A. Wallace 1942 in einer Rede im Radio sagte, dass die Deutschen „must learn to un-learn all that they have been taught not only by Hitler, but by his predecessors in the last hundred years, by their philosophers and teachers, the disciples of blood and iron“. Der Filmemacher Lutz Dammbeck hat in seinem tiefschürfenden Film „Overgames“ von 2015 versucht, dieses Gewebe, in dem Verschwörung, Modernisierungstheorie und offene Weltgesellschaft unauflöslich ineinander verflochten erscheinen, schlaglichtartig, nämlich am Beispiel der Gameshows, sichtbar zu machen. Am Ende heißt es darin:

«Auch die Deutschen, die ehemals verrückte, die psychisch gestörte Nation, haben nun ihren Platz in diesem Paradies. Der Westen Deutschlands wird nach 1945 das Großlabor, wo öffentlich und für alle Welt sichtbar die Fähigkeiten und Techniken zur Um- und Neuformung dieser Welt geprobt und vorgeführt werden – einer Welt als kybernetischem System, einem mit Sozialstrukturen zusammenhängenden Rechenkomplex, wo Markt und Demokratie, Aufklärung und rationales Denken im Universalismus der permanenten Revolution ineinander aufgehen und sich die Werte und Verfahren ausformen, die künftig für alle gelten. […] Das Ausweichen vor unbewussten Schuldgefühlen und innerem Selbsthass führt zu Leihidentitäten und einem gegenteiligen Lebensstil, der als das Andere erscheint und dessen Hauptziel es ist, sich von der Identität der Väter möglichst radikal zu unterscheiden. „Deutsch“ wird für diese Generation zum Unwort, die Familie und vor allem der Vater zur Quelle allen Übels und des Bösen. […] Taugte, was an den westdeutschen Labormäusen experimentell erprobt worden war, nicht nur zur Absicherung gegen die Pathologien des eigenen Systems, sondern auch um das eigentliche Ziel zu erreichen, die nun anstehende Umformung der Welt zu der einen „One World“, wo sich alle Differenzen und Widersprüche auflösen würden?»

Der zerrissene Deutsche hat sich bis heute zumindest nicht aufgelöst. Bereits kurze Zeit nach 1945 manifestierte sich sein Dualismus: Während sich auf der einen Seite seine materialistische Tendenz durch die süßen Annehmlichkeiten seiner Wirtschaftsleistungen befriedigt sehen konnte, gab sich auf der anderen Seite sein romantisch-idealistischer Zug einer ewigen Schuldmetaphysik hin, um in Selbstzerknirschung zu schwelgen. Er oszillierte zwischen Wirtschaftswunder- und Holocaustidentität orientierungslos hin und her. Heute feiern die beiden Seelen, die er in seiner Brust trägt, unter den Chiffren des Wirtschaftsstandorts Deutschland und einem moralinsauren Helfersyndrom ohne Grenzen fröhliche Urständ. So kann sich die Reeducation zwar den Erfolg anrechnen, dass sie es geschafft hat, mit unblutigen Maßnahmen in Westdeutschland die notwendige politische Hygiene nach der Naziherrschaft wiederherzustellen und die Deutschen davor zu bewahren, wieder eine Gefahr für die Welt zu werden; dass die Deutschen allerdings eine Gefahr für sich selber werden, konnte sie nicht verhindern, im Gegenteil.

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Literatur:

Uta Gerhardt: Talcott Parsons and National Socialism, 1993.

Bild: Pixabay

 

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