Wille und Macht – Gastbeitrag

Gastbeitrag von Masovia:

Bei Gesprächen mit durchschnittlichen Mitmenschen, beim Lauschen des objektiven Unterrichts der Schulen, bei der Lektüre der etablierten Zeitungen oder dem Genuss der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen fällt einem kritischen Geist auf, dass nahezu überall ein seltsames Wunschbild der Welt vorherrscht. Die Rede ist, um es in den Worten Oswald Spenglers zu sagen, von dem «Rentnerideal», also dem kraftlosen Sehnen nach Ruhe, der Flucht ins Privatleben und insgesamt eine passive-weibische Sicht auf die Welt. Dazu wollen wir uns nun die Ursachen und die Risiken dieses Zustandes ansehen.



Zuerst ist in diesem Zusammenhang ein Blick in die jüngste deutsche Geschichte von Interesse. Bevor Deutschland 1871 erstmals eine (kleindeutsche) Nationalstaatsgründung verwirklichen konnte, hat ein geistiger Provinzialismus einen Großteil der deutschen Klein- und Kleinststaaten politisch gelähmt, sie in nahezu sämtlichen Belangen, von Wissenschaft über Kultur bis zum Militär, entweder in der Sicherheit der Unbedeutsamkeit oder in der Abhängigkeit zur nächstgrößeren (meist nicht-deutschen) Macht gehalten. Dadurch ging die Möglichkeit verloren, in Deutschland ein geopolitisches Bewusstsein zu schaffen, wie es in Frankreich schon lange existierte und in England im 19. Jahrhundert zur Perfektion gebracht wurde. Wozu auch? Die meisten deutschen Entscheidungsträger mussten sich bis 1871 keine Gedanken über Pläne machen, die globale Faktoren zu beachten hatten. Für sie endete das politische Blickfeld meist kurz hinter der Landesgrenze.

Nun kommt die (kleindeutsche) Einigung und auf einmal ist Deutschland eine Großmacht. Reichskanzler Bismarck verdanken wir eine überlegene Diplomatie bis zu seiner Entlassung und für Jahre danach noch ein hervorragendes diplomatisches Korps. Leider wurde im zweiten Reich der unverzeihliche Fehler gemacht, dass das Volk nicht in den neuen Staat eingebunden war. Der nahezu machtlose Reichstag wurde zur Abstellkarriere für die Nachrangigen, die wirklich großen Söhne konnten nur in der Industrie, der Wissenschaft und dem Militär etwas werden. Dadurch blieb der neue Staat der Masse des Volkes fremd, den Arbeitern und Katholiken, die durch die fehlende Mitgestaltung und Interessenbedienung mit einem rachsüchtigen Zorn auf dieses Deutschland sahen. Das Ergebnis dieser Fehlentwicklung, verbunden mit der 40 jährigen Friedensperiode war die katastrophale Entfernung der deutschen Politik(er) von der Realität. Wozu brauchten sie diese auch? Als ewige Opposition konnte man unbeschwert Luftschlösser bauen.

Die Rache dieses Versagens kam dann 1918. Die Revolution, die Deutschland die nächste Dekade in innere Lähmung und äußere Knechtschaft führte, gab nun den Programmpolitikern und Gewerkschaftsforderern das Ruder in die Hände. Nach außen konnten keine deutschen Interessen vertreten werden. Das Baltikum ging durch britisches Geld und lettische Heere verloren, das Memelland wurde einfach im Frieden geraubt und der vollständige Verlust Oberschlesiens konnte nur durch die tapferen Männer der Freikorps verhindert werden, da die junge Republik sich außer Stande sah einzugreifen. Im Inneren erstarrte jegliche Dynamik in Bürokratie, wichtige Fragen wurden in Paragraphendebatten erschöpft, realistische Zielsetzungen wurden durch kleingeistige Ignoranz von unten und Profitgier von oben ersetzt. Immerhin konnte in dieser Zeit die weltanschauliche Grundlage eines neuen Deutschlands durch die Denker der Konservativen Revolution geschaffen werden, in deren Schriften die Fehler der Vergangenheit angegangen wurden.

Leider blieb es überwiegend bei einer Lösung der Probleme in Papierform. Auch im Nationalsozialismus fand keine Vorbereitung Deutschlands auf die Weltpolitik statt. Obwohl nun zwar jede Staatsposition unabhängig vom sozialen Hintergrund durch Leistung erreichbar war, ging das außenpolitische Geschick eines Bismarcks größtenteils verloren. Die Bündnislage bis zum Kriegsbeginn war nahezu ausschließlich von diplomatischem Wert (Italien gegenüber den Westmächten, Ungarn auf dem Balkan) und durch den provinziellen Blick, notfalls eben auch alleine gegen die Welt stehen zu können, wurden viele geopolitischen Möglichkeiten ungenutzt gelassen oder absichtlich aus ideologischen Gründen abgelehnt.

Die Kapitulation der Wehrmacht am 08. Mai 1945 und die vollständige Auslieferung an den Willen der Siegermächte als Folge, beendete nun jegliche deutsche Einflussnahme auf die Weltpolitik. Während Westdeutschland sich durch brave Gefolgsamkeit gegenüber Amerika eine Sonderbehandlung erhoffte, Mitteldeutschland kaum mehr als ein Satellit Moskaus war, ging der Osten Deutschlands völlig verloren. Aus diesem dramatischen Verlust an Handlungsfreiheit und geographischer Möglichkeiten (Verlust der Industrie in Schlesien, der Häfen in Pommern und Preußen, der Äcker an der Warthe), resultierte dann der innere Rückzug der Deutschen in die Illusion des Friedens. Im Krieg werde man doch eh Frontlinie, dann wird der Ami uns entweder retten oder der Russe vernichten, seis drum, genießen wir das jetzt.

Aus dieser Gewöhnung an die geduckte Haltung erklärt sich auch die völlige Unfähigkeit der deutschen Politik, angemessen auf die Ereignisse des 09. Novembers 1989 zu reagieren. Da in den Ministerien und Entscheidungsräumen die deutsche Frage als verjährt und der Status als kleiner (sonderbarer) Bruder Amerikas schon mit Wohlwollen angenommen wurde, kam die plötzliche weltpolitische Relevanz in der Mitte Europas und der Welt mehr als ungelegen. In den folgenden Verhandlungen mit den Siegermächten und dem zerfallenden Sowjetriesen gab man sogar noch einige erbettelte Rechte der letzten Jahrzehnte wieder auf (erinnert sei hier nur an die Währungsouveränität, die auf Frankreichs „Wunsch“ für den Euro aufgegeben wurde). Nun, da wir unsere historische Mission ja in der (sehr kleinen) Wiedervereinigung erreicht haben, siehe Präambel des Grundgesetzes, kann das neue Deutschland sich endlich den großen Fragen der Welt widmen. Nämlich dem Weltfrieden (den wir unter Rot-Grün mit Waffengewalt im Kosovo und Hindukusch verteidigt haben), das Weltklima (durch die jetzt stattfindende Deindustrialisierung) und die Weltbevölkerung (Wir schaffen das!). Während in früheren Zeiten zumindest immer ein Fuß auf dem Boden der Tatsachen blieb, haben sich unsere heutigen Denker und Lenker völlig auf den Platz an der Sonne in ihrem Luftschloss verzogen. Die Folgen dieser moralischen Kolonialherrenattitüde spüren sowieso nur die Dunkeldeutschen, die Abgehängten, oder einfach die, die für ihren Lebensunterhalt einer ehrlichen Arbeit nachgehen.

Was kann nun dazu noch gesagt werden? Was, außer, dass bald nicht mehr über die Probleme der Welt debattiert werden wird, sondern das nackte Überleben höchstselbst die einzige Beschäftigung der meisten Deutschen sein wird. Bleibt uns nur die Hoffnung, dass danach endlich Vernunft in die Herren dieses Landes einkehrt.

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