Das Wunder im bayerischen Fernsehen – Gastbeitrag

Gastbeitrag von Armin & Timo

Man muss schon Unterguggenberger heißen und aus Wörgl kommen, damit die vermutlich revolutionärste Aktion des 20. Jahrhunderts so sehr im Aktenschrank der Geschichte verstaubt, wie es mit dem spektakulären Geldexperiment in der österreichischen Provinz geschah. Der Bayerische Rundfunk hat sich nun des Themas angenommen und sendete am 23. April 2019 den Spielfilm „Das Wunder von Wörgl“ und anschließend eine Dokumentation über die historischen Ereignisse. Das hat uns in Erstaunen versetzt, denn es geht um Geld, zinsfreies Geld, die Finanzmacht und darum, wie man diese erfolgreich und zum Wohle aller aushebelt. Ein Mainstreammedium auf Abwegen? Es geht um die erste und bisher einzige Umsetzung der Ideen des linken Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell.



Anfang der 1930er-Jahre hatte die Welt(!)wirtschaftskrise auch die Tiroler Provinz in ihrem Griff. Wie andernorts auch war in dem Städtchen Wörgl Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend an der Tagesordnung. Die Leute waren zerstritten darüber, was zu tun sei. Mehr aus Verlegenheit machten sie den Lokomotivführer Michael Unterguggenberger zum Bürgermeister. Dieser besaß das Buch „Die natürliche Wirtschaftsordnung“ von Silvio Gesell und ersann nach der Lektüre ein örtliches Beschäftigungsprogramm, das ohne Kredite und staatliche Subventionen auskam. Der neue Bürgermeister ließ ein eigenes Tauschmittel drucken, das nicht Geld heißen sollte, das aber fast genauso funktionierte wie Geld. Er ermöglichte seiner Gemeinde damit einen eigenen Wirtschaftskreislauf zur Überwindung der Krise. Wörgl blühte bald wieder auf und wurde sogar zum Vorbild für Nachbargemeinden, die von dem durchschlagenden Erfolg der Maßnahmen erfahren hatten.

Die Spielfilmfassung der Ereignisse erscheint uns erstaunlich ausgewogen. Die symbolischen Szenen sind tiefgründig und bieten Gelegenheit, verschiedenen Subtexten nachzugehen. Beispielsweise wird thematisiert, dass die Zinswirtschaft damals sowohl von rechts als auch von links abgelehnt wurde. Ein weiterer tiefer Einblick eröffnet sich, als der katholische Priester seine entscheidende Zustimmung zu dem Geldexperiment verkündet. Er ermutigt seine Gemeinde dazu, an das neue Geld zu glauben, und ebnet dem Projekt des Bürgermeisters damit den Weg zum Erfolg. Heutzutage liefe ein solcher Appell vermutlich ins Leere, weil in den diversifizierten Zonen des Großen Austauschs so etwas wie eine Gemeinde eben nicht mehr vorhanden ist.

Der örtliche Metzger gibt zuverlässig den nationalsozialistischen Spielverderber, der die friedliche Wirtschaftsrevolution an die Banken verpetzt. Dabei bahnen sich zwei interessante Dialoge zwischen Unterguggenberger und dem Metzger an, wissen doch beide voneinander, dass sie den Zins und die Banken nicht mögen. Aber sie verfolgen eben unterschiedliche Lösungsansätze. Die anschließende Dokumentarsendung rückt dann doch das Bild zurecht und zeigt dem unkritischen Betrachter, warum Globalisierungskritik sinnlos ist und freies Geld eben doch nur eine Spielerei. Das sagt uns der Sprecher der Nationalbank. Die Gründe sind interessant: So etwas wie in Wörgl funktioniere nur in einer autarken regionalen Wirtschaft, heute seien die Warenströme jedoch global, selbst in der österreichischen Provinz. Wenn das Obst von nebenan mal eben um die Welt geflogen wird, bis es verzehrt werden kann, dann braucht man schon eine Zentralwährung.

Und dann ist da noch ein anderer Aspekt, der weder im Film noch in der Dokumentation explizit angesprochen wird, und zwar der Umstand, dass das Geld, welches vom Finanzmonopol ausgegeben wird, Schuldgeld ist, das gegen Zinsen an den Staat verliehen wird. Das ist nicht dasselbe wie Gesells Freigeld. Das Freigeld (auch Schwundgeld genannt) ist nicht durch Gold oder eine andere Reserve gedeckt. Es spiegelt einzig und allein die Produktivität und Arbeitskraft des Volkes wider. Statt der üblichen Banknoten erhält man Gutscheine auf geleistete oder noch zu leistende Arbeit. Silvio Gesell nannte dies Freigeld, was nicht mehr und nicht weniger als ein freiwilliges Tauschmittel ist. Vereinbarungsgemäß verliert dieses Freigeld monatlich an Wert, um seinen Umlauf zu beschleunigen, und gerade dies trägt maßgeblich zu seinem Erfolg bei. Das Thema ist in der öffentlichen Diskussion nach wie vor verdrängt und aktuell zugleich. Einer der wenigen Wirtschaftswissenschaftler, die sich im deutschsprachigen Raum damit beschäftigen, ist Bernd Senf. Viele seiner Vorträge sind auf Youtube zu finden.

Das Beispiel von Wörgl zeigt uns, dass aus dieser Art Übereinkunft eine positive Dynamik entspringt. Die Leute nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, anstatt sich von einer Krise lähmen zu lassen. Es zeigt aber auch eine politische Dimension, die darin besteht, dass die Finanzmächte eine solche Selbsthilfe nicht dulden und auf ihrer Zentralverwaltung des weltweiten Elends bestehen. Der von seiner Gemeinde gefeierte Michael Unterguggenberger wurde deshalb verhaftet und des Verstoßes gegen das Währungsmonopol der Notenbanken schuldig gesprochen. Im Film sagt er, als er das Gerichtsgebäude in Wien verlässt: „Hier wurde die Not nicht von Gott gesandt, sondern von menschlicher Verirrung verordnet.“

Eine solche Botschaft birgt durchaus politischen Sprengstoff. Der Film deutet an, dass das Abwürgen des „Wunders von Wörgl“ dazu beitrug, von der großen Katastrophe in die ganz große Katastrophe zu stolpern. Denn auf die (offenbar gewollte) Verelendung und Massenarbeitslosigkeit folgte schließlich der Nationalsozialismus, der Abhilfe versprach und dieses Versprechen zunächst ja auch einlöste. An einer guten Lösung hatte man an entscheidender Stelle offensichtlich kein Interesse. Die Ausstrahlung dieses Films samt der dazugehörigen Dokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist bemerkenswert und regt zum Nachdenken über das Finanz- und Wirtschaftssystem an. Ohne es auszusprechen, womöglich sogar ohne es zu intendieren, zeigt „Das Wunder von Wörgl“, worum es den Globalisten eigentlich geht: um das Zerschlagen gewachsener Solidargemeinschaften. Denn nur diese können der totalen Herrschaft der globalen Eliten gefährlich werden.

(Bis zum 30.04.2019 kann man „Das Wunder von Wörgl“ noch in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks ansehen.)

https://www.br.de/mediathek/video/historiendrama-mit-karl-markovics-das-wunder-von-woergl-av:5c8644e94b536d001afc3a35

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