Die Gloria des Majors – Berlin 24/7 im April 2019

Ein kleines Tagebuch für Berlin, wo ich erzählerisch und rückblickend zusammenfasse, was mir so im Alltag hier passiert, wenn es  subjektive Relevanz für das Politische und Gesellschaftliche hat. Da diese leicht autobiographischen Texte von den Klickzahlen immer recht gut angekommen sind, habe ich mich entschlossen das zur Regelmäßigkeit zu machen und extra dafür Notizen zu führen. Mehr Unterhaltung, als fundierter Sachartikel.

Vor einigen Tagen stand ich mal wieder am S-Bahnhof Spindlersfeld in Berlin Köpenick und wartete auf meinen Zug. Dieser kommt nur etwa alle 20 Minuten, sodass ihn zu verpassen immer ein Unglück ist. Nun war es nicht das erste Mal, dass ich hier einige Soldaten und vor allem Offiziere gesehen habe. Immerhin ist das Karrierecenter nicht weit weg. Früher nannte man es noch Wehrkreisersatzamt. Aber seitdem die Bundeswehr nunmehr eher eine Firma mit mobilem Personal auf Sinnsuche ist, passt der neue Name wie die Faust aufs Auge. Vor ein paar Monaten standen hier schon zwei Stabsoffiziere neben mir, über die ich mich im Privaten gegenüber Kameraden lustig gemacht habe. Einzelfälle könnte man meinen. Nur besonders adipöse und unförmige Gestalten, die nicht repräsentativ für die Truppe sind. Stimmt auch. Aber die folgenden Ereignisse sind derartig amüsant und traurig zugleich gewesen, dass ich sie dem Publikum hier nicht vorenthalten will. Ich bin mir sicher, dass einige Dienende und Gediente ganz ähnliche Beobachtungen gemacht haben. Es steht nicht so gut um die Moppelwehr.



Weiter abseits an der Kreuzung sah ich noch wie ein Auto den bärtigen Mitte 40er Mann absetzte. Er hielt sein korallrotes Barett mit einer Hand fest, während er mit einer Umhängetasche ausgerüstet auf meine Position zulief, sich also dem Bahnhof näherte. Schließlich war der Zug schon eingefahren und würde nicht allzu lange warten, ehe er weiterfuhr. Das angehende Sumoringer-Talent in der eng geschnittenen Uniform mit dem Majorsdienstgrad, rannte also eilig über die Straße und die leichte Steigung hinauf zum Bahngleis. Ich war zur selben Zeit bereits im hinteren Wagon und durfte dann Zeuge werden, wie der Homo Sapiens Adipositas sich keuchend, leicht schwitzend und atemlos in unser Abteil rettete, bevor die Türen zugingen. Die ganze Strecke vom Auto seines Kollegen bis zur Bahn dürften etwa 70 oder 80 Meter gewesen sein, die er mit etwas mehr als Schrittgeschwindigkeit hinter sich brachte.

Er setzte sich, scheinbar außer Atem, auf die Bankreihe mir gegenüber, wo seine bedauernswerten Knöpfe einen titanischen Kampf kämpfen mussten. Es war kaum zu ertragen, wie sich der Körper dieses Mensch gewordenen Kriegsgottes vor mir präsentierte. Von irgendwo her nahm er ein Taschentuch, mit dem er sich die nasse Stirn abwischte, um dann in Ruhe irgendein Papier zu lesen, das er aus seiner Tasche geholt hatte. Seine Rasur war katastrophal. Der Bart war ungepflegt, schuppig und überall lagen eigenartige Fussel und Krümel auf der Uniform. Es brauchte gut zwei Minuten, ehe sich der Atem des Majors beruhigte und normal wurde. In Schöneweide verließ ich ihn dann und beglückwünschte innerlich die Soldaten, die diesen Herren im Ernstfall auf einer Trage durchs Gelände schleppen dürfen.

Kennt jemand noch Feldwebel Hans Georg Schultz aus «Ein Käfig voller Helden?» Es ist fast so, als würden Karikaturen unter uns wandeln.

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