Rammsteins Deutschland – Der rote Faden

Nach zehn Jahren ist Rammstein wieder da. Überraschenderweise schaffen sie es mit einem Knall: Nach zwei Tagen hat ihr Video auf YouTube bereits 12 Millionen Aufrufe zu verzeichnen. Aber wir wären nicht in Deutschland, wenn weniger das eigentliche Werk, als die ganzen Skandale darum im Fokus stehen würden. So wird das Erzeugte zum Skandal, wozu es keinen Anlass gibt.
Marketingmäßig war das natürlich ein feiner Zug: Rammstein hatte doch einen Teaser mit klarem Holocaustbezug veröffentlicht und damit die üblichen Verdächtigen so hart »ausgelöst«, dass der deutsche Seiten- und Blätterwald laut geraschelt hat. Rammstein kommt nach 10 Jahren wieder, nennt ihr Werk ausgerechnet »Deutschland« und pumpt dann als erstes eine Exekutionsszene mit KZ-Häftlingen in die medialen Kanäle! Bumm! So einfach geht das.

Mittlerweile wird Text und Video auch fleißig interpretiert und gedeutet. Wieder ist alles mit dabei: Rammstein verbreitet mal wieder nur Schund; Rammstein bedient faschistische Ästhetik, betreibt dabei aber eigentlich Ironie oder auch die Deutung, dass mit dem Video fröhliche Umvolkungspropaganda betrieben wird. Im Bildersturm von Gewalt, Sex und den Motiven aus älteren Rammsteinvideos verschwimmen offensichtliche Punkte. Deswegen gefällt mir Rammsteins »Deutschland« überraschend gut, auch wenn es eindeutig nicht besonders originell ist. Gerade die Musik ist generisch für Rammstein. 



Um das Video und auch das Lied richtig zu verstehen, dürfen wir nicht vergessen, dass es ein Lied wie „Amerika“ von Rammstein gibt. Dieses Lied wird/wurde von amerikanischen Fans gerne als Liebeserklärung an ihr Land verstanden (»We all living in Amerika«) nur um dann kurz zu hören, dass dieses Lied doch kein »love song« ist. Mit dieser Methode spielt Rammstein auch in diesem Lied. Außerdem ist da noch eine gehörige Portion des sehnsüchtigen „Rosenrot“- und verstörenden „Mein Teil“ mit dabei. Wer im Jahr 2019 Rammstein immer noch »rechte Tendenzen« – vor allem nach der Kontroverse um »links 2-3-4» und auch Heino – unterstellen möchte, ist geistig minderbemittelt. Was man ihnen aber lassen muss, ist dass sie das mächtigste ausgesprochene / ausgerufene »Deutschland« in einem Song zelebrieren und damit jede sogenannte »Rechtsrock-Band« auf die verdienten drittklassigen Plätze verweisen. Aber genug der Rahmenbedingungen.

Das Video von »Deutschland« von Rammstein beginnt im alten Germanien. Die Kamera fliegt auf eine Insel zu, aus der ein mächtiger roter Lichtstrahl hervorbricht. Eine römische Patrouille kämpft sich durch das graue Untergehölz und stößt auf die erschlagenen und erhängten Überreste ihrer Kameraden. Eine wilde Gestalt kniet über der Leiche eines Römers und ist dabei, ihm den Kopf abzutrennen. Unterbrochen werden diese Szenen von kurzen Einstellungen, in denen Statuen in einem Spiel aus Licht und Schatten, vermessen durch Laserstrahlen, eine Vorschau auf deutsche Geschichte bieten. Als sich diese Kreatur mit dem Kopf in Händen dem Zuschauer zudreht, sieht man eine schwarze Frau, die herrisch den Soldaten des Imperium Romanum entgegenblickt. Die Soldaten stürmen daraufhin mit Kriegsgeschrei auf sie zu. Erst jetzt beginnt das eigentliche Lied und die rammsteinische »Neue Deutsche Härte« legt musikalisch los.

In diesem Abschnitt des Videos werden alle Elemente gezeigt, die im späteren Video in unterschiedlichen Facetten in anderen Zusammenstellungen wiederholt werden. Der rote Strahl ist dabei der sprichwörtliche »rote Faden« durch die deutsche Geschichte und kommt in allen anderen Szenen vor. Das er dabei die Gewalt verkörpert ist nur offensichtlich. In einer Szene stehen Mönche wie Sith-Lords mit roten Laserschwertern im Hintergrund eines Scheiterhaufens und einer Bücherverbrennung, vor dem sich Mönche und SA-Männer in den Armen liegen und beglückwünschen. Eine für mich etwas zu kuschelige a-historische Inszenierung, aber nun gut.

Als weiteres durchgehendes Motiv haben wir die Germania. Die weibliche Personifikation von Deutschland war ein beliebtes Motiv seit dem 19 Jahrhundert, ist mittlerweile allerdings längst in Vergessenheit geraten. Deswegen ist es schon fast erfreulich, diese mal wieder in Aktion zu sehen. Das Germania schwarz ist, ist natürlich die eindeutige Provokation Richtung rechter Orthodoxie, da dies der offensichtlichste Bruch mit dem klassischen Bild der blonden Germania ist. Diese Germania verkörpert nun in allen weiteren Bildern eben diese kriegslüsterne Madonna, die in zeitgenössischen Kostümen durch die Epochen die Gewalttaten begleitet oder anführt. So ist sie in Vollplatte auf einem Schlachtfeld mit Rittern umgeben – ja ruft die erschlagenen Recken sogar wieder zurück ins Leben; als SS-Offizier bei oben genannter Exekution, im modernen goldkettenbehangenen Gangster-Look mit Lorbeer-Kranz an der Spitze eines SEK-Teams, als Bismarck-Verschnitt oder als Unterwelt-Mädel  in den 20er Jahren zu sehen. Dabei ist der Blick auf die Geschichte so ästhethisch-pathetisch wie vor allem diskreditierend: Blut, Morde, Folter, Holocaust und Exzesse. Es wird nichts biederes Gutes gezeigt. Nicht mal im Ansatz. Neu allerdings – und hier wird die Herkunft der Band-Mitglieder aus der DDR deutlich – ist auch das Darstellen von DDR-Parteikadern oder einem überdimensionalen Marx-Kopf im Hintergrund eines rollenden Panzers. Auch in der DDR steht Germania als Fahnenmaid im Politbüro mit am Tisch.  Die RAF hat ihren Moment, in der sie die ängstliche Germania als Geisel nimmt. Hier kriegt jeder sein fett weg – auch wenn man den islamistischen Terrorismus irgendwie vermisst. Der gehört ja leider mittlerweile auch zu »Deutschland«. In einer anderen Szene fressen Mönche von Germanias Körper auf fast kannibalistische Weise Sauerkraut und Fleisch, während unter dem Tisch Sado-Maso-Pimps mit Masken in einem Glaskasten zusammengepfercht sind. Ein beliebtes Motiv: Der sexuelle Trieb wird mit Fressen unterdrückt. Kurz vor Ende gebiert Germania dann noch Schäferhunde, bei der eine kardinalsartige Gestalt als Geburtshelfer fungiert. Diese vulgäre Form von »Kirchenkritik« durch Rammstein ist ein Thema für sich, dass ich jetzt hier nicht ausführlich behandeln möchte. Ich warte eigentlich darauf, dass die Missbrauchsthematik von Rammstein vertont wird. Die Hund-Symbolik kommt, wie auch die Raumfahrer, die ein gruftartigen Weltraum-U-Boot-Hangar erkunden, immer wieder vor. Hier zitiert Rammstein sich zum einen selber und zum anderen bedienen sie Motive von Wiedergeburt (1949!), Verwandlung und der kitschigen Hunde- statt Kinderliebhaberei vieler Deutscher. Am Ende schwebt Germania schneewittchengleich in einem Glassarg über den Planeten. Am Horizont sticht der rote Lichtstrahl ins Weltall.

Bevor es aber so leise ausgeht und von einer schönen Piano-Version von »Sonne« abgelöst wird, verschmelzen die verschiedenen Epochen in einer Explosion der Gewalt: SA-Männer schubsen gemeinsam mit Mitgliedern des Schwarzen Blocks ein Auto um. Molotowcocktails werden geworfen. Ritter und SEK-Kräfte prügeln sich untereinander und mit den Randalierern. KZ-Insassen schießen den SS-Männern und der SS-Germania in das Gesicht. In den prächtigen Bildern herrscht auch wieder der rote Lichtstrahl vor. Mächtige Eindrücke – aber mit welcher Aussage?

Es ist schwer Deutschland zu lieben.

So einfach ist es. Der Text ist da ziemlich unmissverständlich:
»Deutschland – dein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen

Deutschland -deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben«

Das Germania durch die schwarze Berlinerin Ruby Commey (Jahrgang ’91) dargestellt wird, ermöglicht die Möglichkeit einer ganz anderen Inszenierung von schwarz-rot-gold – was ästhetisch oft sehr gelingt. Anders wie in Großbritannien, wo eindeutige Gestalten der Nationalgeschichte der Diversity weichen mussten und jede historische Authentizität dem Zeitgeist geopfert muss, haben wir es hier mit einer rein symbolischen Figur zu tun. Da es schwarze Deutsche gibt, ist eine schwarze Germania in diesem Kontext auch passend und wird von Commey epochengrecht authentisch dargestellt. Von kaltblütigen, euphorischen bis fürsorglichen Äußerem, begleitet der Zuschauer Germanias Gemütszustände durch die Zeit. Lustig wird nur die erwartete Analyse des Videos aus dem Sexismus-Lager: Da Germania als Symbolfigur entsprechend martialisch bis aufreizend inszeniert wird, höre ich schon die Schnauf-Geräusche derer, die da Objektifizierung, Sexualisierung usw. ausmachen. Auch die Antirassismusbeauftragten werden sich schon zur Schanzung zusammenziehen: Wird doch hier der Körper einer »Afro-Deutschen« vermeintlich exotisierend und diskriminierend dargestellt. 

Rammstein liefert ein gutes Werk ab, was die Darstellung der Zerrissenheit vieler Deutscher in Bezug auf die deutsche Geschichte angeht. Dabei reflektieren sie das in einem popkulturellen Rahmen, der einige Zuspitzungen produziert und die Bildsprache der Gegenwart bedient. Handwerklich gut von Spectre Berlin umgesetzt. Angenehm ist dabei weiterhin ein gewisser Nonkonformismus gegenüber bundesdeutsch-moralischer Preziosität zu bemerken. 

Vor allem bedienen sie auf dem internationalen Markt mit diesem Lied und Video nicht nur ihre Marke sondern eben auch das Bild von Deutschland. Wegen diesem Lied werden sich doch wieder einige Menschen auf diesem Planeten anstrengen, Deutsch zu lernen. So wächst aus der ambivalenten-kritischen Inszenierung deutscher Gewaltgeschichte, mehr  Begeisterung füreinander und Völkerverständigung als aus einem Treffen der Jusos mit anderen Sozialsten.

PS: Nach dem ich mir für diesen Text das Video 15 mal angesehen/angehört habe, musste ich dann doch erstmal wieder eine ganze Runde Bach und seinem Brandenburger Konzert hören. Denn natürlich ist die deutsche Geschichte nicht nur schlecht.

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Bild: Screenshot Youtube

PPS: Ein echtes Schmankerl bei meiner Recherche war auch dieser Artikel von T-Online bzw. Der dpa: Da wird die erste Strophe des Deutschlandliedes mal wieder als »verboten« bezeichnet. xD

https://www.t-online.de/unterhaltung/musik/id_85484476/empoerungswelle-schwarze-frau-als-germania-kritik-an-rammstein-video.html

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