„Identity politics“ – ein Angriff auf unsere Identität

Angefangen hat wohl alles in den 1960er und 1970er Jahren in den USA. Schwarze Lesben taten sich 1974 in Boston zusammen und gründeten das «Combahee River Collective». Die Gründerin, Barbara Smith, wählte sich dabei einen strategisch geschickten Erinnerungsort für die Namensgebung aus: Mit der historischen Anspielung auf den Combahee River, an dem die Afroamerikanerin Harriet Tubman während des amerikanischen Sezessionskrieges schwarzen Sklaven zur Flucht aus den Südstaaten verholfen hatte, stellte sie ihre politischen Ziele in die Tradition der Sklavenbefreiung. Mit Sklavenbefreiung hatten jene aber ungefähr so viel zu tun wie die heutige Antifa mit dem antifaschistischen Widerstand während des Nationalsozialismus. Man braucht eben immer einen legitimierenden Gründungsmythos und am besten noch ein paar Märtyrer dazu. Immerhin forderten die schwarzen Lesben beim Staat eine Art Mengenrabatt für ihre gefühlte Mehrfachdiskriminierung ein, die sie einmal als Frauen, dann als Schwarze und schließlich noch für ihre sexuelle Devianz erleiden würden. Hier wurde die Urszene dessen gespielt, was seitdem als «identity politics» firmiert. Obwohl das Wort «Identität» darin steckt, hat das Gemeinte mit dem herkömmlichen Begriff von Identität kaum etwas zu tun, und schon gar nicht mit nationaler Identität. Identitätspolitiken – der Plural ist an dieser Stelle sehr charakteristisch – zersetzen die politische Identität eines Gemeinwesens bis zu ihrer vollständigen Dekomposition.

Die Strategie von «identity politics» besteht darin, den politischen Anspruch auf eine Extrawurst, d.h. konkret auf Maßnahmen positiver Diskriminierung und auf über die Rechtsgleichheit der Staatsbürger hinausgehende Privilegien, mit dem Hinweis auf natürliche Identitätsmerkmale zu begründen, die andere nicht haben. Ganz bewusst wird das Prinzip der Gleichbehandlung durchbrochen und die Wendung „ohne Ansehen der Person“ gestrichen; denn das Ansehen der Person spielt für identitätspolitische Propaganda die entscheidende Rolle: Je bunter, vielfältiger und abgedrehter jemand seine natürliche Identität verkaufen kann, in desto mehr Diskriminierungsgeschichten schreibt er sich ein und desto mehr Sonderbehandlungen kann er legitimerweise beim Staat einklagen. Er muss lediglich zwei Grundregeln beachten: Erstens muss er nachweisen können, dass er die Merkmale einer Minderheit zu bieten hat, die irgendwann einmal in der Geschichte unterdrückt worden ist; zweitens muss er glaubhaft machen können, dass sich kein anderer vorstellen kann, was es heißt, mit diesen Merkmalen leben zu müssen, z.B.: «Du kannst es als heteronormativer, weißer Cis-Mann absolut nicht nachvollziehen, als schwarze, alleinerziehende Lesbe zu leben!» Wer so spricht, zieht kognitive Demarkationslinien in die Gesellschaft ein, die dazu führen, dass es den Bürgern unmöglich wird, sich gegenseitig zu verstehen, und sie sich nur noch in Täter/Opfer-Kategorien wahrnehmen können. Denn die Hegemonie der alten weißen Männer trägt ja strukturell die Schuld daran, dass die eigenen Chancen auf ein gutes Leben limitiert sind. Also bleibt nur, diese Hegemonie mit allen Mitteln zu zerschlagen. Am Ende geht es nicht um die Herstellung von Gleichheit, sondern um die Umkehrung einer vermeintlichen Privilegienordnung zugunsten der eigenen rassischen oder sexuellen Minderheitengruppe.



Die Protagonisten können schlecht verbergen, dass sich ihre Bestrebungen im Kern um Rache drehen. Diese Rachegelüste lassen sich nur vor dem Hintergrund eines kollektiven Opfermythos verstehen, der folgenden Zusammenhang konstruiert: Da unsere Gruppe in der Vergangenheit immer schlechter gestellt war, habe ich heute als Nachfahre dieser Gruppe das Recht auf Besserstellung auf Kosten der Nachfahren der diskriminierenden Mehrheitsgesellschaft. Was hält die Opfergruppe im Endeffekt zusammen? Es ist gerade der inkriminierte Faktor «Rasse» oder der inkriminierte Faktor «Geschlecht», welche die Generationen dieser Unterdrückungsgeschichte zu einer «imagined community» verbinden. Um politisch wirksam zu sein, darf der kollektive Opfermythos kein bloßer Mythos bleiben. Daraus erklärt sich die unleugbare Rasse-Besessenheit der Antirassisten sowie die Geschlechts-Besessenheit der Antisexisten. Identitätspolitiker dieser Art sind, sobald sie sich als strukturelle Opfer rassischer oder sexueller Diskriminierung inszenieren, darauf angewiesen, sich auf ihr rassisches oder sexuelles Sein zu reduzieren und diese Kategorien, denen eigentlich die politische Relevanz abgesprochen werden soll, so radikal zu politisieren, dass die Gesellschaft entlang dieser Fronten in Freund und Feind zerfällt: LSBTTIQ-Menschen gegen heteronormative Cis-Männer, Schwarze gegen Weiße, Feministen gegen Männerrechtler usw. Im kollektiven Opfermythos, so macht es den Eindruck, scheint das Ressentiment selbst schöpferisch geworden zu sein, weil hier gefühlte Opfer (zumeist Opfer-Nachfahren) endlich zu Tätern werden wollen.
Identitätspolitik kann indessen nicht einfach als Erfindung der neulinken sozialen Bewegungen abgetan werden.

Die Idee, sich der Konstruktion eines kollektiven Opfermythos als Waffe und Denkmäntelchen im Kampf um Vorherrschaft zu bedienen, ist sicherlich älter. Was soll die Agitation des Ku-Klux-Klan in den USA anderes gewesen als eine Form von aggressiver Identitätspolitik, die danach strebte, auch mit gewaltförmigen und illegalen Mitteln ein auf Rasse begründetes «weißes Amerika» aufrechtzuerhalten? Ohne deren Abwehr hätten die Vereinigten Staaten es nicht geschafft, eine Republik rechtsgleicher Bürger auf der Grundlage von Freiheit und Gleichheit als gemeinsam geteilten Werten zu bilden, und möglicherweise muss dieser Selbstanspruch heute sowohl gegen identity politics der Neuen Linken als auch gegen racial politics des White-Supremacy-Flügels der Alt-Right-Bewegung verteidigt werden, die sich zu allem Überfluss noch gegenseitig aufzuputschen scheinen. Beide Seiten sind auf demselben Auge blind, indem sie eine verzerrte und missgeleitete Auffassung von politischer Identität besitzen. Identität wird kurzgeschlossen mit «status-based power», also mit der Chance, Anspruch auf Ressourcen und gesellschaftlichen Status anzumelden, indem man von Natur aus so und so ist oder eben nicht ist. Identität wird auf diese Weise zum Kapital degradiert, weshalb es vielleicht kein Zufall darstellt, dass identity politics eine Ausgeburt des Pionierlandes des Globalkapitalismus war. Es reicht offenbar nicht, eine Identität zu haben, man will auch etwas dafür haben, vorzüglich in Cash. Echte Identität dagegen zeichnet sich durch Selbstwert aus und muss wie eine große Erzählung immer wieder neu angeeignet werden. Alain de Benoist beschreibt sie mit den Worten:

«Genauso wie das Ich narrativ ist, konstruiert und entwickelt sich eine kollektive Identität entlang den Selbstdarstellungen, die sie von sich gibt. Sie ist keineswegs ein immergleicher Kern oder eine feste Größe, sondern sie gestaltet sich durch einen narrativen Prozess der Selbstbeschreibung. […] Dies geschieht durch eine ordnende Erzählung, die sowohl um die Erfassung des Selbst wie um die Erfassung des anderen bemüht ist. Die Aneignung des Selbst bedeutet, die Bedingungen wiederherzustellen, unter denen es wieder möglich wird, eine solche Erzählung hervorzubringen. Doch diese Aneignung ist wiederum niemals statisch, denn die kollektive Subjektwerdung geht immer eher von einer Entscheidung als von einer Handlung aus und eher von einer Handlung als von einem Umstand. Ein Volk besteht fort dank seiner Narrativität, indem es sich sein Wesen in sukzessiven Deutungen aneignet, im Akt des Erzählens zum Subjekt wird und dadurch verhindert, dass es seine Identität verliert. Mit anderen Worten, es verhindert, dass es zum Objekt in der Erzählung anderer wird.» (Alain de Benoist: Wir und die anderen, 2008, S.75-79)

Ich wäre bereit, im Rahmen einer erneuerten nationalen Meistererzählung des deutschen Volkes auch ein paar schwarze alleinerziehende Lesben als Teil davon zu akzeptieren – unter der Voraussetzung, dass sie darauf verzichten, ihr Schicksal zum Zentrum der Welt zu erklären, und sich damit begnügen, gleichberechtigte Bürger zu sein wie alle anderen auch, anstatt die Rechtsordnung mit ihrer Selbststilisierung zu chronischen Daueropfern zu durchlöchern. Die Identitätskämpfe sind längst über den großen Ozean nach Europa übergeschwappt und unsere Politik scheut weder Kosten noch Mühen, für den Massennachschub an potenziellen Opfergruppen zu sorgen, die uns mit ihrer «Check-your-privileges»-Phraseologie ein schlechtes Gewissen einzureden versuchen werden. Eine explosive Mischung, welche die Zentrifugalkräfte unserer ohnehin bereits gebeutelten nationalen Identität massiv zu verstärken droht und es zunehmend unwahrscheinlicher macht, dass die Deutschen das Subjekt ihrer Identitätserzählung bleiben werden.

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