Eine rote Aristokratie, die Revolution spielt

von Daniel von der Ruhr

Owens Jones, Journalist für den englischen Guardian und oft gesehenes Gesicht im Fernsehen, entstammt aus einer Familie von Kommunisten. Seine Eltern lernten sich in einer Gruppe militanter Trotzkisten kennen. Er selbst studierte, ist akademisch gebildet und verkehrt in den besten Kreisen der britischen High Society – er eilt von Sektempfang zu Galadinner, bevor er sich widerwillig zum nächsten Wahlkampfstand der Labour-Party karren lässt, wo er schwunglose Reden für einen demokratischen Sozialismus hält. Er gehört genau wie sein Freund Corbyn zu den Verteidigern der Diktatur in Venezuela und ist bekannt dafür, dass er gerne Adjektive aneinander reiht und sie seinen politischen Gegner an den Kopf wirft. Jones ist schwul, sehr wohlhabend und würde man ihn länger als ein paar Stunden mit den klassischen Arbeitervertretern seiner Partei in einem Raum einsperren, würden sie ihn schnell demaskieren.



Ein politischer Schauspieler, ein junger Aristokrat in einem Land, das die Aristokratie auf die Spitze getrieben hat. Er ist einer, der in seinem Privatleben keinerlei Verbindungen zum einfachen Mann oder zur einfachen Frau hält, aber sich anmaßt in ihrem Namen zu sprechen. So ähnlich machen das auch die Sozialdemokraten in Deutschland, die mit Frontfrauen wie Manuela Schwesig, Andrea Nahles und Typen wie Kevin Kühnert die Herzen ihrer Wähler gewinnen wollen.

Als ehemaliges Mitglied der SPD habe ich irgendwann erkannt, dass die Sozen von damals schlichtweg alt und satt geworden sind. Das gilt sowohl für England als auch für Deutschland. Beide Länder kenne ich ausgesprochen gut und habe viel Zeit in beiden verbracht. Früher kämpften die Sozis und Gewerkschafter durchaus noch für die Rechte der einfachen Leute, setzten sich ein im Kampf der Arbeiter und gegen den Abbau von Industrie und damit für den Erhalt von Arbeitsplätzen in strukturell schwachen Regionen. Nur sind sie schlichtweg alt und dick geworden, nachdem sie vielerorts den politischen Kampf gewonnen haben. Die Sozialdemokraten im Ruhrgebiet und in NRW sind Kinder eines spießbürgerlichen Akademikertums, die vor fünfzig Jahren den Aufstieg aus den sozial niederen Schichten geschafft haben. Sie sind irgendwann erfolgreich geworden und haben sich im republikanischen System ein Nest gebaut, sind umgezogen in die besseren Viertel und haben sich dort mit den akademischen Linken vereinigt. Die heutigen Sozen sind eine eigenartige Mixtur aus verhätschelten Wohlstandskindern und greisen Champagnersozialisten, die Revolution spielen wollen.

Bei den Grünen kann man zumindest sagen, dass sie nah an ihren Wählern stehen und einen guten Draht zu den urbanen Bürgerlichen haben. Die Sozialdemokraten hingegen sind so stark von ihren eigenen Wählergruppen entfremdet und von ihren eigenen Wurzeln abgetrennt, dass sie gar nicht merken, wie sie jene vergraulen, die sie mal gewählt haben. Sozis vom Schlage eines Kurt Gscheidle oder Georg Leber gibt es einfach nicht mehr. Als ich vernahm, dass auch Martin Schulz zum angeblich konservativen Seeheimer Kreis der SPD gehörte, dem ja auch Altkanzler Schmidt die Treue hielt, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Die SPD hat sich kulturell selbst besiegt. Nicht anders sieht es im industriellen Herz Englands aus, wo die weißen Arbeiter mehrheitlich für den Brexit und damit gegen die Linie ihrer eigenen Partei gestimmt haben. Auch in Großbritannien sind die Labour-Parteimitglieder eine eigenartige Mischung aus islamischen Fundamentalisten, harten Kommunisten und ideologisch wandelbaren Gewerkschaftern, die man eher zur neuen, roten Aristokratie zählen sollte.

In England spielt die Labour-Partei ganz offen mit revolutionärer Rhetorik. Sie stellt sich auf eine Veränderung der britischen Gesellschaft ein, die sie selbst mit der Politik von Multikulti zu verantworten hat. Ihre neuen Wähler glaubt sie in den sozial abhängigen Schichten der Migranten aus Zentralasien gefunden zu haben. Diese immer zahlreicheren Wähler sollen jene ersetzen, die sie mit ihrer Politik systematisch vergraulen. Ob diese Taktik wirklich so klug ist, wird sich zeigen.

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Foto: Marc Lozano, Flickr/ CC BY-SA 2.0

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