Der unverstandene Vater und seine Schuld

Gastbeitrag von Jan B. – Wahlberliner und Wirtschaftsjurist.

Mein Vater war ein Linksextremist. Er war ein Schülerrevolutionär in den 60ern und 70ern und blieb sein Leben lang Ideen treu, die ich als Erwachsener ab den Jahren 2004 und fortführend nur als erschreckend naiv bezeichnen kann. Von meiner Mutter trennte er sich früh und war bis zu seinem Tod nicht in der Lage eine normale Liebesbeziehung zu anderen Frauen zu pflegen. Stattdessen hangelte er sich von seiner sinnlosen Affäre zur nächsten und stand auch mit Ende 50 noch auf Demonstrationen für das Klima, gegen die Kohle, für die Flüchtlinge, gegen die AfD und für Bioproduktion in der Landwirtschaft. In seinem alternden Freundeskreis, der ausnahmslos aus Künstlern und Musikern bestand, bekam er dafür viel Anerkennung. Dass er sich durch seinen Mangel an Disziplin und Richtung im Leben um seine Ersparnisse brachte und später sogar das Haus unserer Großeltern, sein Haus, verkaufen musste, erfreute ihn sogar. Das Geld unserer Familie zu verschleudern bereitete ihm Lust. Ich habe erst sehr viel später verstanden, warum das so war.



 

Das Buch Raymond Ungers,  “Die Wiedergutmacher: Das Nachkriegstrauma und die Flüchtlingsdebatte”, hat mir die Augen geöffnet. Zum ersten Mal in meinem Leben glaube ich meinen Vater verstehen zu können. Sein Leben lang blieb er für mich ein Mysterium, das mich frustrierte und bis in die späten 20er ärgerte. Ich erkannte in Ungers Beschreibungen der transgenerationalen Schuld und der internalisierten Schuld der Nachkriegskinder sofort meinen Vater wieder, der sehr unter der Strenge und emotionalen Verschlossenheit seines eigenen Vaters zu leiden hatte. Er blieb Zeit seines Lebens ein mangelhaft triangulierter Mann, wie Unger es in seinem Buch erklärt. Ein Mann, der nicht korrekt und authentisch von seinen eigenen Eltern emotional gespiegelt wurde.

Mein Großvater, ein Hamburger, war um die 30 Jahre alt, als der Krieg 1945 endete. Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern oder Briten, ganz genau weiß ich es nicht, heiratete er meine Großmutter und die beiden Frischvermählten zogen in ein richtiges Herrenhaus in Westdeutschland, wo mein Vater wenige Jahre später als eines von zwei Kindern geboren wurde. Meinen Großvater und die Großmutter habe ich nie kennengelernt, kenne aber die buschigen Augenbrauen des Alten und die Geschichten. Er soll ein verschlossener und strenger Mann gewesen sein, der seinen Kindern zwar materiell viel gab, ihnen allerdings nie sagte, dass er sie liebte. Nach dem frühen Tod seiner Mutter wurde mein Vater als Ältester auserwählt, um den Zorn des Großvaters zu absorbieren. Seine Kindheit war geprägt von emotionaler Kälte. Denn sein eigener Vater konnte ihm nichts geben, was er selber nicht mehr empfinden konnte. Das Kriegstrauma, zusammengesetzt aus Gefangenenschaft, Verlust von Kameraden, Verlust von Heimat und großen Teilen unserer Blutslinie, haben ihn emotional verkümmern lassen.

Im Nachlass meines verstorbenen Vaters ( 2015 ☩) kam ich an die Briefe, die er und Großvater sich Ende der 70er noch schrieben, nachdem mein Vater schon ausgezogen war. Als Jugendlicher trat er damals irgendwelchen kommunistischen Studentenverbindungen bei, war dann kurz bei den Grünen und blieb danach bis zu seinem Tode parteilos. Insgesamt passte er in das Bild, dass die meisten Menschen von einem «Gutmenschen» haben. Er war immer ein es «gut meinender Mensch», der mit seinen guten Absichten häufig aber nur Schaden anrichtete und nicht verstehen konnte, warum seine Absichten und die Ergebnisse seiner Handlungen nicht miteinander korrelierten. Ich verstehe nun, dass sein Verhalten maßgeblich mit seinem eigenen Vater zu tun hat.

Mein Großvater war Mechaniker gewesen. Er hatte dann im Ostfeldzug viele schlimme Dinge gesehen und womöglich auch getan. Ab 1945 hatte er das Glück nicht in die Hände der Russen zu fallen, sondern sich den Westmächten ergeben zu dürfen, was ihm vielleicht das Leben rettete. Nach dem Krieg studierte er, baute einen Betrieb auf, scheiterte, fing neu an und brachte die zwei Kinder und die kranke Ehefrau noch einige Jahre durch. Er war ein ernster Kämpfer, der meistens schwieg manchmal sehr laut werden konnte. Diszipliniert, zäh und zurückhaltend, wenn man ihn nicht provozierte. Da er quasi in den Nationalsozialismus hineingeboren wurde, kannte er keine andere Welt außer die von Adolf Hitler und dann den Krieg.

Es muss irgendwann im Laufe der frühen 70er Jahre gewesen sein, wo Großvater sein Schweigen über den Krieg brach und einige Dinge erzählte. Darunter wohl auch die Geschichte, wie er damals nach 1945 an das Haus gekommen war. Eigentlich eine glückliche Wendung für unsere Familie, die nach dem Krieg nichts hatte. Aber für meinen Vater schien es so, als sei der kleine Wohlstand auf dem Verlust und Leid einer fremden Familie, womöglich jüdischer Herkunft, erbaut worden – ergaunertes Glück. Ganz sauber kann die Übernahme des Hauses nicht gewesen sein. In den Wirren nach 1945 ging wohl vieles über die Bühne, was heute nicht mehr möglich wäre.

In Kombination mit der Gefühlskälte und der Strenge des eigenen Vaters, für die er vermutlich selber gar nichts kann, entwickelte sich mein eigener Vater in die entgegengesetzte Richtung. Ihm fehlte als Jugendlicher eine positive Vaterfigur. Den Wohlstand seiner Eltern assoziierte er mit Diebstahl, was es ihm leicht machte meine Großeltern zum ultimativen Bösen nach Hitler zu brandmarken, nachdem er sich immer weiter von ihnen entfremdete. Er wollte sein Leben lang alles anders und besser machen als seine Eltern, sodass sein Weg in die linke Szene, die der «Wiedergutmacher», vorprogrammiert scheint. Mit der Pfändung unseres Familienhauses, bedingt durch seine unwirtschaftliche Lebensführung, war er durchaus sehr zufrieden, weil er den Verlust des Eigentums als Begleichung einer transgenerationalen Schuld betrachtete, von der er sich nun losgekauft hatte. Auch als 2014 und 2013 die Wellen des Mittelmeers immer mehr Fremde nach Europa trugen, begrüßte er diese Entwicklung als eine grundlegend positive. Ich habe das damals nicht verstanden und mich mit ihm darüber heftig gestritten. Er beharrte darauf, dass eine zunehmende Multikulturalisierung die «Vergangenheit bändigen» würde. Heute weiß ich sehr wohl, was er damit meinte. Es ging ihm um die Tilgung einer Schandtat, die er gar nicht verbrochen hat, die ihm aber unbewusst durch das Elternhaus und seine Umwelt weitergeben wurde. Dieses Gefühl von Schuld und der Mangel an emotionaler Wärme sorgte bei ihm dafür, dass er Zeit seines Leben versuchte für etwas Wiedergutmachung zu leisten, was er gar nicht richtig verstand und wofür er nicht verantwortlich war.

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Bild: Stiftung Haus der Geschichte / CC BY-SA 2.0

 

Am 21. November 2018 stellte Raymond Unger sein neues Buch „Die Wiedergutmacher – Das Nachkriegstrauma und die Flüchtlingsdebatte“ vor. Der Therapeut, Buchautor und bildende Künstler sprach über die nicht verarbeiteten Schuld-und-Sühne-Komplexe der deutschen Gesellschaft. Das generationenübergreifende Trauma der Baby-Boomer-Eliten habe zu den Entscheidungen von Angela Merkel im Jahr 2015 geführt, die seither die Gesellschaft spalteten und durch eine falsche Toleranz unsere Freiheit gefährdeten.

 

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