Artur Mahraun und der jungdeutsche Orden – oder was wir heute noch von ihm lernen können

Gastbeitrag von Tim Riewe

Artur Mahraun und der jungdeutsche Orden – oder was wir heute noch von ihm lernen können



 

Ich schlendere gerade durch die kleine Altstadt von Gütersloh, welche prinzipiell nur aus einer Ansammlung von Fachwerkhäusern besteht, die sich um die so genannte Apostelkirche reihen. Gütersloh, eine Stadt mit rund 100000 Einwohnern, liegt im Herzen Ostwestfalens und beherbergt u.a. die Zentrale des Medienkonzerns Bertelsmann und ist Hauptsitz der Firma Miele, dem einzig noch in Deutschland produzierenden Waschmaschinenhersteller. Vor einem Fachwerkhaus am sogenannten alten Kirchplatz bleibe ich stehen, denn eine Gedenktafel ist dort neben der Eingangstür in die Wand montiert, auf der an einen Artur Mahraun erinnert wird, welcher Begründer des jungdeutschen Ordens und der Nachbarschaftsbewegung war. 1945 – 1950 hat er in diesem Haus gelebt.

Nun der Name ist mir durchaus vertraut, denn in den Memoiren meines Opas hörte ich das erste Mal von ihm. Mein Opa, ein Bekannter Mahraun, war ebenfalls Mitglied des jungdeutschen Ordens und kannte ihn aus dessen Gütersloher Zeit. Mein Opa beschrieb ihn wie folgt: «Artur Mahraun wäre der ideale Führer für Deutschland gewesen. Aber er besaß nicht das Draufgängertum und die bodenlose Arroganz Hitlers, mit der dieser die Volksmassen verführte.» Nun natürlich hatte ich mich mit dem Thema Artur Mahraun und der jungdeutsche Orden schon viel früher befasst und es fasziniert mich bis heute auf eine gewisse Weise, die ich hier beschreiben möchte.

Mahraun, ein Oberleutnant a.D. (Jahrgang 1890), gründete nach seiner Heimkehr aus dem 1. Weltkrieg den jungdeutschen Orden, einen erst militaristischem Wehrverband mit deutsch-nationaler Ausrichtung. Mahrauns Ziel war es das gemeinsame Erlebnis im Schützengraben für die nationale und moralische Wiedergeburt Deutschlands ohne Klassen und Schranken zu nutzen. Er nahm sich dabei den mittelalterlichen Deutschordensstaat von der Struktur her als Vorbild, welcher durch seine für das Mittelalter hohe Staatskunst und Fürsorgepflicht gegenüber seinen Bürgern bekannt war. Dabei kann man feststellen, dass der jungdeutsche Orden auch in seiner Anfangszeit nie in Fundamentalopposition zur Weimarer Republik stand, denn er unterstützte die Regierung beim sogenannten Niederschlagen des rechtsextremen Kapp-Putsch.

Der echte Bruch mit der extremen Rechten kam allerdings erst ab 1925, als Mahraun zukunftsweisend «Der nationale Friede am Rhein» schrieb, wo er Vorschläge hervorbrachte, wie man sich mit dem Erzfeind Frankreich versöhnen könne und sogar ein gemeinsames Wirtschaftsbündnis vorschlug. Zu dieser Zeit entstand übrigens auch die erste europäische Einigungsbewegung, die konservative Pan-Europa Union. Der damalige Außenminister und erste deutsche Friedensnobelpreisträger Stresemann schlug in die gleiche Kerbe ein und suchte die Versöhnung mit Frankreich.

Mahraun wurde aber wegen seiner Versöhnungspolitik vom rechten Lager hart angegriffen und des Hochverrats angeklagt, aber nicht verurteilt.

1927 verfasste er das «Jungdeutsche Manifest – Volk gegen Kaste und Geld – Sicherung des Friedens durch Neubau der Staaten». Dort schlug er eine pyramidenförmige Staatsstruktur vor, die zumindest auf regionaler Ebene Bürgern basisdemokratische Entscheidungsbefugnisse zu sprechen sollte. Die Bürger sollten auf unterer Ebene, der sogenannten Nachbarschaft auch einen Anführer aus ihrer Mitte wählen, der die Nachbarschaft der Bürger dann auf der nächsthöheren Ebene, dem Stadtrat vertrat. Auch sollte er der Nachbarschaft die Probleme, die anstanden objektiv erklären, so dass sie dann in Ruhe und ohne Manipulation ihren Willen bekunden konnten.

Die pyramidenförmige Staatsstruktur dieses sogenannten Volksstaates sollte aus übereinander liegenden Gremien bestehen: Nachbarschaft – Stadt – Landkreis – Bundesland – Reich. Immer sollte der Gewählte von dem nächsthöheren Gremium bestätigt werden, der sogenannten Kur. So sollte also nur derjenige in Gremien aufsteigen können, der sich auch darum verdient gemacht hatte.So fanden sich in der Vorstellung des Jungdeutschen Ordens sowohl Elemente eines Führerstaates wie auch die einer Demokratie. Auch auf anderen Gebieten war die Einstellung der Jungdeutschen ambivalent. So war der jungdeutsche Orden zwar hierarchisch klar gegliedert, aber man trug keine Uniformen mit Abzeichen, man siezte sich nicht und man nahm einander wie Brüder an, später entstanden auch Schwesternschaften.

 

Doch wie entwickelte sich der jungdeutsche Orden weiter und was waren seine weiteren Ziele ?

Ende der 1920ger Jahre war er nun endgültig im Herz der Weimarer Republik angekommen. Hatte er sich Anfangs mit Aufgaben wie Wehrsport beschäftigt, so standen später kulturelle und folkloristische Veranstaltungen im Vordergrund. Allerdings verlor er als zweitgrößter nationaler Wehrverband nach dem Stahlhelm auch so mehr an Einfluss und an Mitgliedern. Die Mäßigung kam bei vielen seiner Mitglieder nicht gut an, die sich auch an anderen Entwicklungen zeigte:

Zwar durften Juden nicht Mitglied im jungdeutschen Orden werden, aber Mahraun äußerte sich auch sehr kritisch gegenüber dem sogenannten Raudau-Antisemitismus insbesondere der Nationalsozialisten. Später sprach er sich auch offen für die volle bürgerliche Gleichberechtigung von Juden aus. Er kritisierte die ständige Einflussnahme des rechten Hugenberg-Konzerns auf die deutsche Presselandschaft und so auch auf die Manipulation des sogenannten Volkswillen. Und er ging 1930 gar ein Parteienbündnis mit der linksliberalen DDP ein, um so die Weimarer Republik gegenüber den radikalen Rändern (sprich der KPD und NSDAP) zu stärken, obwohl er nicht viel von Parteien hielt.

Die Rolle des jungdeutschen Ordens nahm, wie schon erwähnt, Anfang der 1930ger Jahre permanent ab. Sie unterstützte, nach dem gescheiterten Versuch eine Partei mit der DDP zu gründen, bei den Wahlen zum Reichspräsidenten 1932 Hindenburg, der ja auch für die Mittelparteien von Weimar der einzige wählbare Kandidat war. Außerdem setzten sie sich für einen freiwilligen Arbeitsdienst ein, der viele Arbeitsprojekte startete. Arbeitslose sollten Land im Osten des deutschen Reiches rekultivieren. Mahrauns Motto lautete: «Wir sind kein Volk ohne Raum, aber wir haben viel Raum ohne Volk», was die hohe Arbeitslosigkeit in den Ballungsgebieten verringern sollte, doch das ostelbische Junkertum stemmte sich dagegen und wandte sich lieber dem Nationalsozialismus zu. 1933, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Artur Mahraun zwar noch einmal ein «Ehrengast» bei dem Tag von Potsdam eingeladen, aber er galt natürlich als ein unbequemer Oppositioneller. Er wollte den jungdeutschen Orden als unabhängige Organisation durch die schwere Zeit retten, bemängelte das Totalitätsstreben der Nationalsozialisten und empfahl dann doch letztendlich die Selbstauflösung des Ordens, um einem Verbot zuvor zu kommen.

Im Juli 1933 wurde er von der Gestapo verhaften, schwer misshandelt und kam nur mit knapper Not kurze Zeit später frei, da einige seiner Mitstreiter einen guten Draht zum Reichspräsidenten Hindenburg unterhielten. In der Nazizeit publizierte er noch heimlich unter anderem Namen einige politische Schriften, aber auch Science-Fiction-Romane, bis man seinen Verlag enteignete. Die letzte Zeit des Krieges verbarg er sich als Schäfer in der Magdeburger Börde, dem einzigen Berufsstand damals ohne behördliche Registrierung.

Nach dem Krieg fand er durch den Industriellen Güth in Gütersloh eine neue Heimat für sich und seine Familie. Hier formulierte er die Idee mit der Nachbarschaft als basisdemokratische Ergänzung zum alleinigen Parteienstaat neu, denn die Neugründung des Jungdeutschen Ordens hielt er für nicht mehr zeitgemäß. Die Vorstellungen, wie eine Nachbarschaft gestaltet werden könne, passten sich auch der neuen Zeit an. Nicht mehr ein Führer sollte gewählt werden, sondern ein Vorsitzender. Eine Nachbarschaft sollte aus etwa 500 gleichberechtigten Bürgern bestehen, wo man alles miteinander bereden könne. 1950 starb Mahraun dann an den Spätfolgen der Misshandlungen von den Nazis in Gütersloh.

Was bleibt den heute von dem Erbe Artur Mahrauns erhalten?

Und ich denke wir sollten dort wieder anfangen, wo er nach dem 2. Weltkrieg aufgehört hatte, nämlich dem Gründen von Nachbarschaften als eine ergänzende Institution zum allmächtigen Parteienstaat. Die Frage ist doch heute, wo kann man politisch mitwirken kann, ohne sich an eine Partei zu binden? Eine Politik, die die Probleme vor Ort löst, in einem überschaubaren Raum, wo auch Leute, die Linksgrün wählen mit AfDlern an einem Tisch sitzen können, um die Probleme zu lösen. Voraussetzung sind eine gewisse Sachlichkeit und Objektivität, raus aus der Filterblase. So manch ein Gutmensch würde vielleicht pragmatischer werden und so manchem AfDler würde ein bisschen die Angst vor Gewalt und Verbrechen genommen. Ja, vielleicht würden viele Deutsch-Türken dann auch von ihrem Sultan Erdogan Abstand nehmen.

Es könnte z.B. geklärt werden, wie viele Flüchtlinge die Nachbarschaft aufnehmen kann oder wie viel Flächenfraß durch Industrialisierung vermeidbar ist in Zusammenarbeit mit anderen Nachbarschaften. Ja, vielleicht wenn in Deutschland und Europa  Nachbarschaften gegründet würden und zusammen arbeiten, dann hätte auch Europa noch eine Chance: Beispielsweise beim Abstimmen über eine europäische Verfassung.

Lasst uns den Parteiismus überwinden! Denn darum schreibe ich auch hier, weil das Thema schon zu Young-German vom Namen her passt. Ich teile sicherlich in vielen Punkten nicht die gleiche politische Überzeugung wie das Autoren-Team, aber ich durfte hier diesen Beitrag schreiben und hoffe auf gute Resonanz!

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