Die Plastiksoldaten

Gastbeitrag von Emil M. – Dresdner, Mitte 30. Diente bis 2018 als Soldat der Bundeswehr.

Kennen Sie die Plastiksoldaten aus dem Spielregal? Bestimmt tun Sie das. Fast jeder Junge hat sie mal in der Hand gehabt. Sie sind meistens grün oder grau, die Konturen sind ein wenig unscharf und die Gesichter ziemlich zerknirscht. Ihre Uniformen sind fantasievolle Anlehnungen an reale Soldaten, zeigen aber in der Regel weder Dienstgrade noch nationale Symbole. Sie sind geschichtslose Figuren aus Kunststoff, die für drei Euro pro Tüte im Sonderangebot in der Restekiste verkauft werden. Ihre grünen Gesichter blicken stumm ins Nirgendwo und warten darauf, dass sie in einer Rümpelkammer Staub ansetzen.



2018 hatten wir ausländischen Besuch in unserer Kaserne. Soldaten der NATO, die mit bunt dekorierter Truppenfahne und Gesang geschlossen durch unsere Kaserne marschierten. Sie hatten eine sehr individualisierte Uniform, die die Tradition ihres Regimentes darstellte. Zu sehr will ich hier nicht ins Detail gehen, um die Anonymität und meine Funktion dort und damals zu verschleiern. Wenn Sie jedoch eine Vorstellung von den britischen oder italienischen Regimentern haben, haben Sie eine gute Ahnung wovon ich spreche. Im Gespräch mit den ausländischen Soldaten erfuhr ich, dass die Mitglieder des Regiments eine militärische Tradition pflegen, die Jahrhunderte zurückreicht und ungebrochen über den Zweiten Weltkrieg, den Ersten Weltkrieg und bis in die napoleonischen Kriege hineingeht. Ein ganzes Universum der militärischen Geschichte konzentrierte sich in dieser Einheit, deren heutige Mitglieder eine lange Tradition gerne und freudig fortführen.

Ein Jahr zuvor war ich in Georgia, USA, wo ich einen Freund und US-amerikanischen Kameraden besuchte, den ich im Einsatz kennengelernt hatte. Ein Einsatzsanitäter, der vielen Menschen dort das Leben gerettet hat. Ich bekam einen Einblick in die gut aufgebauten Reservistenkameradschaften in den USA, die Clubhäuser für Veteranen, sah Fotos von den Kasernen und von der Militärschule seines Sohnes, wo jede Wand nicht nur mit Rüstungen europäischer Ritter verkleidet ist, sondern glorreiche Panoramen vergangener Siege und großer Schlachten zeigt. Die historische Bildung des Sohnes sei umfassend, wurde mir erklärt.  Die Bilder vom jungen Mann in der militärischen Ausgehuniform waren sehr schön anzusehen. Dass der Sohn lateinamerikansicher Migranten in einer nordamerikanischen Armee dient, stört das Selbstverständnis der Armee dort nicht. Denn die individuellen Heldentaten lateinamerikanischer Soldaten in den Streitkräften der USA, genau wie die aller anderen ganz unabhängig von ihrer Herkunft, sind großteils bekannt. Die Kadetten befassen sich ausgiebig mit der Geschichte ihrer Armee, ihres Landes und auch anderen Nationen.

 

Cadets from the U.S. Military Academy at West Point march during the 57th Presidential Inauguration Parade along Pennsylvania Avenue starting at the U.S. Capitol to the White House in Washington, D.C., Jan. 21, 2013. (U.S. Army photo by Staff Sgt. Teddy Wade/ Released) DIGITAL

 

Kurz vor meinem Dienstzeitende leerten sich unsere Kasernen und die meist über viele Jahrzehnte hinweg gepflegten Vitrinen. Im Rahmen eines Bildersturms blieb meines Wissens kein einziges Gebäude der Bundeswehr vor den eifrigen Fingern der MAD-Kameraden verschont, die in Kooperation mit den Kasernenkommandanten dann dafür sorgten, dass so gefährliche und höchst bedenkliche Ausstellungsstücke wie Spielzeugmodelle von deutschen Panzern des Zweiten Weltkrieges oder Rotkreuzfahnen aus der Zeit von 1944-45 abgehangen und teilweise der Vernichtung zugeführt wurden. Beim Gang durch meine Dienststelle, denn nichts anderes ist es heute, standen die sowieso schon graublauen und weißen Hallen der Kaserne größtenteils leer. Hier und da hängen einige Fotos von gemeinsamen Aktionen im Verbund mit der NATO oder UN aus den Einsätzen der Bundeswehr bis zum Jahr 1990. Eine Geschichte vor 1980, selbst die Ära der deutschen Teilung, ist kaum noch zu finden. Die martialischeren Poster dieser Zeit, die bei zwei Kameraden aushingen, wurden auf Drängen des Zugführers ebenfalls abgehangen.

Der Kameradschaftsraum wird kaum noch betreten und dient lediglich als Abstellkammer für sportliche Andenken älterer Herren, die zu den hier dienenden Soldaten kaum noch einen Bezug haben. Am 03. Oktober des Jahres gab es ein kurzes Antreten, bevor man uns in den Dientschluss schickte. Ein Kamerad machte den Vorschlag, dass man vielleicht zum Abschluss gemeinschaftlich noch die Nationalhymne singen könnte. Dazu kam es nicht. Der Kompaniechef hatte es eilig und erklärte sich damit, dass er seine Tochter abholen wolle. Wir haben dann nicht gesungen und wurden mit einem lockeren «Bis Morgen Kameraden!» verabschiedet.

Ich habe gerne bei der Bundeswehr gearbeitet. Der Job war angenehm und  entspannt in den allermeisten Situationen. Die Kollegen sprachen in angemessener Umgangssprache, waren aneinander ansonsten mehrheitlich desinteressiert und die übergeordnete Führung hatte bis auf einige Hauptmänner und andere Dienstgrade in der mittleren Ebene sowieso nur die übliche Verachtung für die Angestellten übrig. Viel anders als ein Job in der freien Wirtschaft ist das eben auch nicht. Nur mit dem Unterschied, dass Geringqualifizierte sehr gut und Hochqualifizierte relativ schlecht bezahlt werden.

Aber als «Dienst» würde ich das einfach nicht bezeichnen. Weder ist dieser Dienst von der Mehrheit der Bevölkerung gewollt, noch kann man ihn als einen solchen bezeichnen. Er hat weder Ethos noch Mystik.

In den Jahren habe ich mich mehr wie ein Plastiksoldat der Armee XY in ZULU-CHARLY-Land gefühlt, als wie ein Dienender der Bundesrepublik Deutschland.

 

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