Und plötzlich bist du “rechts”

 

von Daniel von der Ruhr 

 

Vielleicht kennen Sie das auch. Sie sitzen oder stehen beim Kaffee mit den Kollegen, die Kaffeemaschine summt angenehm und irgendwie, keiner weiß genau wie es dazu kam, sprechen alle über Politik. Im letzten Jahr passierte mir das im Kreis unserer Firma, als gerade Besprechungspause war und alle sich Kaffee oder Kippe gönnten.

Wer mich einmal gesehen hat, würde mich wohl niemals für einen sogenannten «Rechten» halten. Meine Haare sind etwas länger, der Bart ist ungepflegt und ich gelte in meinem Freundeskreis (oder galt!) als unverbesserlicher Idealist. Ein sozialdemokratischer Kerl aus dem Ruhrpott, der auf Festivals seine halbe Jugend verbrachte, gerne auch mal das eine oder andere Büschel rauchte und auch im Rahmen der Dienstzeit bei der Bundeswehr im Ruf stand eine ziemlich linke Socke zu sein. «Linkssein» bedeutet für mich, dass man sich der Idee einer solidarischen Gesellschaft verpflichtet, in der Egalitarismus, also gleiche Chancen und Gleichbehandlung, Werte sind, die es zu achten gilt. Ich verstehe mein «Linkssein» als Verteidigung der Aufklärung gegenüber rückständiger Einflussnahme archaischer Interpretationen von Religion, obwohl ich selbst katholisch bin.  Meine Haltung zur Einwanderung hat sich seit den späten 1990er Jahren eigentlich nicht geändert. Ich erachte sie in Maßen und wenn sie nach guten Regeln verläuft, als positive Kraft. Schließlich wanderten auch meine Urgroßeltern als sogenannte Ruhrpolen einst ein. Mittlerweile reicht unser Stammbaum jedoch über ganz Europa und wir sind so eingedeutscht worden, dass eigentlich kein Mensch auf die Idee kommen würde, dass wir einst polnische Vorfahren hatten. Niederländische, deutsche und italienische Blutslinien haben sich mit der unseren verbunden. Unsere Herzen schlugen aber immer schon für Deutschland. Wirklich antideutsch war ich nie. Mein Patriotismus war nie enorm ausgeprägt, aber die Verbundenheit zur Heimat und eine Zuneigung zu Deutschland sind für mich das Normalste auf der ganzen Welt. Und in all diesen kleinen Nuancen liegt wohl das Problem unserer Zeit. Denn Sie müssen wissen, dass ich jetzt trotz Jugendjahren als Punk, ehemaliger Mitgliedschaft bei der SPD als Rechter verschrien bin.

«Ich mag Merkel nicht»

Das kam ganz unerwartet. Denn ich hatte mich noch nie vorher zur AfD oder CDU bekannt. Meine Ansichten sind über die Jahre relativ konsistent geblieben. Aber als die Diskussion an der Kaffeemaschine losging, sagte ich bei Gelegenheit etwas Ketzerisches. Ich murmelte hinter meiner Kaffeetasse: «Ich mag Merkel nicht. Sie sollte zurücktreten.»

Die Aufgeweckteren unter Ihnen, verehrte Leser, werden jetzt vielleicht lachen und sagen: «Der Dummkopf! Ist doch klar, dass dann die Hölle losbricht!»

Nur war ich selbst im letzten Jahr noch nicht abgebrüht genug, um die giftige Reaktion richtig zu verstehen, die mir plötzlich entgegengebracht wurde. Denn da stand ich nun inmitten von einem halben Dutzend verdutzter Gesichter, die mich anblickten als wäre ich der Reichsführer SS persönlich. Als ich versuchte meine Aussage zu Angela Merkel mit Argumenten zu verteidigen, beispielsweise, dass sie keine solidarische Politik mache, den Sozialstaat durch falsche Akzente bei Migration und Wirtschaft schädige, machte ich es nur schlimmer. «Bist du übergelaufen zu “DENEN”?» fragte mich eine Kollegin, während ein anderer Kollege mich daran erinnerte, dass mein Argumentationsmuster ja «nah dem der AfD» sei und ob ich denn wüsste in welche «geistige Nähe» ich mich hier begeben würde – nämlich die der «rechten Brandstifter».

Ich war wirklich ehrlich schockiert über diese Reaktion vom Kollegium. Plötzlich und ohne, dass ich mein eigenes politisches Koordinatensystem verändert hatte, war ich durch eine oder zwei Aussage zum «Rechten» erklärt worden. Es folgten sogar Mediationsgespräche mit der Führungsebene der Firma, wo mir meine Aussagen vorgehalten wurden. Konsequenzen abseits böser Blicke gab es zwar nicht, doch werde ich seither im Gang eher gemieden und man verdreht bei vielen Aussagen, die ich so tätige, die Augen, als wären sie automatisch falsch, nur weil sie von mir stammen.

Heute scheint es so, als würde man die politische Feinderkennung nur noch anhand weniger Kriterien vornehmen. Das ganze politische Koordinatensystem von «links und rechts» ist hinfällig geworden und ohne jede Bedeutung. Es zählt nur noch ob man für die derzeitige Regierung ist oder aber gegen sie. Dass zur Demokratie auch gegenteilige Ansichten gehören, die dem Kurs der Regierung zuwider sein könnten, spielt offensichtlich gar keine Rolle mehr. Man wird zum «Rechten» erklärt, obwohl man sich selbst dort nie verortet hätte. Diese politische Standortbestimmung habe ich nachträglich an mir vornehmen müssen, weil ich unabhängig von meinen eigenen Ansichten von meinem Umfeld bei den «Rechten» eingeordnet wurde. «Rechts» ist man scheinbar in der Bundesrepublik momentan, wenn man die schwarz-rot-goldene Fahne achtet und Merkels Rücktritt herbeisehnt.

 

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