Ein Christenmensch in Westeuropa

 

von Ignatius



Während meiner langen Wanderschaft über den Jakobsweg, kurz bevor ich Lourdes erreichte, machte ich einen Abstecher zum Geburtsort meines Vaters, dem Heimatdorf meiner Großeltern in der Occitanie. Das Dorf an sich existiert so nicht mehr. Es hat sich in Richtung der Ballungszentren bewegt und nur wenige Häuser wurden 2017 noch von alten Pärchen, den einheimischen Franzosen, bewohnt. Ich fragte mich also durch, um in Erfahrung zu bringen wo denn die alte Kirche zu finden sei. Nur noch das Fundament könnte man sehen, erzählte mir eine Herr am Gartenzaun und wies mir den Weg freundlicherweise. Umringt von jungen Bäumen und zugewachsen mit Efeu fand ich sie dann. Ein paar weißgraue Steine, die vom Zahn der Zeit angefressen waren und versteckt im Gestrüpp lagen. Nicht einmal die Grabsteine hatten man stehen lassen. Nichts war geblieben. Tausende von Kirchen sollen in den letzten Jahren in Frankreich aufgrund der schwindenden Anzahl der Christen abgerissen worden sein. Beim über die Schulter schauen beantwortete sich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Kunde. Wer außer ein paar alten Menschen, die aus der Zeit gefallen sind, würde diese Kirche noch besuchen?

Am Fundament stehend suchte ich vergeblich eine halbe Stunde lang nach einem Hinweis auf meine Familie, fand aber nichts außer Gras und Gerümpel. Wie eine Müllhalde bot sich der Platz da, wo meine Großeltern geheiratet hatten, wo mein Vater getauft worden war. Wo viele Generationen meines Vaters Familie gelebt und geliebt hatten. In dem Moment, wo ich nichts mehr fand außer Schutt und feuchtes Gras, wurde mir die Schwere dieses Moments und unsere Lage in Westeuropa wirklich erst klar. Und ich fiel nieder auf die Knie, um in Tränen auszubrechen. Ich kann von mir behaupten viele schlimme Dinge im Auslandseinsatz gesehen zu haben, die einen Mann zu Tränen hätten rühren müssen. Stets hatte ich mich dieser Schwäche verweigert. Aber als ich erblickte, was von uns, meinen Vorfahren und unserer Kirche übrig war, gab es kein Halten mehr. Ich fühlte mich in diesem Augenblick wie der letzte Christenmensch in Westeuropa, der wie nach der Apokalypse über die mit Schwefel beladene Erde wandert.

Vor einigen Tagen sprach der deutsche Kardinal Marx davon, dass wir Christen, wir Katholiken, Abstand nehmen müssten vom Begriff des «christlichen Abendlandes». Seine Worte riefen mir in Erinnerung, dass ich auf dem Rückweg vom Heimatdorf meiner Vorfahren am nächsten Ballungszentrum, keine fünfzehn Kilometer gentfernt, vorbeikam. Dort bot sich mir der Anblick der glücklich verzückten Gesichter unzählbar vieler Muslime, die auf dem Weg in die im weißen Beton errichtete Moschee waren. Mit ihren Kutten und alabasterfarbenen Takken, die mit orientalischen Mustern bestickt waren, wirkten sie wie eine Heerschar auf dem Marsch. Ich stand hilflos an der Straße und blickte auf ihre Anzahl. Sie waren viele. Ihre Zahl war Legion.

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Bild: Roland Darré / CC BY 2.0