Die träge Gesellschaft – Warum der “Vor-Merz“ keinen echten Frühling gebracht hätte und was meine eigene Familie damit zu tun hat (Teil 2)

Gastbeitrag von “Gedankensplitter”

Teil I findet sich hier : https://younggerman.com/2018/12/27/die-traege-gesellschaft-gastbeitrag/



 

Das Umfeld meiner «Familie vom Dorf»: katholisch und apolitisch. In dieses Umfeld wurde mein Vater als erstes von mehreren Kindern geboren. Nach der Volksschule machte er als erstes Mitglied der Familie das Abitur. Es folgten Wehrdienst, die Verpflichtung als Zeitsoldat und schließlich sogar der Status des Reserveoffiziers.

Danach besuchte er die Universität. Die wilden 68er waren gerade vorbei – der Marsch durch die Institutionen hatte begonnen. Als Student war man rot, zumindest aber hoch politisch. Die alles interessierte meinen meinen Vater nicht, er studierte stringent bis zu seinem Abschluss durch. Danach begann das Berufsleben, er heiratet meine Mutter (die aus einem ziemlich ähnlichen Umfeld stammt), ich wurde geboren, es folgten meine Geschwister. Politisch hat sich in meiner Familie niemand engagiert. Gewählt wurde schon immer schwarz, manchmal gelb (wenn es mal wieder eng wurde mit dem Einzug ins Parlament) ein paar mal «heimlich» rot.

(Mein Vater: «Ich habe den Helmut Schmidt immer gemocht! Der hat nicht nur geredet, der hat mit Sachverstand gehandelt. Besonders bei der RAF.»).

Ich teile die konservativen Ansichten, die mit diesem Lebensweg verbunden sind. Ich habe nie das Bedürfnis gehabt gegen irgendetwas rebellieren zu müssen, den Aufstand gegen «Kapital, die Kirche, Patriarchat» oder sonstige vermeintlich echte oder eingebildete Feindbilder proben zu müssen. Ich bin sogar ziemlich stolz auf das, was meine Eltern geleistet haben und in welchem Umfeld sie mich aufzogen. Für mich ist und war dieses Umfeld Normalität. Mit meinem Besuch der Universität wurde ich mit der neuen und bunten und bundesrepublikanischen (Hochschul-) Welt konfrontiert. Hier wurde für mich zum ersten mal ein Unterschied zwischen mir und meinem Vater klar, der zunehmend an mir knabbert. Mein Vater ist eine konservative Erscheinung der bundesrepublikanischen Ära. Er ist konservativ aus dem Umfeld heraus, aus dem er stammt. Er ist dort einer von vielen gewesen – Teil des «Mainstream». Ich teile seine Ansichten, doch gehöre ich damit heute zur gesellschaftlichen Minderheit. Er hat sich nie großartig darüber Gedanken gemacht, ob das was er tut politisch ist. Probleme im privaten oder beruflichen Leben hatte er aufgrund seiner Einstellung nie. Seit dem ich offen dazu stehe, dass ich AfD wähle (was mich schon Freundschaften gekostet hat), äußerte mein Vater sich mir gegenüber erstmals grundsätzlich über seine politischen Ansichten.

Er sei bezüglich der heutigen politischen Situation zwiegespalten: «Was die CDU macht, ist nicht in Ordnung!» Die AfD als konservative Alternative scheide für ihn aber grundsätzlich aus. Ich solle zudem bloß aufpassen wem ich meine Ansichten anvertraue, gerade bei meinen Eltern Zuhause im Umfeld. Man kenne sich hier schließlich – und da spiele es auch eine Rolle, was die Kinder so täten! Zudem schieße ich mit meiner Meinung bei vielem über das Ziel hinaus. Mit dem Islam könne man sich sehr wohl arrangieren, die Zeiten änderten sich überhaupt nun einmal und wenn es schon nicht gut ginge … er sei immerhin schon deutlich im Rentenalter und würde das alles im Falle eines gesellschaftlichen Scheiterns nicht mehr aktiv miterleben. Ich war ziemlich baff. Ich hatte einen wichtigen Mechanismus übersehen, der das Weltbild meines Vaters anscheinend beeinflusst: Was die Nachbarn – die Anderen – sagen, ist wichtig, sehr wichtig! Und ansonsten: Nach mir die Sintflut!

Ich erkenne in seinen Äußerungen das Funktionsmuster «des Bourgeois […], der die gesellschaftlich dominanten Werte und Ideologien ungeachtet ihres Inhaltes akzeptiert. […] In normalen Zeiten verleiht er Staat und Gesellschaft die notwendige Trägheit, an der der allzu hektische Veränderungswille der Linken sich totläuft […].» Früher in den 70ern, nach 68, waren im Umfeld meines Vaters die Linken die Störer – die Anrüchigen. «Wehe aber, die Linke selber definiert, was gesellschaftlich dominant ist: Dann fällt der Bourgeois als Widerlager aus !» (Quelle)

Heute sind Leute wie ich die Störer – die Anrüchigen. Ich habe mit dem Weltbild meines Vaters nicht gebrochen, teile es bis heute. Die gesellschaftliche Dominanz aber hat sich verschoben.

Ist mein Vater ein conservative by birth, so bin ich heute nur noch ein conservative by choice. Mein Vater hat in meinen Augen alles richtig gemacht. Ich hadere aber zunehmend mit der Frage, ob mein Vater unter anderen Umständen auch ein conservative by choice geworden wäre.

 

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