Erinnerungen an den 7. Januar und Charlie Hebdo

Am 7. Januar 2015 um 11:30 Uhr drangen Saïd und Chérif Kouachi in das Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo ein. Sie verschossen 7,62 mm Munition aus Zastava M70 Waffen, die auf der Kalaschnikow basieren. Insgesamt 31 Patronen fand man am blutbefleckten Tatort, an dem 10 Personen brutal ermordet wurden. 7,62 mm Patronen sind groß und reißen auch große Löcher in die Menschen, die sie zerfetzen. Mit dem Schlachtruf «Allahu Ackbar!» und «On a vengé le prophète!» töteten die beiden in Europa sozialisierten Brüder im Namen des Islam und läuteten zumindest für alle sichtbar den Beginn des islamischen Terrors auf dem alten Kontinent ein. Auch vorher hat es schon immer wieder mal Angriffe gegeben. Aber nach Charlie Hebdo nach die Schlagzahl zu, die Frequenz wurde erhöht. Es folgt Bataclan, Nizza, London, Manchester, Berlin, Stockholm und etliche weitere Attacken, deren Zahl und Dimension beinahe nicht zählbar ist. Da sind die vielen Angriffe brutalisierter Männer aus dem Orient, die hier mit Messern hantieren oder in Gruppen auf der Kölner Domplatte zu richtigen Hetzjagden blasen, noch gar nicht erwähnt.

Ich habe schon Anfang 2012 oder Ende 2011 von Charlie Hebdo gehört. Damals befasste ich mich durch meine Grenzerfahrungen in Berlin zunehmend mit dem Islamismus in Europa, dessen Tentakel sich scheinbar unsichtbar ausbreiteten. Die Diskussion um das Scheitern der Integration vieler (nicht aller) Muslime, die Bildung von festen Parallelstrukturen mit national-religiösen Zügen und die drohende Gefahr eines Dschihads in Europa, stand da noch in den Kinderschuhen. Zuhören wollte da kaum jemand und gesprochen haben nur die, die nichts zu verlieren hatten oder mutiger waren, als die meisten anderen Zeitgenossen. Als ich von den Brandanschlägen auf die Redaktion las, von den Morddrohungen gegen die Journalisten, weil sie mit Karikaturen angeblich den Propheten verhöhnt hatten, habe ich damals ihren Tod schon vor Augen gehabt. In meiner Vorstellung wären sie in ihrer Redaktion verbrannt oder bei einem Bombenanschlag gestorben. Die Realität war schlimmer. Und doch muss ich ehrlicherweise sagen, dass der Angriff auf Charlie Hebdo, die Helden der Meinungsfreiheit, mir eine große Last von den Schultern genommen hat. Schließlich hatte ich jahrelang geglaubt einen ziemlich einsamen Kampf zu führen und zusammen mit sehr wenigen auf Probleme hinzuweisen, die andere Partout nicht sehen wollten oder konnten. Wie konnten intelligente Mitmenschen, die eine ähnlich gute Bildung wie ich genossen hatten, auf das selbe Westeuropa wie ich blicken und doch etwas völlig anderes sehen. Ich fürchtete mich davor, dass ich womöglich falsch liegen könnte. Die Wahrscheinlichkeit bestand ja, dass die multikulturelle Fantasie, die Vision linksgrüner Ideologen, doch genug Anziehungskraft ausüben konnte und der Neoliberalismus auch den Islamismus abschleifen würde, wie er das mit den tradierten Identitäten der Europäer getan hat.

Aber als sich die Projektile in die Körper der Journalisten bohrten und ich die ersten Bilder im Fernsehen sah, die ich Zeit meines Lebens nicht mehr vergessen werde (ähnlich wie der 11. September 2001), wusste ich, dass ich mich nicht geirrt hatte. Das war, auch wenn das jetzt grausam klingt, ungemein erleichternd. Denn meine Sorge um Europa und die Mitmenschen hier war nicht unbegründet gewesen. Ich hatte keine Gespenster gesehen und meine erlebte Realität spiegelte tatsächlich einen sehr wahren Teil der Gesamtrealität wieder. Die anderen waren es, die mir immer wieder beschwichtigend zugerufen hatten, dass all die Kritik unnötig und die Sorgen unbegründet waren.  Als der Streifenpolizist Ahmed Merabet, Gott hab ihn selig, die Schüsse in der Redaktion vernahm, eilte er pflichtbewusst zum Tatort und wurde sofort niedergeschossen. In einem Amateuervideo eines Anwohners, der alles vom Balkon filmte, als die Redakteure schon lange tot oder schwer verletzt waren, sieht man Ahmet Merabet noch im zähen Widerstreben und Aufbegehren den Kopf heben. Dann erschießen ihn die Terroristen kaltblütig mit einem gezielten Kopfschuss im Vorbeigehen, als wäre das ein Kinderspiel für sie. Und die beiden Brüder, das wissen wir heute, haben ihre Erfahrungen im Nahen Osten gemacht und durch die offenen Grenzen Europas mit in die französische «Heimat» nehmen können.

Einen Tag später, am 08. Januar, starb Clarissa Jean-Philippe (26) durch die Schüsse eines weiteren Islamisten, der die junge Französin auf offener Straße hinrichtete. Die Polizistin befand sich gerade bei einer Routinekontrolle von Autos am Gehweg und sah ihr Ende nicht kommen. Irgendwann später habe ich einmal die Verwandten oder Freunde der jungen Frau vor ihrem Grab oder bei ihrer Trauerfeier gesehen. Das Weinen der Angehörigen hat sich irgendwie in meine Seele eingebrannt.

Kürzlich äußerte sich Jürgen von der Lippe, der Kabarettist, über den Islam und warum er keine Witze über diesen machen würde: «Doch selbst wenn ich [genug ins Thema Islam eingelesen] wäre, würde ich mich wohl nicht trauen. Da ist mir mein Leben wichtiger als ein guter Gag.» Ich denke, dass die Brüder Kouachi leider trotz aller mutlosen und hochtrabenden Lippenbekenntnisse unserer Funktionseliten, beispielweise die von Elmar Brok( Mein Name ist Elmar, und ich lasse die Terroristen nicht gewinnen – Achse des Guten ), einen Etappensieg über die Freiheit des Wortes und die Gedanken erlangt haben. Eher kriegen Lügner wie Relotius und Robert Menasse noch Preise, obwohl diese Leute über Jahre hinweg die Öffentlichkeit als Journalisten mit erfundenen Zitaten, Reportagen und anderem Unfug getäuscht haben. Aber es gehört auch kein Mut dazu ein Linker oder vermeintlich Linksliberaler zu sein. Liberal ist man im Zweifel da sowieso nicht, wenn es um die Meinung der Andersdenkenden geht und Unpersonen wie Frau Anja Reschke haben eh nichts zu befürchten, außer die wütenden Worte entmachteter Männer. In meinen Tagträumen kann ich mir gut vorstellen, wie Frau Reschke in einem anderen Leben und einer anderen Epoche in die Rolle einer Politkomissarin geschlüpft wäre. Die richtige Geisteshaltung und genügend Arroganz besitzt sie. Vielleicht können sie und Dunja Hayali ja 2035 Ehrenmitglieder oder Dozenten an der womöglich bald wiedereröffneten Militärpolitischen Hochschule (MPHS) «Wilhelm Pieck» in Berlin werden. 

Da gehören die beiden Journalistendarsteller eher hin. Hayali und Reschke auf eine Stufe mit Stéphane Charbonnier und den anderen Märtyrern der Freiheit zu stellen, die am 7. Januar getötet wurden, wäre Verrat an den Toten.

Wir leben in einem Irrenhaus.

 

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