Nietzsche und das Dilemma der Wertintegration

Unsere Gesellschaft ist ihrem Selbstverständnis nach eine wertintegrierte Gesellschaft und demnach betrachtet sie «Werte» als Allheilmittel all ihrer Integrationsprobleme, auf die sie infolgedessen mit einem anschwellenden Crescendo von ubiquitärer Wertrhetorik antwortet. Der «deutsche Kulturrat» betont, dass eine Einwanderungsgesellschaft, die wir auf einmal sein sollen (schon der erste untergejubelte «Wert»!), ein «Wertefundament» nötig habe, nämlich konkret die «allgemeinen Menschenrechte» und «Grundrechte», in denen sich unsere «Grundwerte» ausdrücken. Integration von Flüchtlingen heißt dann einfach nur, dass sie diese Grundwerte verinnerlichen und – schwuppdiwupp sind sie integriert und Mitglieder der deutschen Gesellschaft. Auch die Kopfgeburt des sogenannten «Verfassungspatriotismus» beruht auf dem Gedanken, dessen Vater wie so oft der fromme Wunsch ist, dass dasjenige, was Deutschland im Innersten zusammenhält, ein Kernbestand gemeinsamer Werte ist, der sich in den Gesetzen und Institutionen unserer politischen Ordnung manifestiert hat. Transnational sind wir Teil der «westlichen Wertegemeinschaft». Genauer betrachtet sind deren Werte das Überbleibsel der interstaatlichen Integrationsideologie des Kalten Krieges, in dem sich der freie Westen gegen das östliche Reich des Bösen profilieren musste. Selbst die Spaziergänger von Pegida rechtfertigten ihre Demonstrationen damit, dass sie die Werte des christlichen Abendlandes verteidigen wollten. Es waren aus Sicht der politisch-medialen Eliten nur die falschen Verteidiger. Besonders dreiste Vertreter behaupteten sogar, es seien gar keine – nach dem Motto: Nur wir weltoffenen Menschen haben Werte, die anderen sind an sich wertfeindlich.

An diesen Beispielen wird deutlich: Es gibt kaum etwas Schwammigeres als Werte. In gewisser Weise muss man sogar sagen: Es gibt sie in gewissem Sinne gar nicht, obwohl wir kaum umhinkommen, uns auf sie zu berufen. Vor allem wenn es darum geht, zu bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht. Die Auseinandersetzung um die wahren und falschen Werte nimmt nicht selten eine religiöse Dimension an. Sie weisen auf Glaubensfragen zurück, zu ihnen muss man sich bekennen. Und dennoch sind sie etwas, was erst einmal in der Sprache erzeugt wird, Konstrukte und keine Dinge in der Welt, auf die man mit dem Finger zeigen könnte. Niemand hat das klarer gesehen als Friedrich Nietzsche. Der Begriff des Wertes hat seinen Ursprung in der ökonomischen Sphäre, in der sein Verhältnis zum „Preis“ zu bestimmen war. Relativ spät, erst im 19. Jahrhundert, hat die Moral den «Wert» für sich entdeckt und usurpiert. Plötzlich gab es Werte an sich. Doch woher kommen sie und wer legt sie fest?
Da der Mensch nach Nietzsche das «abschätzende Tier an sich» ist, sind seine Werte subjektive Setzungen, die zunächst nur für ihn gelten:
«Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Böses. Wahrlich, sie nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom Himmel. Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, – er schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich ‚Mensch‘, das ist: der Schätzende. Schätzen ist Schaffen [….].»



Solche Wertschätzungen sind naturgemäß perspektivisch und nicht objektiv, da sie unserem eigenen Leben und seinen existenziellen Interessen entspringen: «Wenn wir von Werthen reden, reden wir unter der Inspiration, unter der Optik des Lebens: das Leben selbst zwingt uns Werthe anzusetzen, das Leben selbst werthet durch uns, wenn wir Werthe ansetzen.» Nietzsche spricht vom «Willen zur Macht», in dessen Dienst unsere Wertschätzungen oder Wertsetzungen als seine Folgen und engeren Perspektiven stehen. Hinzu kommt, dass Werte natürlich nicht im luftleeren Raum gebildet werden, sondern sich in der sozialen Mitwelt kristallisieren, in der wir ständig unsere eigenen Wertpräferenzen mit denen der anderen ver- und abgleichen müssen. Dabei gibt es zwei grundlegende Möglichkeiten. Entweder kann ich meine Werte gegen die der anderen durchsetzen oder ich nehme die Werte anderer an – was meistens der Fall ist.
Die entscheidende Problematik, die mit den Werten verbunden ist, wird in modernen Gesellschaften offenkundig und in höchstem Maße virulent. Wenn Werte lediglich Setzungen sind, bleiben sie wesentlich subjektiv, interpretationsoffen und unverbindlich. Jeder Einzelne und jede Gruppe setzt andere Werte und selbst in dem Fall, in dem man sich auf einen nach dem Wortlaut gleichen Wert beruft, bedeutet das noch lange nicht, dass ihn jeder auf die gleiche Art und Weise versteht. Obwohl die Freiheit im Wertekatalog jeder politischen Bewegung oder Partei ganz oben steht, dürften hier jeweils unterschiedliche Freiheitsverständnisse gemeint sein, über die kein Konsens erzielt werden kann. Eine eineindeutige Definition von Werten ist so gut wie unmöglich und in dem Maße, in dem eine solche versucht wird, drohen sie sich zu Ideologien zu verfestigen. Eine Ideologie scheint zwar die Schwierigkeit der notorischen Unbestimmtheit von Werten aufgelöst zu haben, indem sie zementierte Wertehierarchien zu bieten hat, die klar besagen, welcher Wert dem anderen vorzuziehen ist; aber das nur um den Preis, dass ein Wert auf Kosten der anderen dergestalt verabsolutiert wurde, dass eine Teilperspektive so tut, als wäre sie das Ganze, ohne es wirklich sein zu können. Unsere modernen Gesellschaften reagierten auf das blutige Zeitalter der Ideologien, indem sie den Wertepluralismus anerkennen, d.h. eine Konstellation, in der sich Werte ständig verflüssigen, wandeln und neu justieren. Das setzt voraus, dass unser Wertehimmel so polytheistisch ist wie der antike Olymp. Jeder Wert ist im Prinzip gleichermaßen gültig. Die Kehrseite von «gleich gültig» ist allerdings «gleichgültig»: Es wird darauf gesetzt, dass sich die im Umlauf befindlichen Wertorientierungen gegenseitig relativieren und sich auf diese Weise kein ideologischer Wertmonotheismus durchsetzen kann. Diese absolute Toleranz gegenüber jedem möglichen Wert bezeichnet die herrschende liberale Doktrin der offenen Gesellschaft, auch wenn sie sich de facto kaum an die eigenen Regeln hält. Falls nun tatsächlich Werte kollidieren und darüber entschieden werden muss, welchem Wert im Konfliktfall der Vorrang einzuräumen ist (z.B. Freiheit vs. Gleichheit, Recht auf individuelle Selbstbestimmung vs. Religionsfreiheit), verfügen wir über keine inhaltlichen Entscheidungskriterien mehr, die etwas mit der Substanz unseres gemeinsamen Zusammenlebens zu tun hätten, sondern der selbsterklärt wertneutrale Staat kann ausschließlich mit formalen Maßstäben wie der Menschenwürde oder den Menschenrechten aufwarten, die selber wiederum nichts anderes sind als Wertsetzungen mit universalem Geltungsanspruch, die jede Weltanschauungspartei für sich vereinnahmen und im Lichte ihrer Glaubenssätze fast beliebig auslegen kann. Außerdem ermangelt es dieser Art von Werten, gerade weil sie universal gelten sollen, der spezifischen Differenz und sie erweisen sich aus diesem Grund als völlig untauglich zur Integration in konkrete Gemeinschaften.
An diesem Punkt zeigt uns die wertepluralistische Konstellation ihr nihilistisches Gesicht. Folgerichtig verstand Nietzsche die allgegenwärtige Rede von Werten als Vorspiel der Heraufkunft des Nihilismus, des unheimlichsten aller Gäste, der bis heute nicht weniger unheimlich geworden ist. Wer nämlich viel von Werten spricht, hat keine mehr. Nihilismus – das ist das ungewollte und abgründige Ergebnis des ruinösen Inflationierungsprozesses aller Werte:
«Denn warum ist die Heraufkunft des Nihilismus nunmehr notwendig? Weil unsre bisherigen Werte selbst es sind, die in ihm ihre letzte Folgerung ziehn; weil der Nihilismus die zu Ende gedachte Logik unsrer großen Werte und Ideale ist, – weil wir den Nihilismus erst erleben müssen, um dahinter zu kommen, was eigentlich der Wert dieser Werte war… Wir haben, irgendwann, neue Werte nötig…»

Nihilismus bedeutet, keine schlüssigen Antworten auf lebenswichtige Zweck- und Sinnfragen aus dem Wertewirrwarr mehr ableiten zu können: dass die obersten Werte sich entwerten. Nietzsche könnte fast die leerformelhaften Angebote unseres Wertemarktes für das Problem der Integration wie «Toleranz», «Offenheit» oder «Vielfalt» vor Augen gehabt haben, als er die rhetorische Frage stellte: «sind nicht alle ›Werthe‹ Lockmittel, mit denen die Komödie sich in die Länge zieht, aber durchaus nicht einer Lösung näherkommt?» Eine solche Lösung dürfen wir von dem Röckener Philosophen nicht erwarten. Wir sollten uns von ihm jedoch dazu anregen lassen, radikal nach dem Wert unserer Werte zu fragen, um zur Erkenntnis zu kommen, dass mit ihnen allein keine Integration gemacht werden kann. Wer wirklich in eine echte, existenziell und schicksalhaft verstandene Gemeinschaft integrieren will, wird das weder durch geschwätzige Wertedebatten noch durch die Verordnung völkischer Exklusivität erreichen, die selbst eine ideologische Werteerstarrung ist, die ihren subjektiven Setzungscharakter verschleiert. Vielmehr sollten wir kulturelle Tradition und geschichtliche Gemeinschaft als maßgebenden Rahmen ansetzen, innerhalb dessen unsere Werte überhaupt erst – wie es heute so schön heißt – demokratisch immer wieder neu «ausgehandelt» werden. Andernfalls wird sich die Masseneinwanderung als unser Nihilismus erweisen, der dazu führen wird, dass wir bald gar keine genuin eigenen Werte mehr haben.

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Quellen:

Integration durch gemeinsame Werte


Friedrich Nietzsche, Kritische Gesamtausgabe Bd. 5, S.306.
Ebd., Bd.4, S.75.
Ebd., Bd. 6, S.86.
Ebd., Bd.13, S.190.
Ebd., Bd.12, S.213.

 

 

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