Lügengebäude lieber einreißen, anstatt Nachmieter zu werden

Kurze Vorrede: Im Jahr 2018  feierte ich meine zwölfjährige Tätigkeit im patriotischen Publizieren. Wie Kollege und Chefredakteur YoungGerman, verbrachte ich meine ersten Jahre mit dem Kommentieren und Analysieren von Alltagsgeschehnissen. Mit fortschreitenden Alter und wachsender Verantwortung im «reallife» verändert sich allerdings die vorhandene Zeit und Leidenschaft, dem alltäglichen Wahnsinn wortgewaltig und zeilenreich entgegenzutreten. Mit gewisser Zufriedenheit blicke ich auf die gesamtgesellschaftlichen Änderungen, die von ehemaligen und aktuellen Mitstreitern mitgetragen oder angestoßen werden. Egal ob in einer Bewegung, als Person, in einer Partei, einer (etablierten) Organisation oder schlicht in der eigenen Familie. Wir stehen jedoch erst am Anfang. Die Zeit echter Umwälzungen steht erst noch bevor. Kommen wir daher zum Anlass eines weiteren Artikels.

Hin und wieder reißt es mich wieder aktiv zu werden. Und der Messerstecher von Nürnberg ist so ein Fall. Als der Artikel gerade fertig wurde, war Silvester vorbei. Amberg und Bottrop waren passiert. Auch wenn sie nicht das Hauptthema sind, können wir an diesen aktuellen Fällen exakt die gleichen Abläufe und Verhaltensweisen beobachten. Als Quellen halten hauptsächlich Hauptstrommedien her.



Am Donnerstagabend, 13. Dezember 2018, werden hintereinander drei Frauen in Nürnberg von einem Mann niedergestochen. Zwei von ihnen lebensgefährlich verletzt. Die Meldung wird im Medienstrom schnell nach ganz oben gespült. [1] Der Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt liegt da erst zwei Tage zurück. Die veröffentlichte Meinung ist noch erhitzt. In den sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten werden Vermutungen gelüftet: War das nicht auch ein Islamist? Eines dieser «Merkelmonster»? Bis zum Kalergi-Plan wird von manchem Kommentator die Lage durchdacht. [2]

 

Etwas später wird eine Täterbeschreibung veröffentlicht. Der Täter entspricht nicht dem in den Kommentarbereichen vorschnell zugeschriebenen orientalischen Täterprofil. Am Freitagmorgen erwischt eine Polizeistreife einen herumirrenden Mann, der Blutspritzer an der Kleidung aufweist und auch noch die Tatwaffe mit sich führt. Es handelt sich tatsächlich um einen Ausländer. Zumindest aus fränkischer Perspektive, handelt es sich doch um einen obdachlosen, in Berlin gemeldeten, Sachsen-Anhaltiner, der 18 Vorstrafen in verschiedensten Bereichen aufweist. Eine Vergewaltigung, bandenmäßige Kriminalität, Konsum von chemischen Drogen und so weiter. Eine unterirdische Auflistung.  Mit der Ergreifung des Täters schwappt das Medienecho ab. Die Ex-Freundin wird noch etwas durch die Boulevard-Schlagzeilen gezogen. Eine medial geführte Debatte über das Problem mit Crystal Meth, fehlenden Strafvollzug und unzureichende Resozialisierung kommt nicht auf. [3] Auf der Seite des Compact-Magazins wird in einem Satz noch lapidar behauptet, dass es sich um einen einheimischen «Nachahmungstäter» handelt, der sich «zugereiste Messerschlitzer» zum Vorbild genommen haben könnte. [4] Der Fall versandet in der Erregungsspirale. Doch ausgerechnet die antirechte «Volksverpetzer»-Seite haut einen Post mit dem Titel raus: «Und die AfD schweigt&schweigt». Darunter ein Bild mit Ausführungen des linken Aktivisten Robert Andreasch bzw. Tobias Betzler über das Facebook-Verhalten des Täters: «Daniel G., der in Nürnberg auf drei Frauen eingestochen hat, postete viele sexistische Sharepics, liked und veröffentlichte Hetze gegen Geflüchtete und präsentierte ein White-Power-Logo (für den Fall, das von toxischer Männlichkeit und rechtem Hintergrund nicht die Rede ist).»

Glückwunsch! Nun wird die Tat in das eigene Weltbild eingefügt: Natürlich war es ein  Verbrecher aus Sexismus und Rassismus heraus und keine gescheiterte Existenz die sich an allen möglichen emotionalen Hasssymbolen, wie z. B. sein ACAB-Tatoo(All Cops are Bastards!) am Bauch, bedient hatte. Toxisch ist er! Ein Rechter, selbstverständlich! Wissen wir doch, dass Bösartigkeit quasi immer nur von rechts kommt oder einen zum Rechten macht. Ich frage mich, wie lange es dauert, dass diese grausigen Angriffe in Nürnberg auch in irgendeiner inoffiziellen Statistik über rechtsextreme Gewalt auftauchen. Nur zur Erinnerung: eine andere linke Organisation, Kein Mensch ist illegal – kmii, hat nach der Tat in Straßburg gleich mal in Facebook gepostet: «Wir sind in Gedanken bei den Opfern und Angehörigen. Leider wird diese abscheuliche Tat schon wieder von Rechten genutzt, um gegen Flüchtlinge zu hetzten [sic!]. Fakten statt Fake-News!»

Natürlich haben ein paar ganz besondere «Patrioten» wieder sofort auf Flüchtlinge geschimpft, wie die Nachrichten aus Straßburg aufgekommen sind. Als Fakten führt kmii dann auf, dass der Täter in Straßburg ein 29 Jahre alter Franzose war. Aber das ist eben auch nur die halbe Wahrheit. Er ist eben auch ein Nachfahre von algerischen Einwanderern, ein Berufskrimineller, «netter Nachbar» und hat seine Taten unter dem Label «Allahu akbar!» verbrochen. Ein Video, in dem der Täter seine Zugehörigkeit zum IS bekundet, ist mittlerweile auch aufgetaucht. [5] Mit dem Islam hat das für kmii natürlich nichts zu tun. Wenn schon Fakten, dann bitte schön alle. Immerhin: Beim Messerstecher von Nürnberg lässt sich kmii nicht zu eigenwilligen Interpretationen über die Motivation des Täters hinreißen, wie die Volksverpetzer*in.

 

 

Neben dieser Art der vollkommen selbstständigen Interpretation und des Zurechtschneidens von «Fakten», gibt es noch die Form des «kreativen» Dazuerfindens. In einem ausführlichen Artikel haben wir uns schon mit der Causa Relotius geäußert. Herr Krah von der AfD Sachsen, hielt es für eine geistreiche Idee, ein gefälschtes Cover des neuen Buches von Anja Reschke, zu verbreiten. Als Ergänzung wurde ein Vorwort von Relotius reingebastelt. Diese Entscheidung verteidigte Herr Krah mit einem «Das könnte ja passen. Haltung statt Wahrheit». Ein «Kann» ist aber noch lange kein «Muss». Wenn man außerdem schon der Lüge bezichtigt wird, ist es eine ganz schlechte Idee offensichtlich zu Lügen. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht. [6]

Um auf die aktuellsten Fälle zu kommen: Die «Spezialisten» von bento üben sich in vermeintlicher Differenzierung: Hier rassistische Straftat, dort «nur» prügelnde Jugendliche. «Unvergleichbare Fälle», die aber von dem bayerischen bzw. deutschen Innenminister schmählich – um dem Ton des Artikels zu folgen – für seine politische Agenda ausgenutzt werden. Natürlich sind die Fälle grundunterschiedlich, was die Art angeht. Sie spielen aber in den gleichen Themenspektren: öffentliche Sicherheit, Asylmissbrauch und Rassismus – die ganzen «netten» Themen einer bunten Gesellschaft. Die von bento vorgebrachte Einseitigkeit des Innenministers ist natürlich quatsch: Denn «Bundes-Horst» fordert ja gerade bei beiden Fällen strenge Verfolgung. Bisher gibt es keine Hinweise auf ein rechtsextremes Netzwerk oder eine ausgereifte rechte Gesinnung des Bottroper Täters. Sehrwohl aber auf den Grat seiner psychischen Erkrankungen. Das soll seine Taten nicht verharmlosen, aber es ist ein weiterer Faktor, der zu berücksichtigen ist. [7,8] Daher den ohnehin schon auf Hochtouren laufenden «Kampf gegen Rechts» nochmals neu zu beschwören, wie es der bento-Autor anscheinend wünscht? Was wäre das nicht anderes als eine Instrumentalisierung? Den Opfern beider Taten wünsche ich baldige Genesung.

Zeichen einer schädlichen Polarisierung ist, dass die unterschiedlichen Anschauungen, Bewertungen und Deutungen nicht mehr untereinander ausgetauscht werden können. Lücken oder Dissonanzen werden stattdessen mit Lügen oder Halbwahrheiten gefüllt. Das Ergebnis ist ein grundsätzlicher Vertrauensverlust, permanente Erregung und Verunsicherung, die wiederum nach Sicherheit und Verlässlichkeit suchen lassen. Dabei geht es auch nicht primär um eine Einseitigkeit der eigenen Position: Denn selbstverständlich kümmert sich ein Rechter mehr um «rechte Themen» und ein Linker mehr um «linke Themen». Wie ein Fußballmagazin auch über Fußball und nicht Handball berichten muss. Kritisch wird es dann, wenn – um bei dem Beispiel zu bleiben – gleich die ganze Sportart diskreditiert wird. Daher hier meine Meinung: Nach Jahrzehnten der gesellschaftlichen Zersetzung und Auflösung der Gemeinschaft durch vermeintliche Progressive und (Neu-)Konservative ist es jetzt nicht erbaulich, dieses Spiel mitzuspielen. Als politischer Akteur erhöht man mit gefälligen Lügen nur die Dosen für einen Süchtigen und bietet sich als besserer Dealer an, anstatt den Ausstieg zu ermöglichen. Es ist kein Wunder, dass im Zuge des patriotischen Erwachens auch wieder zahlreiche Spinnerte in die Strukturen einsickern, um ihre Geschichten vom Weltjudentum, den Jesuiten oder Freimaurern, den Echsenmenschen oder sonstigen Wirrnissen zu verbreiten. Wenn es aber um die Befreiung des Volkes und die Wahrheitsfindung geht, haben wir eigentlich den Vorteil auf unserer Seite. Die Probleme sind offensichtlich und es geht eigentlich darum, das Lügengebäude und Netz an etablierten Falschinterpretationen vollständig einzureißen und zu widerlegen, anstatt neue Lügengebilde darauf zu setzen oder gar in alte einzuziehen.

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Quellen:

1: http://www.nordbayern.de/region/nuernberg/messerstecher-von-st-johannis-hatte-ein-drogenproblem-1.8417885 ; https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/18-Vorstrafen-Was-wir-ueber-den-Messerstecher-von-Nuernberg-wissen-id52949031.html

2: https://www.journalistenwatch.com/2018/12/14/nuernberg-ein-mann/

3: https://www.focus.de/panorama/welt/das-passt-zu-ihm-messer-attacken-in-nuernberg-ex-freundin-ueber-drogenprobleme-des-tatverdaechtigen_id_10082110.html

4: https://www.compact-online.de/update-messer-metzler-von-nuernberg-polizei-lueftet-das-geheimnis-um-seine-person/

5: https://www.merkur.de/politik/nach-strassburg-terror-video-mit-is-treueeid-attentaeters-aufgetaucht-zr-10846090.html

6: https://www.focus.de/panorama/welt/panorama-fake-news-afd-mann-attackiert-anja-reschke-und-spiegel-mit-gefaelschtem-bild_id_10102565.html

7: https://www.bento.de/politik/bottrop-und-amberg-was-horst-seehofer-zu-den-angriffen-sagt-a-39d07abf-7a87-4f5f-9a08-4effd9a6e43c

8: https://www.tagesschau.de/inland/bottrop-amberg-101.html

Bild: Pixabay