Die träge Gesellschaft – Gastbeitrag

Gastbeitrag von “Gedankensplitter”

In der Weihnachtszeit habe ich es endlich einmal wieder geschafft etwas zu lesen. Zugegeben, komme ich im Alltag neben Arbeit, Freundin und Freunden nicht so viel dazu wie ich gerne möchte. Doch nun habe ich es wieder einmal geschafft. Es handelte sich um den Kaplaken-Band «Warum ich kein Linker mehr bin» von Manfred Kleine-Hartlage.1



Ich möchte an dieser Stelle keine Rezension schreiben. Das haben andere getan, die es besser können. Es geht mir an dieser Stelle um einen Absatz, der einen richtigen AHA-Momente in mir auslöste, einer von der Art, den man bewusst wahrnimmt, wenn man ihn hat. So manche Dinge, die in einem schwelen, Sachverhalte, an denen man immer noch «knackt», sie lassen sich nach diesem Moment plötzlich einordnen. Das Unvermögen sie zu beschreiben, sie zu analysieren, es ist plötzlich weg. In meinem Fall geht es um eben jenen Absatz:

«Das Problem genuinen politischen Konservativismus ist, daß eine seiner Hauptstützen in normalen Zeiten der Typus des Bourgeois ist, der die gesellschaftlich dominanten Werte und Ideologien ungeachtet ihres Inhaltes akzeptiert. Ich will diesen Typus gar nicht verteufeln oder verächtlich machen: In normalen Zeiten verleiht er Staat und Gesellschaft die notwendige Trägheit, an der der allzu hektische Veränderungswille der Linken sich totläuft. Wehe aber, die Linke selber definiert, was gesellschaftlich dominant ist: Dann fällt der Bourgeois als Widerlager aus, wird zum Anhängsel der Linken und adelt seine eigenen Prinzipien- und Charakterlosigkeit als Modernität.»2

Warum der «Vor-Merz» keinen echten Frühling gebracht hätte

Plötzlich war es mir möglich mein Grundgefühl einzuordnen, welches mich während der ganzen Zeit beschlich, als die CDU öffentlich über die Nachfolge Mutti Merkels als Parteivorsitzender stritt (streiten durfte). In meinen Facebook-Kanälen liefen sich noch einmal die selbsternannten «Letzten Mohikaner» der konservativen CDU warm. Man war froher Dinge. #teamspahn und #vormerz waren die Hashtags, mit denen man sich zu erkennen gab. Aber eines war sicher: AKK wird es nicht. Denn bei den Regionalkonferenzen habe sich eines gezeigt: Die Basis ist konservativ! Die CDU ist konservativ! «Die da oben» haben fertig. Es kommt die Wende. Leute haltet aus, die Basis haut euch raus.

Und nach dem ersten Wahlgang sah es (angeblich) ja auch so aus. 45 % für Annegret Kramp-Karrenbauer, 39% für Friedrich Merz und 16% für Jens Spahn. Macht 55% für «Nicht-AKK». Sichere Sache!, so jubelte es auf den Facebook-Kanälen. Es ging anders aus; 52% entschieden sich im zweiten Wahlgang für AKK. Wie kann das sein? Wie können «Spahn-ier» Muttis Kind wählen, wo Spahn sich doch immer selbst als den neuen Typus des dediziert Konservativen präsentiert hat? Wie können seine Unterstützer also so eine wie AKK wählen?

Im Gespräch mit den mir bekannten CDU-Konservativen fiel es mir schwer den Enttäuschten zu erklären, warum mich das Ergebnis eben nicht überrascht hat. Ich war sprachlos, bis ich oben zitierte Passage las und es für mich fassbar wurde. Die CDU ist eben schon länger nicht mehr in dem Sinne konservativ, wie man landläufig zu meinen scheint. Und in der Breite wohl auch nie aus bewusster Entscheidung heraus gewesen. Eine These, die ich schon an derer Stelle gelesen hatte, aber (wie das manchmal so ist) schon wieder vergessen hatte.3 Wirkliche und überzeugte Konservative sind genau so eine Gruppe von Vordenkern (gewesen), wie Linke, Liberale, Wirtschaftsflügel oder andere Parteiinteressengruppen, um die sich nun einmal naturgemäß die mit Abstand größte Gruppe der einfachen Parteimitglieder schart.

Die «heilige Basis» als solche ist keine Interessengruppe, welche eine eigene Agenda besitzt, die sie vorantreibt! Vielmehr ist diese träge Partei-Basis eben eine solche, wie der von Hartlage beschriebene «Bourgeois» ist, der die gesellschaftlich dominanten Werte und Ideologien ungeachtet ihres Inhaltes akzeptiert. Und 50 Jahre nach ’68 haben sich diese Werte geändert.

Konservativ sein4, eben am Bewährten festhalten, bedeutet nun für die träge Basis, den «Typus des Bourgeois», nicht mehr ein Zurück in Adenauers und Erhardt Zeiten, sondern das Bewahren der gesellschaftlich etablierten Werte der ’68er: Atomisierung der Familie, Hyperindividualismus, Supranationalität, Anti-Bürgerlichkeit, Aufkündigung der Solidargmeinschaft, Leugnung des Volskbegriffes und des nationalstaatlichen Gedanken.

Das vermeintlich Neue ist schon das Alte und das vermeintlich Alte schon vergessen. Es ist für selbst erklärte Konservative vor diesem Hintergrund eben kein Widerspruch sich als konservativ zu sehen und eben dieses linke Programm zu befürworten. Alles ist relativ und es bedarf eines festen Standpunktes um dies auch zu sehen.

Man möge an dieser Stelle an den Augustputsch5 in der Sowjetunion im Jahre 1991 denken. Damals versuchten hochrangige kommunistische Militärs die Sowjetunion durch einen Putsch zu retten und somit die Reformen des Staatspräsidenten und Generalsekretärs Gorbatschow rückgängig zu machen. Die Konservativen, ja sogar Reaktionäre, waren die waschechten Kommunisten im Geiste Lenins und eben keine zaristisch eingestellen Offiziere! Das vermeintlich Neue war schon lange das Alte und das vermeintlich Alte schon längst vergessen!

…und was meine eigene Familie damit zu tun hat.

…erfahren Sie in Teil 2.

Quellen:

1 Über das Für und Wider des Autors und des Verlages soll es hier nicht gehen. Ich kann es jedem nur empfehlen, vor allem aufgrund der übersichtlichen Stärke von ca. 100 Seiten dieser Reihe. Immer gut für unterwegs.

2 Kleine-Hartlage, Manfred: Warum ich kein Linker mehr bin, 10. Auflage, Schnellroda, Antaios Verlag, 2018, S. 14

3 Weissmann, Karlheinz: Das konservative Minimum , 4. Auflage,Schnellroda, 2015, Antaios.

4 lat. conservare: erhalten, bewahren

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Augustputsch_in_Moskau

 

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