Deutscher Hindukush und die ganzen Afghanen, die wir “gerettet” haben

Autor: Daniel von der Ruhr

In der Vorweihnachtszeit schlenderte ich durch die Innenstadt meiner Heimat im Ruhrgebiet und setzte mich wie eigentlich schon seit Jahren in eine Raucherkneipe, die früher häufig von Arbeitern aus der Nachbarschaft besucht wurde, heute aber nur noch ältere Herrschaften und die klassischen Alkoholiker bedient. Die Arbeiter sind nämlich alt geworden, früh gestorben oder weggezogen. Der Pott ist tot und begraben. Was an Industrie hier mal war, hat sich in Schrottparks und grüne Heiden verwandelt. Nur einige der größeren Städte profitieren vom kleinen Boom der Digitalindustrie, die in Deutschland spät, aber immerhin jetzt endlich zu reifen beginnt. Mit einem guten Buch in der Hand saß ich also, rauchte eine selbst gedrehte Zigarette und trank süffiges Bier in einer urigen Kneipe, wie sie in Deutschland kaum noch existieren. Dabei hatte ich mir wie immer einen Platz in der Ecke am Fenster ausgesucht, sodass mein Rücken zur Wand gerichtet war und die Augen Tür und Straße im Blick hatten. Man möchte schließlich nicht überrascht werden und immer sehen, ob von irgendwo Gefahr droht. Bis heute schaue ich mir alles auf dem Boden sehr genau an. Vor allem beim Autofahren erwische ich mich dabei, wie ich am Straßenrand Colabüchsen oder anderen Müll genauer inspiziere, etwas langsamer werde, bevor ich mir klarmache, dass es sich dabei wohl nicht um die «Improvised Explosives Devices» handeln wird.



Beim Lesen mit Genuss kommt es auf die Atmosphäre im Raum an. Beispielsweise auf den blauen Rauch, der mich umgibt und in Zirkeln nach oben steigt. An diesem Tag erinnerte mich der Anblick der grauen Himmeldecke an den Hindukusch, dieses mächtige Gebirge im fernen Asien, das zum Träumen einlädt. Vielleicht war es eine Form von göttlicher Ironie, dass ich an diesem Tag eine große Gruppe von Afghanen am Straßenrand beobachten konnte, die sich alle an eine Bushaltestelle gepflanzt hatten (keine fünf Meter vom Fenster entfernt), dort vermutlich Haschisch rauchten und sich augenscheinlich unterhielten. Die jungen Kerle waren in Zugstärke versammelt und vermutlich alle zwischen 20 und 40 Jahren alt. Also alles Männer im besten Alter für den Waffendienst, den sie vielleicht auch in der Heimat geleistet haben. Ich beobachtete die Afghanen eine ganze Weile und wurde das Gefühl nicht los, dass ich einen oder zwei der kleinen Truppe kannte. Vor allem einer der Jüngsten kam mir überaus bekannt vor, weil er eine unvergessliche Narbe über dem linken Auge trug.

In meinem Kopf zog ich den Afghanen ihre blauen Uniformen der ANP (Afghan National Police) an und ließ sie AKs schultern. So wirkten sie umso vertrauter inmitten einer verfallenen Stadt des Ruhrgebietes, die sie jetzt durch die Gnade Merkels bewohnen dürfen. Sehr wahrscheinlich handelte es sich um Desateure, die einfach irgendwann ihre Uniformen ausgezogen haben und im Schutz der Nacht ihre Posten verließen, eventuell sogar gegen Geld ihre ehemaligen Kameraden an die Taliban verkauften. Über solche Fälle hat man gehört und sie sind sehr oft passiert. Fast alle ANPler waren nutzlose Glücksritter und häufig Vergewaltiger. Man muss schon Presseoffizier der NATO sein, um diese Leute ohne Krämpfe in den Gesichtsmuskeln vor einer Kamera zu loben.

Afghanische Nationalpolizei Bild: Lance Cpl. Gene Allen Ainsworth III

Überhaupt formte sich in meinen Gedanken die Frage, warum gefühlt die halbe Jugend Afghanistans heute in den deutschen Innenstädten herumlungert, warum die Deutschen das einfach hinnehmen und ob sich die vielen Menschen hier im Land keine ernsthaften Fragen stellen. Beispielsweise warum die Bundeswehr in Afghanistan über mehr als ein Jahrzehnt im Einsatz war und immer noch ist, wenn die einzige Konsequenz die ist, dass junge Afghanen abends vor meinem Lidl stehen und fremde Frauen anstarren. Ziemlich wahrscheinlich erschien mir auch, dass ein Anteil dieser jungen Männer Verbrecher sein mussten, weil Kleinkriminalität, Körperverletzung, Mord, Diebstahl und so ziemlich alles andere zum Tagesgeschäft in Afghanistan gehören. Rein statistisch dürfte das bei einer so großen Anzahl, einer so großen Stichprobe der Fall sein. Alle unter ihnen dürften in regelmäßigen Kontakt mit harten Drogen gekommen sein, weil der Konsum von Haschisch und Heroin bei der Jugend dort verbreitet ist. Und ebenfalls war möglich, dass es sich bei diesen jungen Afghanen um ehemalige Taliban handelte, Handlanger krimineller Drogenbarone oder Anhänger des IS in Afghanistan, der auch am Ende meiner Dienstzeit dort in Erscheinung trat.

Als ich zur Tür hinaustrat und das Buch im Beutel verstaute, trafen sich mein Blick und der des jungen mit der Narbe über dem Auge. Wir erkannten uns, wenngleich ich mich in diesem Moment nicht erinnern konnte, wo ich den Kerl zuvor gesehen hatte. Weder ich noch er sagten jedoch etwas und ich spazierte nach Hause. Erst später am Abend fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Ich hatte ihn vor Jahren an einem Schlagbaum im Nirgendwo gesehen, wo er schwitztend in dem Wärterhaus gestanden hatte und wir einander lange anschauen durften, weil der Weg vor uns versperrt war. Damals trug er noch die Uniform der afghanischen Armee und bezog seinen mageren Sold für das «Nation-Building» der NATO am Hindukusch. Heute steht er kiffend im Ruhrpott und lastet mir, dem Steuerzahler und Bundesbürger, auf der Tasche. Ein Wahnsinn ist das, wie unser Einsatz Afghanistan «gerettet» hat, und wie verrückt es ist, weil man dachte Kabul für immer hinter sich gelassen zu haben.

Hätte ja keiner ahnen können, dass wir uns alle in Deutschland wiedersehen.

 

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