Soldatische Romantik im Winter

 

Erinnerungen an den Winter 

Kondensierender Atem schwebt weißgrau in den dunklen Nachthimmel über uns. Am Horizont funkeln die Sterne in einem schwarzen Ozean wie Leuchttürme auf hohen Gipfeln, die dem Auge verborgen bleiben, noch im dichten Nebel liegen und zu fern sind, um sie zu sehen. Kein Wort erklingt, keine Stimme erhebt sich über dem von Schneewehen zugedecktem Laub, das der junge Winter eingekleidet hat. Ganz in weiß und Eisen stehen die Männer links und rechts von mir, und im Auge des Nachbarn glitzert das silberweiß des Sternenhimmels, der so sich nicht über der verrauchten Großstadt zeigen würde. Da in der Weite der Ebene, die in der Mitte eine tiefe Furche aus Schnee und dunklen Tannen fasst, kräuselt sich ein rosafarbenes Licht, das wie Beschlag gegen den Horizont steht. Es flackert auf und erlischt, ehe das tiefe Donnergrollen folgt, das wie ein Schrei über die verwehte Fläche des Gebirges rollt und kleine Eiskristalle von der vorderen Deckung abfallen lässt. Details, die die Stille durchbrechen, wenn die Erschütterung der Geschütze und der eisige Wind die Schneeflocken wie kleine, winterliche Krieger vom Himmel regnen lassen.



Links glimmt es kurz im Graben und der Geruch von Rauch zieht durch die Stellung. Die Zigarette verschwindet in der hohlen Hand, dann klackt es mehrmals metallisch.  Endlich ein halb geflüstertes Kommando und es folgt das laute Zischen, auf das wir gewartet haben. Eine rote Rakete schießt in die Luft und regnet elend langsam wie ein scharlachroter Stern auf die verschneite Ebene hinab. Sekunden vergehen, bis wir sehen, wie sich die dunklen Gestalten über den weißen Teppich bewegen. Eins, zwei, drei, viele. Am Horizont grollt der Donner der Artillerie.

Es bricht die Stille mit einem Schlag, noch ehe das Licht der Signalpistole den Boden berührt. Klack, klack, klack, klack. Die kühle Oberfläche der Schulterstütze schmiegt sich ans Gesicht, der Rückstoß ist nicht mehr als ein Zucken im Oberkörper. Alles verschwimmt im Pulverdampf, der säuerlich schmeckend in Nase und Mund steigt. Blitze zucken durch die Nacht, der rote Lichtschein erhellt das Feld, auf dem die feindlichen Schemen wie die Nachttänzer herumirren. Klack, klack, klack,klack. Pause. Dann wieder klack, klack, klack, klack.

Und der Schnee leuchtet wie die Oberfläche des Mars, erhellt vom «Einzelstern Rot» bis maximal 200 Meter, der wie aus dem Himmel gegriffen wirkt. Über uns schillert das Sternenmeer bis in den Horizont hinein, vermengt sich mit der Milchstraße und dem Orangerot ferner Geschossexplosionen, die wie Blitze in der Tiefe der Nacht aufflackern.

 

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