Im GagaGugu-Land

Schminken Sie es sich ab. Hören Sie auf damit Kämpfe zu führen, die Sie nicht gewinnen können. Seien Sie lieber klug und führen Sie nur jene Kämpfen, wo eine Aussicht auf Erfolg besteht.

Kürzlich trat eine Bekannte an mich heran, die ihren Seelenschmerz bei mir loswerden musste. Sie, eine erwachsene und vernünftige Frau aus Berlin, verzweifelt an ihrem (ehemals) besten Freund. Als dieser vor etwa einem Jahr erfuhr, dass besagte Frau die AfD gewählt hatte, brach er den Kontakt zu ihr zunächst ab, suchte dann das Gespräch und heute streiten sich die Beiden fast jedes mal, wenn sie sich durch den Freundeskreis des Ehemanns treffen. Sie kann ihm nicht aus dem Weg gehen und möchte die Streitigkeiten eigentlich beenden, einen lebenswerten Mittelweg finden. Als Rechter unter mehrheitlich (vermeintlich!) Linken zu leben, kann sehr schwierig sein. Vor allem dann, wenn Sie bereits selbst zu tief in die Materie eingetaucht sind und die Schlaftabletten, die man Ihnen in den Massenmedien verabreichert, die mundgerechten Häppchen, die man in den Talkshows den Publikum gibt, keine Wirkung mehr erzielen. Sie sind vielleicht an einem Punkt angelangt, wo Sie nicht mehr in Ruhe einschlafen und am nächsten Morgen im selben Alltagstrott weitermachen können. Zu viel ist passiert und Sie haben zu viel gesehen. Die eigenen Augen zucken unruhig unter den Lidern und sie wälzen sich des Nachts herum, weil das Wissen oder wenigstens der Glaube daran, dass sie etwas Wissen, nicht in Frieden lässt. Es gibt kein Zurück vom «Erwachen» und keine Heilung von den drückenden Schmerzen hinter der Stirn, wenn Sie das Tagesblatt aufschlagen und zwischen den Zeilen lesen. Selig sind die Unwissenden und die, deren größte Sorge es ist ob die Handtasche bei H&M auch in ähnlicher Form und Farbe bei ZARA zu erwerben ist.



Kehren wir zurück zu oben erwähnter Dame, die an ihrem linken Jugendfreund verzweifelt. Ehrlicherweise muss ich eingestehen, dass ich ihr in diesem Fall geraten habe jeden Kontakt mit dem Infizierten zu meiden, weil Heilung bei dem Betroffenen unmöglich scheint. Ein überzeugter Linksgrüner, der Grüne und LINKE wählt, sich mit seiner Ex-Frau um das Sorgerecht des gemeinsamen Kindes zankt und ansonsten die meiste Zeit auf Twitter zubringt, das eine Art Ersatzzuhause für ihn geworden ist. Was dem Wutbürger seine Facebook/Whatsapp-Gruppen, ist dem Gutmenschen sein Twitter. Meine Bekannte hat nichts unversucht gelassen, um ihn von der Falschheit seiner Ideen zu überzeugen. Sie zeigte ihm Fakten, wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Einwanderung und Sozialstaat, Kriminalitätsstatistiken aus den Jahren 1992 und 2017, verglich diese mit ihm und machte auch mit tragischen Schicksalen Dampf im hitzigen Kessel politischer Debatte im 1vs1. Es half nichts, weil der werte Herr in Linksgrün sich jedes Problem, jeden Fakt, jedes Datenblatt und jede Fragestellung nahm, um sie bis auf die Atome zu zerlegen und zu zerpflücken. Das Spiel wird solange gespielt, bis nichts mehr von der eigentlichen Problematik übrig ist und man im Urschleim des Universums angelangt ist, wo man die faktische Realität selbst in Zweifel ziehen soll und die Moraltheorien der letzten 2000 Jahre erklärt bekommt – immer nur mit dem Ergebnis, dass die Faktenlage nicht einmal grundlegend geleugnet wird, sondern nur die Auslegung selbiger Fakten. Eine Islamisierung fände beispielsweise nicht statt, obwohl die Zahl der Muslime dramatisch zunimmt, die der Christen sinkt und die Zuwanderung auf hohem Niveau verbleibt. Nur dreht sich die Diskussion wenig später um die Frage, inwiefern eine Statistik die wahre Religiösität der Menschen abbilden kann, wer eigentlich Muslime sind, was Christen wirklich glauben und inwiefern das tatsächliche Auswirkungen auf die Gesellschaft hätte. Was sei überhaupt Moral, wenn nicht etwas Menschengemachtes!?

Sie merken vielleicht, dass hier interessante Diskussionen entstehen, die aber mehrheitlich nirgendwo hinführen. Die Ursachen werden benannt, die Fragen aber bewusst in die Hand genommen und durch Zerstreuung et absurdum geführt. Durch das Zerdenken und Zerreden wird kein klarer Gedankengang mehr möglich und es verkommt zum ewigen Ausweichen vor der Erkenntnis, weil die Erkenntnis als solche bereits in Frage gestellt wird.  Und hier zog ich für besagte Bekannte den Schlussstrich, um ihr zu helfen. Denn sie tat weder sich noch ihm einen Gefallen mit diesen Diskussionen, die beide nur an den Rand des Verzweifelns brachten. Kein Unglück, keine Statistik, keine Meldung in der Zeitung oder Diskussion kann diesen Typus umstimmen (den gibt es unabhängig vom politischen Lager). Er muss und kann nur durch persönliche Leidenserfahrung umgestimmt werden. Und selbst hier zeigt sich am Beispiel des Vaters von Maria Ladenburger oder dem Bruder der ermordeten Sophia Lösche, dass selbst das manchmal nicht genug ist.

Wir müssen uns damit abfinden, dass man nicht jeden überzeugen kann und auch nicht muss. Es reicht eine relative Mehrheit womöglich schon aus, die nur an den richtigen Schaltstellen der Macht sitzt. Ständig Kämpfe und Diskussionen mit Menschen anzufangen, die einem sowieso niemals zustimmen würden, ist sinnfrei. Schon allein von der Emotionalität der politischen Indoktrination her sind die meisten Menschen wahrscheinlich nicht in der Lage einen klaren Gedanken bezüglich der Entwicklungen in Europa zu fassen. Dementsprechend müssten sie erst mental und ideologisch gebrochen werden, um sie anschließend zu befreien und aufzubauen – Grundausbildung für’s Politische. Einen interessanten Denkansatz bringt der Künstler und Therapeut Raymund Unger mit dem «Buch Die Wiedergutmacher: Das Nachkriegstrauma und die Flüchtlingsdebatte» in den Diskurs. Seine These ist, dass die emotionale Verkümmerung der Parentalgenerationen in Deutschland, die durch den Weltkrieg traumatisiert wurden, einen direkten Effekt auf die Entwicklung und das Heranwachsen der Nachkriegskinder und Kriegskinder hatte, die sich bis heute fortsetzt und in einer Infantilisierung äußert. Die Deutschen sind infantil, nicht erwachsen und überspielen ihren Mangel an echter Moral mit einer neumodischen «Lust am Moralisieren». Das Pipi Langstrumpf-Phänomen, wie ich es bezeichnen würde: «Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt»

Das ist ein eindringlicher Erklärungsansatz, der zumindest Deutschland erklärt, wenngleich auch Länder wie Schweden und andere Nationen im Westen dieser Infantilisierung anheim gefallen sind. Douglas Murray, Bestseller-Autor aus Großbritannien (The Strange Death of Europe), nennt hier die «deutsche Kriegsschuld« (er meint das Schuldgefühl der Deutschen), die sich über ganz Europa und sogar die USA ausgebreitet hat und viele Formen annimmt. Schuld, die so tief in einem steckt, dass sie nicht als solche erkannt wird, sondern nur schemenhafte Gestalt einer kaum bestimmbaren Emotion erhält. Und dann ist da noch die Sache mit der Wahrnehmung, die so weit auseinandergeht. Ein Rechter und ein Linker scheinen beide das Problem zu haben, dass sie sich die selbe Landschaft mit ihren Augen anschauen können und zwei völlig verschiedene Bilder der Realität sehen. Was für denen einen eine urbane Wüste, bar jeder Freude und arm an lebensbejahenden Momenten ist, das ist für den anderen eine vibrierende, vielfältige und bunte City.

Für mich scheint Ungers Ansatz wesentlich einleuchtender, weil die Infantilisierung nicht nur mit der Verschleierung der Realität sehr passend erscheint, sondern auch erklärt warum die sogenannten Gutmenschen, also die ideologischen Gegner, scheinbar so blindlings ins offene Messer laufen und sich und ihre Umwelt bar jeder Vernunft in Gefahr bringen. Ein Kind versteht auch nicht, wie gefährlich eine Schusswaffe ist und würde sie unter falscher Anleitung oder aus Neugier erproben. Der Tod als Konzept, die Gefahr als Realität der Endlichkeit des Lebens und so weiter, werden von den Infantilen noch nicht begriffen. Dementsprechend erscheint auch die innere Logik der Verantwortung so fremd für die körperlich erwachsenen Kinder, die mit offenen Armen und geleerten Geldbeuteln vor den zukünftigen Ruinen unserer Zivilisation stehen, die sie helfen werden zu schleifen.

Wahrlich! Wir leben im GagaGugu-Land!

Hat dir der Beitrag gefallen?

Spendier uns eine Kleinigkeit, um den Blog zu unterstützen:

5,00
Persönliche Informationen

Spendensumme: €5,00

Kommentare deaktiviert.