Berlin 24/7 im Dezember: Befreit die Vulva, rettet die Wale

Ein kleines Tagebuch für Berlin, wo ich erzählerisch und rückblickend zusammenfasse, was mir so im Alltag hier passiert, wenn es  subjektive Relevanz für das Politische und Gesellschaftliche hat. Da diese leicht autobiographischen Texte von den Klickzahlen immer recht gut angekommen sind, habe ich mich entschlossen das zur Regelmäßigkeit zu machen und extra dafür Notizen zu führen. Mehr Unterhaltung, als fundierter Sachartikel.

 

Berlin Anfang Dezember. Es ist der Zweite um ganz genau zu sein. Zwischen den öffentlichen Verkehrsmitteln und mir besteht eine Art Hassliebe. Ich hasse sie für ihre Unzuverlässigkeit, den Lärm, den Schmutz und die Möglichkeit darin den brutalen Tod zu finden, wenn ein «Was gucksdu mich an!» mal wieder eskaliert. Andererseits schenken einem Bus und Bahn auch ein Gefühl für die Gesellschaft und ihren Zustand, den man im Großraumbüro oder dem Parlament nicht bekommt. Vor allem abends in Berlin, wenn uns Herr Bürgermeister Müller sagt, dass wir doch mit dem Taxi fahren sollen, wenn wir Angst haben durch die Stadt zu laufen. Sollen sie doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben!

Mir gegenüber in der Bahn nach Ostkreuz sitzt eine Frau, ein wandelndes Klischee, wie man es nur in Berlin in dieser Form in freier Wildbahn erleben kann. Sie trägt eine pinke Strickmütze und hat einen Jutebeutel vor der Brust. Erst halte ich das Bild darauf für ein rotes Herz. Erst nach ein oder zwei Sekunden erkenne ich, dass es eine stilisierte Vagina ist. «Free Vulva» steht in Schreibschrift darunter. Die Frau erweist sich als mental leicht abwesende, in die Ferne starrende Frau um die 40 oder 50, die in einer grünen Army-Jacke den Eindruck macht, als wäre sie in den 90ern steckengeblieben. Auf der Bank hinter ihr sitzt ein Mann mit Kalpak oder Kelpak auf dem Kopf – also eine große Fellmütze. Mit der gekrümmten Nase und dem schwarzen Schnauzbart, seiner dunklen Winterjacke und der ledrigen Haut sieht er aus, als wäre er gerade der sibirischen Steppe entkommen. Die Frau mit Kopftuch neben ihm scheint seine Frau zu sein, die steif am Fenster sitzt. Zusteigende Gäste am Ostkreuz sind fast ausnahmslose Europäer um die 40, die einen arbeitsamen Eindruck machen. «Good Morning Berlin!» möchte ich rufen, als drei Araber zusteigen und sich lautstark in ihrer Landessprache unterhalten. Ich, der vier oder vielleicht sogar fünf Sprachen spricht, kann mit Arabisch wirklich nichts anfangen. Ich mag diese Abfolge von Rachenkrämpfen nicht.

Ottos und Gülem

Kehren wir zurück zu den Deutschen oder eher den eingedeutschten Türkinnen, besser bekannt als die Aydins und Aylins dieser Republik. Gerne auch Hatice oder Gülem. Eine dieser Mädels, das Gesicht verborgen unter einer Schicht aus Make-Up, sodass ihr Hals dunkler wirkt als der Rest ihres Kopfes, krächzt lautstark in ihr Smartphone hinein.

Ich bin fast an der Friedrichstraße, gleich geschafft.

«Dieser Otto ey, ich furz ihm in seine Gesicht …dieser Hurenjunge!» Die holde, anatolische Maid bezirzt mit ihrer Stimme, schmeckt den Satz mit einem lauten Schnalzen der Zunge ab und kaut Kaugummi, als würde sie am Hungertuch nagen. Was sie nicht tut. Eher sieht sie aus, als würde sie Werbung für Börek mit Käse oder Fleisch machen können. Ihr Nymphengesang scheppert noch weiter ins Telefon, als ich endlich aussteigen kann und ein Skandal in der Bahn so gerade noch abgewendet wird.

«DU OTTO!» – Ersetzt Otto jetzt «Du Jude» oder du «Hurensohn?»

Vielleicht bezieht sich Otto ja auf eins der Kinder linksgrüner Helikopter-Eltern, die ihren Jungs und Mädels gerne mal altdeutsche Namen geben. Womöglich gibt es ja eine ausgleichende Gerechtigkeit im Kosmos, sodass ein paar Kulturbereicherer auch Otto und Friedrich oder Luisa-Isabell mit «DU OTTO» über den Schulhof jagen. Mein Zynismus ist groß geworden und ich bitte um Verzeihung. Unten am City-Markt  fliegt mir ein Gesprächsfetzen von zwei großen Männern entgegen. «Nein, du weißt ist doch haram Brudi.»

 

Einen Tag später sitze ich wieder auf dem Weg nach Hause in der Bahn und schmeiße das Handy an: «17-jähriges Mädchen tot aufgefunden.» Das ZDF macht aus dem Mord an einer 17-jährigen Mitbürgerin einen wohlklingenderen Fall, als er eigentlich ist. Aus dem Täter, der sowohl die deutsche als auch eine ausländische Staatsbürgerschaft hatte, machte man kurzerhand nur einen Deutschen. Juristisch nicht mal falsch, aber journalistisch unehrlich. Auch den Tatort und die Umstände des Todes werden ausgeklammert. «Städtische Unterkunft heißt es im ZDF», obwohl der Mord im Flüchtlingsheim begangen wurde, wo der Täter noch zwei Tage neben der Leiche gemütlich weiterlebte und wahrscheinlich erst Meldung an die Polizei machte, als ihn der Gestank gestört hat. Ich habe keine Ahnung wie diese Leute beim ZDF auf die verrückte Idee kommen sich selbst als Journalisten zu bezeichnen. Sie sind Agitatoren in einer Maschine professioneller Desinformation.

In Köpenick angekommen begrüßt mich eine alte Frau mit einer kleinen Handtrommel nahe dem Rewe in der Bahnhofstraß mit einem «Rettet die Wale!». Dann zieht sie weiter und klopft auf dem kleinen Gong herum, während sie mit dem Hintern wackelt.  Manchmal würde ich das Abregnen feindlicher Fallschirmjäger über Berlin als willkommene Abwechslung begrüßen. Viel verrückter kann es kaum werden. In einer Wohnung um die Ecke hängt seit einer Weile eine syrische Flagge und die der freien syrischen Armee. Auch Köpenick ist eben keine Festung.

Bild: Pixabay

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