“Monsieur Macron? Er soll zur Hölle fahren! Dieser Teufel!”

von Ignatius

Ich habe es nicht ausgehalten und bin nach Frankreich gefahren, obwohl ich dort eigentlich nicht wieder hin wollte. Eigentlich hatte ich mit diesem Land abschließen wollen. Aber die Ereignisse der letzten Wochen haben mich überzeugt, dass ich bei diesen historischen Tagen nicht fehlen darf. Also rief ich Clement*(Name geändert), einen guten Freund von mir in Lothringen an, ob wir nicht zusammen nach Paris fahren wollen. Am Telefon scherzt er mit mir, klingt aber seltsam ernst: «Fahren? Wer kann sich das schon leisten?! Wir werden laufen! Ich bin der Rikscha-Fahrer von Monsieur Macron und werde ihn holen und persönlich zum Atlantik tragen! Fils de pute! (Es folgen weitere, laute Flüche auf Französisch und Englisch.)

Über die A61 geht es nach Strasbourg. Nur ein paar Autominuten entfernt davon wohnen mein Freund und seine französische Großfamilie, eine katholische Erinnerung an ein Frankreich, das mal war, aber jetzt verschwindet. In der Nähe der Stadt habe ich eine Zeit lang gedient und die Erinnerungen an die Zeit bei der Truppe werden aufgefrischt, als ich einen französischen Soldaten an mir vorbeifahren sehe. Die Uniform ist unverkennbar. Nach mehrstündiger Fahrt erreiche ich endlich das kleine Örtchen, die Peripherie der Großstadt. Für Touristen ein Augenschmaus, weil diese nicht ahnen, dass sich hinter den Fenstern frustrierte Wutbürger, Dutzende sant dents, die Ungewaschenen, verbergen. So nennen sie sich zumindest und es besteht kein Zweifel daran, dass die soziale Revolte auch die kleinen Dörfer erfasst hat. Gerade hier finden sich etliche Menschen im Straßenbild, die ihre gelben Warnwesten tragen oder an die Gartenzäune gehangen haben. Der Vater erkennt mich sofort, als ich vor dem Tor parke. Es handelt sich um ein altes Bauernhaus, das hier schon seit dem späten Mittelalter steht. Ein Familienbesitz, ärmlich und doch komfortabel. Über die Jahrhunderte geplegt, erweitert und von einer Blutslinie bewohnt. Wer spricht für die Clements und Jeannes der Republik? Macron sicher nicht.

«Macron!» Der alte Vater spuckt auf den Boden und zertritt die Spuckspur mit dem Schuh. «Er soll zur Hölle fahren, DIESER TEUFEL» ruft er mir zu und lädt dann freundlich zum Kaffee ein. Clement ist noch unterwegs. «Am Sonntag?» frage ich und bekomme ein Nicken als Antwort.

Natürlich! Er ist unterwegs für die Kirchgemeinde. Ich verstehe und ermahne mich selbst, dass ich es heute versäumt habe. Es gibt Butterkuchen, Kaffee und Kekse. Serviert wird alles in Porzellan, das wohl noch aus dem letzten Jahrhundert stammt. Es dauert nicht lange bis Clement auch kommt, die Frau und die Kinder im Schlepptau. Eine französische Familie wie aus dem Fotoalbum. Weiße Europäer, Schreck lass nach! Die Mutter sorgt sich liebevoll um die Kinder, arbeitet halbtags in einem Büro in der Stadt. Der Mann ein mittlerweile ergrauender Kerl, der auf die 40 zugeht. Wir schließen uns in die Arme und lachen einander herzlich an. Es sind dunkle Tage in Frankreich, die es mit Heiterkeit und der Liebe Gottes zu füllen gilt.

«Erzähl mir was los ist hier» frage ich ihn und wir reden lange, mehrere Stunden. Das heißt ich höre zu, er redet, redet und redet. Es ist eine Litanei des Zorns, die ich so gar nicht von ihm kenne. Diese Wut muss aufgestaut worden sein, lange versteckt und geheim gehalten. Alle berichten sie mir, dass es nicht um das Benzin oder den Diesel allein geht. Es geht um mehr! Papa und Mama wechseln sich ab, Großvater stimmt meistens einsilbig zu. «Es geht nicht mehr, nein, es geht nicht mehr!» wiederholt die Mutter immer wieder und schüttelt den Kopf, weint sogar ein wenig. Sie pendelt mit dem Auto in die Großstadt. Im letzten Jahr hat man zwölf Mitarbeitern gekündigt und es stehen weitere Personaleinsparungen an. Die Hälfte der Firma von Clement soll ebenfalls abgebaut und im Ausland wieder aufgebaut werden. Nach Asien will man gehen und die Gewerkschaft hat zum Streik aufgerufen, wie immer in Frankreich. Aber hier ist echte Existenzangst im Spiel, wie man sie in Deutschland gerade erst kennenlernt. «Wir treten wie die Hamster im Rad und kommen nicht vorwärts!» Dieser Satz fällt im Gespräch immer wieder. Clement zeigt mir seine gelbe Weste voller Stolz und berichtet davon, dass er gestern auch protestiert hat. Mit den Steinewerfern will er nicht zu tun haben, betont aber, dass es so nicht weitergehen kann. «Wir arbeiten uns in die Armut hinein», sagt er mir leise und zeigt mir im Vertrauen die Kontoauszüge. Strom, Wasser, Einkäufe, Benzin und die Kinder – beide Eltern stehen in Lohn und Brot und kommen trotzdem nicht vorwärts. Sie rutschen ab. Von der Mittelschicht in die Unterschicht, wo viele Franzosen langsam ankommen. Sehr viele junge Leute ziehen ins Ausland, wird mir berichtet. Vor allem Kanada soll beliebt sein, weil man dort auch Französisch spricht. Manchmal habe ich Mühe zu folgen, weil viel geflucht wird, wie das sonst sehr unüblich ist. Der Großvater, der selbst vorhin fluchte, ermahnt den Sohn immer wieder: «Keine Kraftwörter, dies ist ein christliches Haus!»

«Alle Franzosen geht es an – ob weiß oder dunkelhäutig – alle müssen zusammenhalten für Frankreich.» Der Aufruf klingt ernst gemeint und wird mit breiter Brust von Clement vorgetragen. Auf dem Notebook wirft der Großvater die Marseillaise an und irgendwie muss ich lachen, weil ich das komisch finde. Aber nach einigen Sekunden erkenne ich, dass ich die Franzosen wirklich um diesen Wirbelsturm der revolutionären Gefühle, auch wenn sie vergehen werden, beneide.

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