Der Große Orient oder: Über Sinn und Unsinn von Verschwörungstheorien

Wenn Freimaurerei und Politik miteinander in Verbindung gesetzt werden, denkt man sofort an «Verschwörungstheorie». Und tatsächlich ist es so, dass 99% der zum Thema existierenden Literatur auf Mummenschanz hinauslaufen. Es werden Kontinuitäten konstruiert, wo die Brüche vorherrschen, aus Korrelationen werden Kausalitäten gemacht und man nimmt merkwürdigerweise an, dass eine Macht, die gerade in ihrer Unsichtbarkeit bestehen soll, sich durch Symbole und Codes bemerkbar mache. Auf der einen Seite ist die Verschwörung gewissermaßen der Normalfall der Geschichte: Eine Gruppe von Menschen tut sich zusammen, um gemeinsame politische Ziele auf informellem Wege, vorbei an den zuständigen Institutionen und abgeschirmt vom Licht der Öffentlichkeit zu verfolgen. So weit, so banal. Wenn von Verschwörungstheorie die Rede ist, wird gemeinhin etwas anderes gemeint: Ein universaler Zusammenhang absichtsvoller Steuerung der Weltpolitik durch eine bestimmte oder gar unbestimmbare Gruppe von Dunkelmännern, aus dem es kein Entkommen gibt. Eine solche Hypothese ist aus verschiedenen Gründen unsinnig: Sie ist einmal erkenntnistheoretisch unsinnig, weil niemand ein so lückenlos gestricktes Konspirationsnetz zu durchschauen vermag, vor allem dann nicht, wenn das bekannte allsehende Auge der Vorsehung auf der Dollarnote ohnehin immer schon einen Schritt voraus ist. Sie ist aus praktischen Gründen schwer vorstellbar, da das Menschlich-Allzumenschliche jede Absicht und Planbarkeit konterkariert, wie wir das auch aus unserem Alltagsleben (leider) kennen: Je mehr Mittel einem zur Verfügung stehen und je mehr Menschen aktiv oder passiv einbezogen sind, desto unberechenbarer und unüberschaubarer fällt die Kette möglicher Folgen aus. Schließlich würde uns die Verschwörungsthese, wenn sie wirklich wahr wäre, aus pragmatischen Gründen zu absoluter Handlungsohnmacht verdammen: Falls die Verschwörer so übermächtig sind, überall ihre Finger im Spiel haben und selbst jede Opposition noch eine gesteuerte oder inszenierte sein soll, ist dagegen kein Ankommen. Wo immer wir glauben, die Dunkelmänner zu entlarven, tauchen sie wie eine Badeente an einer anderen Stelle wieder auf, um weiter ihr täuschendes Spiel mit uns zu treiben. Johannes Rogalla von Bieberstein hat Recht, wenn er Verschwörungsthesen dieser Art als «Erklärungsmodelle» definiert, «welche die vermeintlich unter der Oberfläche verborgen liegenden wahren Ursachen als illegitim und gefährlich erachteter Veränderungsprozesse zu entlarven vorgeben». Sie sind in der Regel ein «ein politisch- ideologisches Kampfinstrument», hinter dem selbst wiederum politische Absichten stehen. Aus diesem Grund fungiert der Vorwurf «Verschwörungstheorie» auch gerne als Totschlagargument, um dem Anderen zu unterstellen, er vertrete obige Weltverschwörungstheorie, die man eigentlich nicht ernsthaft vertreten kann.

Was man aber sehr wohl ernsthaft vertreten kann ist, dass es eine Vielfalt von unterschiedlichen partikularen Verschwörungsversuchen im banalen Sinne (erste Definition) gibt, die unter bestimmten Umständen konvergieren können, zumindest eine gewisse Zeit lang. Ein historisches Beispiel ist, so abgedroschen es klingen mag, die Freimaurerei und ihr Konnex mit Revolution und Emanzipation. Diese Verbindung ist nicht so eindimensional und eindeutig, wie es meistens dargestellt wird. Die 1717 in London gegründete erste Großloge, die sich auf die mittelalterliche Tradition der Dombauhütten zurückführte, war tendenziell staatstragend und konservativ. Diese sogenannte blaue Johannismaurerei mit den drei Graden Lehrling, Geselle und Meister wurde bald von «roten» Hochgradsystemen überwuchert, dem Schottischen Ritus oder dem ägyptischen Misraim-Ritus, die mit ihren Graden, Ritualen und arkanen Wissensbeständen nicht wenig zur ihrer Selbstmystifizierung beitrugen. Die Macht der Logen in der Gesellschaft war niemals eine vertikale von oben nach unten, wie es die Illuminatenpyramide andeutet und für die Verhältnisse innerhalb der Logen charakteristisch war, sondern eine horizontale, die im Knüpfen von Netzwerken bestand und sich vor Öffentlichkeit und Legitimationszwang zu verbergen vermochte.

Es war eine kommunikative Macht, welche den Staat und seine Institutionen quer durchdringen konnte und infolgedessen griffen die revolutionären Bewegungen im 19. Jahrhundert auf diese Art der Organisation zurück, um ihre Absichten besser zu tarnen und Anhänger zu gewinnen. Die politische einflussreichste Loge war der «Grand Orient de France», gegründet 1773, und sie versammelte Bürger, die Religion durch Moral ersetzen wollten. Von vielen berühmten Revolutionären und Möchtegernrevolutionären führen Linien zurück auf den Großen Orient: Der deutsche Jakobiner Georg Forster, der im Zuge der Französischen Revolution die Mainzer Republik miterrichtete und die Terrorherrschaft in Paris rechtfertigte, gehörte der Loge «Les Neuf Soeurs» an. Michael Bakunin, ein europaweit umtriebiger russischer Anarchist, und Moses Hess, sozialistischer Theoretiker und Lehrer von Karl Marx, waren Mitglieder im Großen Orient bzw. von dessen Ablegern und hofften, aus dem maurerischen einen sozialistischen Humanismus entwickeln zu können. Die Freimaurerei schien im Kleinen das zu bieten, was man im Großen realisieren wollte: Sie galt als eine esoterische laizistische Republik, die ihre Bruderketten in die Politik ausstreckte. Logennetzwerke waren wesentlich in die Finanzierung sozialistischer Zeitungen, z.B. des französischen «Vorwärts», eingebunden. Der Held des italienischen Risorgimento, Giuseppe Garibaldi, war seit 1864 Großmeister des italienischen Grande Oriente. Das Projekt der «Vereinigten Staaten von Europa» tauchte erstmals 1867 auf einem Kongress der «Friedens- und Freiheitsliga» in Genf auf, den der Freimaurer Jules Barni, ab 1874 ein «Orientalist», feierlich eröffnete.

Die Erste Internationale (1864) stand unter dem Einfluss der Loge der «Philadelphes», die sich von Frankreich nach London abgesetzt hatten und in ihrem «Generalrat» überproportional vertreten waren. Hess fungierte gewissermaßen als Verbindungsoffizier zwischen Loge, den Lassalleanern in Deutschland und der Internationale. Als Frankreich 1871 den Krieg gegen Preußen-Deutschland verloren hatte und die Arbeiter der Pariser Kommune den Aufstand gegen die bürgerliche Regierung probten, solidarisierten sich prompt die Freimaurer des Großen Orients mit den Aufständischen und griffen – mit Schurz, Zylinder und Schärpe – selbst zu den Waffen. Auch in der Führungsriege der jungtürkischen Bewegung spielten Freimaurer eine gewisse Rolle, z.B. war der Finanzminister der Jungtürken, Djavid Bey, Logenmitglied im ottomanischen Grand Orient. Nicht zuletzt an der Februarrevolution in Russland 1917 nahmen Maurer tätigen Anteil und unterstützten auf diese Weise den Sturz des Zaren und die Bildung einer bürgerlichen Regierung, indem sie überparteiliche Kommunikation ermöglichten. Regierungschef Alexander Kerenski amtierte bereits vor der Revolution als Generalsekretär des russischen Grand Orient. Die Radikalisierung im Rahmen der nachfolgenden Oktoberrevolution wollte man indessen nicht mehr mitmachen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis heute versteht sich der Große Orient als Vorkämpfer einer «progressiven» Biopolitik, will heißen von Abtreibung, Empfängnisverhütung, Geburtenkontrolle und Sterbehilfe. Treibende Kräfte hinter dem französischen Abtreibungsgesetz von 1975 waren in Logenzusammenhänge involviert, die «Maternité heureuse» Anne-Marie Dourlen-Rollier oder der Arzt Pierre Simon. Es ist dies die dunkle Kehrseite des freimaurerischen Autonomismus, die Benedikt XVI. einmal als «Kultur des Todes» bezeichnete und die mit erheblichem finanziellen und publizistischen Aufwand forciert wird.

Gibt am Ende doch die freimaurerische Weltverschwörung unter dem geheimen Siegel des Großen Orients, der die abendländische Zivilisation unter der Fahne des Humanismus in den Abgrund reißt? Es scheint zwar Verknüpfungen zwischen Freimaurerei und revolutionären Bewegungen gegeben zu haben, diese waren allerdings zu lose, unsystematisch und brüchig, als dass man von einer großen Linie oder einheitlichen Absicht sprechen könnte: Jede Verschwörung ruft ihre Gegenverschwörung hervor, die sie entweder überbieten oder verhindern will. Die Geschichte zeugt uns davon. Es gilt schließlich zweierlei festzuhalten. Man darf, per Analogieschluss, von einer geistigen Wahlverwandtschaft zwischen den Grundideen der Freimaurerei und den denen der «ewigen Linken» ausgehen: Immer geht es irgendwie um Emanzipation und Gleichheit für die Menschheit, die – und darin liegt der Widerspruch – nur durch geheime oder zumindest bevormundende Leitung zu verwirklichen ist. Außerdem verbirgt sich hinter dem, was oft mit «Verschwörung» assoziiert wird, die kommunikative Macht der Netzwerke, die heute womöglich anders heißen und unsichtbar für Dritte wirken können. Anstatt überall Verschwörungen aufzudecken, ist es an uns, eine möglichst große «Gegenverschwörung» mit eigenen Netzwerken aufzubauen, die dieser Strömung Paroli bietet.

Literatur

Johannes Rogalla von Bieberstein: Die These von der Verschwörung 1776–1945. Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung, 1976.

Lorenz Jäger: Hinter dem Großen Orient. Freimaurerei und Revolutionsbewegungen, 2009.

Bild: Pixabay

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