Im Wissen auf der falschen Seite zu stehen

von Ignatius

Frankreich taumelt unaufhaltsam in den langen Niedergang. Seit Tagen explodieren die Proteste der sogenannten Gelben Westen im Großraum Paris, aber auch in anderen Großstädten Frankreichs. Auslöser sind die sozialen Belastungen, die eine französische Familie der mittleren Unterschicht und unteren Mittelschicht nicht mehr bereit ist zu tragen. Die von den französischen und europäischen Eliten geförderte Energiewende, die Feindschaft zum Automobil und die immer frechere Steuerbelastung bringen in Frankreich das Fass zum Überlaufen. Am Donnerstag telefonierte ich mit einem guten Freund, der Polizist im Raum Paris ist. Ein weißer Franzose mit zwei Kindern, die er alleine durchbringen muss. Seine Frau hat trotz Studium der Chemie keinen richtigen Job, sondern hangelt sich von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zum nächsten Minijob oder Praktikum. «Es ist sehr schlimm», sagt er mir am am Telefon und ich kann ihn beinahe auf der anderen Seite mit dem Kopf schütteln hören. «Viele Kollegen haben sich krank gemeldet, weil sie nicht gegen die [Gelbwesten] vorgehen wollen», sagt er mir und fügt hinzu, dass französische Polizisten aus anderen Arrondissements nach Paris bestellt wurden, um die Lücken zu füllen und vielleicht auch deshalb, weil Polizisten aus Metz oder Straßburg weniger scheu im Umgang mit Demonstranten aus Paris sein könnten. Nur brutal soll sie sein, die Lage auf beiden Seiten. Er erzählt mir von Linksextremen und Rechtsextremen, die sich unter die Protestbewegung gemischt haben und von denen viel Gewalt gegen die Polizei ausgeht. Die gefrusteten Beamten, er nimmt sich hier nicht aus, schlagen zurück.

«Alle meine Freunde und meine halbe Familie stehen in gelben Westen auf dem Champs Élysées, aber auf der anderen Seite.» Seine Stimme bricht manchmal, er hat Kopfschmerzen, sagt er mir. Es gäbe die verrückte Situation, dass auch Polizisten, überhaupt rechte, linke, bürgerliche, kleinbürgerliche, aber vor allem europäische Franzosen sich an den Protesten beteiligen. Dieser Protest sei anderer Natur, als die Ausschreitungen durch die afrikanischen Migranten, betont er und fügt ein «Macron démission» hinzu. Macron muss zurücktreten.

Dann erzählt mir, wie teuer das Leben in Frankreich geworden ist. Dass er verzweifelt ist, die Miete dieses Jahr wieder stieg und auch er weder mit der Metro zur Arbeit fahren will, noch sich die Verteuerung des Benzinpreises leisten kann. Vor allem seiner Frau gehe es nicht gut, führt er lange und mit bedrückter Stimme aus. «Keine Arbeit, die es lohnt Arbeit genannt zu werden», sagt er und meint die Bezahlung. Arbeit gäbe wohl schon noch hier und dort. Aber selbst gut ausgebildete, junge Leute würden bis weit über die 30 noch ohne feste Anstellung leben. Nur wer reich ist, werde noch reicher. Dass Macron der Präsident der Reichen ist, erwähnt er mehrmals und macht dabei ein Geräusch als würde er spucken.

«En avant pour de nouvelles conquêtes!» – Wir enden auf diesen Worten. Es ist ein Zitat von Marine Le Pen.

 

 

 

 

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