Der Bourgeois der Bundesrepublik

von Ignatius

Abstrus und seltsam mutet unsere Bundesrepublik dieser Tage an, wenn hippe, junge Männer und Frauen aus der oberen Mittelschicht oder unteren Oberschicht beisammen sitzen und sich in der Mittagspause bei einer westdeutschen Aktienfirma über «diese Wutbürger» unterhalten. Austauschen kann man das ja nicht nennen, weil nicht grundlegend verschiedene Positionen wiedergegeben werden und man sich nur gegenseitig zustimmt. Als ein Mann mit einer konträren Meinungen unterliegt man dem Gesetz der Übermacht und muss die Abneigung der ganzen Gruppe ertragen, wenn man sich zur politisch unkorrekten Äußerung durchdringt.

Wie kann es sein, dass Menschen, die weit über ihre 20er hinaus sind, sich trotz fürstlichem Einkommen und einem Haus am Stadtrand oder Immobilie im Zentrum für so etwas wie die Vorkämpfer einer proletarischen Revolution halten? Einer Öko-Bio-Arbeiterschaft, der sie selber nicht entstammen und die es nur in sehr geringfügiger Menge gibt. Mir erschließt sich wirklich nicht, wie ein Mitte Fünfzig Rechtsanwalt niemals aus der Rebellenphase seiner Kindheit herausgekommen und erwachsen geworden ist, sondern sich quasi für einen weniger brutalen, aber sozialistisch vollwertigen Lenin halten, der das unmündige Volk von den Ketten des Kapitalismus befreien will. Heute trägt er Anzug ohne Krawatte, früher schmiss er Steine auf Polizisten. Dass wir heute in einem Linksstaat leben, ist keine Fantasie, sondern Fakt, wenn die vorherrschende Mentalität bei den Wohlhabenden, den Medienmachern und Politikern eine Mischung aus ökonomischen Schuldgefühlen gegenüber den Besitzlosen und Fremdenliebe für die Völker Vorderasiens und Schwarzafrikas ist.

Die Anmaßung ist sogar so groß, dass die AfD im selben Atemzug für neoliberale Positionen verurteilt wird, bevor sich das Gespräch wenige Sekunden später dem Immobilienmarkt in Köln und Aachen zuwendet, wo die feinen Herrschaften nicht vergessen zu betonen, dass man da nicht ab unter einer Millionen auf dem Bankkonto mitspielen sollte. Selbst mit guten Einkünften als Angestellter einer Aktienfirma ist nur schwer zu erklären, wie die Herren und Damen zu so viel Geld gelangt sind. Wer sie nicht kennt, würde vielleicht sagen, dass sie nur gut gewirtschaftet haben und vielleicht gut mit Geld umzugehen wissen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Bekannten und Freunde meiner Ex-Frau sind nicht arm, keine Söhne und Töchter, die in Köln-Kalk zur Schule gehen mussten. Diese Tischgesellschaft wurde mit dem goldenen Löffel im Mund geboren oder mindestens einem silbernen. Mittlerweile haben es viele sogar geschafft aus dem Goldlöffel einen Kupfer- oder Messinglöffel zu machen, weil sie den Wohlstand der Eltern durch gescheiterte Unternehmensgründungen belastet haben. Ruiniert hat sie das nicht, weil sie das alte Vermögen der Vorfahren verfressen konnten. Die Speckgeschicht war dick genug.

Wer schon Geld hat, der hat auch wesentlich mehr Möglichkeiten. Deshalb ist es ein Leichtes für einen Herren am Tisch zu sagen, dass in Deutschland ja für jeden alles möglich sei, wenn er selbst über Nacht ein Unternehmen mit 50.000 Euro Startkapital gründen und innerhalb eines halben Jahres in den Sand setzen konnte, ohne dass es sich merklich auf sein Konto ausgewirkt hätte. Von Migration und Altersarmut muss man diesen Menschen nichts erzählen, die als Morgenlektüre die Süddeutsche Zeitung konsumieren und einen oder zwei illegale Migranten, meistens Südosteuropäer, schwarz für sich Daheim arbeiten lassen. Wahlweise als Kindermädchen oder als Gärtner. Im Westen Deutschlands haben wir beinahe kalifornische Zustände erreicht. Eine völlig abgehobene Schicht des Bürgertums lebt in Saus und Braus, wähnt sich im Irrglauben für die Arbeiter zu sprechen und tut alles, um die soziale Seifenblase zu schützen. Wachschutz, Alarmanlagen und Kameras sind normal, wo Leute wohnen, die auf Twitter nach «offenen Grenzen» schreien und Benefizveranstaltungen gegen Rechts besuchen. Die Herren und Damen stammen aus Schalksmühle oder aus dem Speckkranz bei Düsseldorf. Gleichzeitig lebt kaum eine soziale Schicht in Deutschland so isoliert, wie diese 10% der Bevölkerung, die wenig bis gar keinen Bezug zum restlichen Teil des Volkes haben.  Man macht den Urlaub innerhalb der eigenen sozialen Schicht, fährt nach Rügen und Usedom, zum Zermatt in den Ski-Urlaub und ist besser vertraut mit den Stränden von Portugal als mit der eigenen Heimat. Er schenkt seinem Nachbarn, mir, dem Einsatzsoldaten und Vater, die Bücher «Krieg dem Kriege» des Anarchisten Ernst Friedrich und «Über die Erziehung» von Jean-Jacques Rousseaus , weil er sich als kinderloser Wehrdienstverweigerer für befähigt hält mir in diesen Dingen Ratschläge zu erteilen und dabei verschmitzt zu grinsen.

Dieser Typus von Bourgeois ist so ekelerregend und Gift für die soziale Gemeinschaft, weil er weder Wohlstand mehrt noch Althergebrachtes bewahrt. Er ist ein Parasit.

 

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